06.04.2015 20:08

«Urban Mining»

Schweizer bunkern 338 Kilo Gold in alten Handys

Nur jedes fünfte Smartphone wird hierzulande recycelt. Anstatt Handys wegzuwerfen, lagern Schweizer alte Geräte lieber zu Hause.

von
Philipp Stirnemann

Die wertvollen Materialien in Handys werden rezykliert. Für die Swisscom übernimmt das die Solenthaler Recycling. (Video: Roland Schäfli)

Während bei Samsung schon über 20 Millionen Vorbestellungen für das Galaxy S6 eingegangen sein sollen, erwarten Analysten, dass Apples iPhone 6 im ersten Quartal 2015 58 Millionen Mal verkauft worden ist. Da die meisten dieser neuen Smartphones ältere Geräte ersetzen, gibt es als Konsequenz Millionen Handys, die nicht mehr gebraucht werden.

Doch was passiert mit den ausgedienten Geräten? Werden sie verschenkt, verkauft oder gar achtlos weggeworfen, um als E-Schrott Umwelt und Mensch zu belasten? Letzteres trifft, zumindest in der Schweiz, in den seltensten Fällen zu, wie vom Schweizer Verband der ICT-Anbieter Swico erhobene Statistiken aufzeigen (siehe Bildstrecke).

Sechs Jahre im Einsatz

«Schweizer wechseln alle zwei Jahre das Smartphone», sagt Jean-Marc Hensch von Swico: «Ein Handy wird aber im Durchschnitt sechs Jahre genutzt.» Das heisst, ein Grossteil kommuniziert mit einem Secondhand-Gerät. Wer sich ein fabrikneues Handy leistet, verkauft oder verschenkt sein altes. Zudem bunkern viele Schweizer ihre alten Geräte zu Hause, anstatt sie wegzuwerfen. Für den Geschäftsführer von Swico liegt das daran, dass Handys als Wertgegenstände betrachtet werden, weshalb sie nicht im Hausmüll landen. Der positive Aspekt der privaten Lagerung sei, dass dadurch weder Mensch noch Umwelt Schaden nehmen.

Schweizer Nachhaltigkeit

2013 wurden insgesamt 590'000 Mobiltelefone fachgerecht entsorgt, wie der Fachbericht der Swico zeigt (als PDF online erhältlich). Einzig Geräte aus dem Bereich Unterhaltungselektronik (exklusiv Fernseher) sowie Festnetztelefone wurden in grösserer Anzahl als Smartphones rezykliert.

Zudem liegt die Schweizer Rücklaufquote (20 Prozent) deutlich über dem globalen Durchschnitt (3 Prozent). Daraus kann man folgern, dass die Eidgenossen in Sachen Handy-Nachhaltigkeit wahre Weltmeister sind.

Das Handy als Mine

In den Geräten steckt viel Edelmetall: Wie die Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) errechnet hat, bunkerten die Schweizer 2011 insgesamt 338 Kilogramm Gold in alten Handys. Das entspricht nach dem aktuellen Goldpreis über 12,5 Millionen Franken.

Bedenkt man ausserdem, dass 75 Prozent eines Smartphones wiederverwertbar sind und beim Recycling nicht einmal 1 Prozent Schadstoffe entstehen, sollte man sich zweimal überlegen, ob man anstelle der Privat-Lagerung nicht lieber sogenanntes «Urban Mining» betreiben sollte. Alte Handys enthalten nämlich über 50-mal so viel Gold wie die ertragreichsten Minen der Welt. Zum Vergleich: Auf eine Tonne Material kommen bei ausgedienten Handys 280 Gramm Gold, während die beste Goldmine Südafrikas lediglich auf 5 Gramm Gold pro Tonne Material kommt.

So funktioniert das Recycling

Das oben angeführte Video zeigt am Beispiel Swisscom, wie Smartphones rezykliert werden. Der Mobilfunkanbieter führt an seinen Rückgabestellen vorerst eine eigene Triage aus: Handys, die noch zu gebrauchen sind, werden aussortiert. Der Rest geht an die Solenthaler Recyling AG, den Recycling-Partner der Swisscom. Solenthaler arbeitet mit acht «Dock»-Zerlegebetrieben zusammen, wo die Telefone von Hand demontiert und die Schadstoffe entfrachtet werden.

Im Recycling-Werk in Gossau wird das Material dann zusammen mit anderem Elektroschrott mechanisch zerkleinert. Die Separationstechnik trennt die wertvollen Edelmetalle durch Magnete, Siebe und andere Sortierverfahren. Dann wird das recyclierte Material getrennt verkauft. Die Swisscom ist daran mit einer Pauschale beteiligt. Allerdings werden die Rohstoffe nach dem aktuellen Börsenkurs berechnet, die Preise in diesen Segmenten sind sehr volatil.

Handy-Recycling in der Schweiz:

Damit ausrangierte Geräte umweltverträglich entsorgt werden, sollte man sie in den Elektro-Fachhandel zurückbringen. Jeder Smartphone-Händler muss Altgeräte entgegennehmen - auch wenn sie nicht bei ihm gekauft wurden. Dafür zahlen Konsumenten in der Schweiz beim Kauf eines jeden elektronischen Geräts die im Preis enthaltene vorgezogene Recycling-Gebühr (vRG). Das ausrangierte Handy kann man auch bei der Post entsorgen lassen. Je nach Modell, Zustand und Alter gibt es dafür einen Einkaufsgutschein.

Was passiert mit dem Handy-Schrott?

Wurden die wiederverwertbaren Komponenten eines ausrangierten Handys von den unbrauchbaren getrennt, landet der Handy-Müll in der Verbrennungsanlage. Etwa 24 Prozent jedes Smartphones gehen so in Rauch auf. Der Anteil gefährlicher Schadstoffe wie Quecksilber beträgt weniger als ein Prozent. Sie werden entweder in Hochtemperaturöfen eingeäschert oder in Spezialdeponien eingelagert. Solche Deponien gibt es im ganzen EU-Raum. Gemäss Jean-Marc Hensch von Swico landet kein Handy-Müll aus der Schweiz in einem Dritt-Welt-Land.

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