Aktualisiert 27.01.2015 12:15

OECD-Studie

Schweizer Chirurgen schneiden schlecht ab

Das Schweizer Gesundheitswesen gilt als eines der besten der Welt. In keinem anderen OECD-Land geht aber mehr Operationsbesteck bei OPs verloren.

von
G. Brönnimann
Verflixt und zugenäht: Dieser Vergleich schmerzt. Der direkte Vergleich der Daten sei zwar problematisch. Doch zählen Länder wie Schweden, Norwegen oder Deutschland wirklich ungenauer als die Schweiz, was im Körper von Patienten zurückbleibt?

Verflixt und zugenäht: Dieser Vergleich schmerzt. Der direkte Vergleich der Daten sei zwar problematisch. Doch zählen Länder wie Schweden, Norwegen oder Deutschland wirklich ungenauer als die Schweiz, was im Körper von Patienten zurückbleibt?

«CH registriert mehr Patienten, in denen unbeabsichtigt OP-Besteck zurückgelassen wurde, als jedes andere europäische Land», schrieb der statistische Dienst der OECD gestern auf Twitter. Und tatsächlich: Laut einem neuen Bericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung bildet die Schweiz das Schlusslicht im Europäischen Vergleich (siehe Grafik). In keinem anderen Land verlieren Ärzte laut OECD mehr Operationszubehör während OPs – und zwar nicht unter dem Operationstisch, sondern in den Patienten. Und das kann lebensgefährlich sein.

Der EU-Schnitt liegt bei 3,8 verlorenen OP-Bestecken pro 100'000 Operationen – der Schweizer Schnitt bei 11,6 OP-Bestecken. Damit liegt die Schweiz einsam an der nicht erstrebenswerten Spitzenposition – Länder wie Norwegen (6,0), Deutschland (5,5), Schweden (4,4) oder Finnland (3,9) liegen deutlich unter dem Schweizer Wert.

Notfälle, Teamwechsel, Kommunikationsprobleme

Wie kommt es, dass Gegenstände in OP-Patienten verloren gehen? Im 140-seitigen Gesundheitsbericht heisst es dazu, dies könne insbesondere bei «Notfällen, unvorhergesehenen Änderungen der Vorgehensweise, übergewichtigen Patienten und Wechseln im OP-Team» geschehen.

Die Schweizerische Gesellschaft für Chirurgie SGC gibt sich auf Anfrage erstaunt über die Zahlen: Man nehme den OECD-Bericht ernst und werde ihn genau prüfen. Doch weil man das Datenmaterial nicht kenne, könne man noch nichts dazu sagen. Ob man die Zahlen der einzelnen Länder wirklich vergleichen dürfe sei alles andere als sicher. Tatsächlich spricht der OECD-Bericht dieses Problem an: Es sei «Vorsicht geboten», den «in manchen Fällen seien höhere Zahlen problematischer Fälle auf besser entwickelte Systeme zur Erfassung der Patientensicherheit zurückzuführen, und nicht auf schlechtere Pflege.»

«Auf den ersten Blick erschreckt diese Statistik»

Margrit Kessler, Präsidentin der Stiftung Patientenschutz SPO, sagt: «Auf den ersten Blick erschreckt diese Statistik.» Auch sie gibt aber zu bedenken: «Man müsste sie aber im ganzen Kontext anschauen.» Es würden sich dann Fragen stellen wie: «Sind wir in der Schweiz so viel schlechter als zum Beispiel in Belgien, oder ist unsere Dokumentation bei Fehlern so viel besser als im Ausland? Hat die Fehlerkultur in der Schweiz tatsächlich Fortschritte gemacht? Wurden die zurückgebliebenen Gegenstände unmittelbar nach der Operation entdeckt und unter der gleichen Narkose entfernt?»

Die höheren Zahlen können laut Kessler sogar positiv gedeutet werden: «Wirkt in der Schweiz das Meldesystem für kritische Fälle, wäre das eine positive Nachricht.» Man darf gespannt sein, was die Überprüfung der Daten durch die SGC ergibt – medizinische Leistungen in Ländern wie Norwegen, Schweden oder Deutschland haben keinen schlechten Ruf. Kessler fügt an: «Selbstverständlich müssen immer wieder neue Wege gefunden werden, wie das Vergessen von körperfremden Gegenständen rechtzeitig entdeckt werden kann, damit keine zusätzliche belastende Eingriffe für die Patienten notwendig werden.»

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