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Unvergessene WM-MomenteSchweizer «David» schlägt den Nazi-Goliath

Wie besiegt man einen übermächtigen Gegner? Die Schweizer Nati von 1938 hat es vorgemacht, mit ihrem Sensations-Sieg gegen Grossdeutschland.

von
Peter Blunschi
Trello Abegglen erzielt den 4:2-Siegtreffer gegen Grossdeutschland. (Bild: SF)

Trello Abegglen erzielt den 4:2-Siegtreffer gegen Grossdeutschland. (Bild: SF)

Mit leichtem Gepäck reisten die Schweizer Anfang Juni 1938 zur Weltmeisterschaft nach Frankreich. Der erste Gegner im Achtelfinal hiess Deutschland, ein schnelles Aus schien programmiert. Seit dem «Anschluss» Österreichs im März war das dortige Nationalteam aufgelöst und mit dem deutschen «fusioniert» worden. Die Kombination von zwei der damals besten Fussballnationen der Welt schien unschlagbar.

Reichstrainer Sepp Herberger hatte von der Nazi-Regierung die Anweisung erhalten, eine gleichwertig aus Spielern von «Altreich» und «Ostmark» zusammengesetzte Mannschaft zu bilden. Herberger musste sich fügen und wusste doch genau: Deutsche Tugenden und Wiener Schmäh, das passte nicht zusammen. Prompt kam es von Beginn an zu Reibereien, der legendäre «Wunderstürmer» Matthias Sindelar etwa, der eine jüdische Freundin hatte, verweigerte die Teilnahme in der «grossdeutschen» Mannschaft.

Publikum auf Schweizer Seite

Dennoch trat Deutschland am 4. Juni im Parc des Princes in Paris als grosser Favorit an. Die vom Wiener Karl Rappan trainierten Schweizer aber erkämpften in einer harten Partie ein 1:1 nach Verlängerung. Weil es kein Penaltyschiessen gab, kam es fünf Tage später an gleicher Stelle zum Wiederholungsspiel. Die Schweizer hatten wie schon im ersten Spiel fast das gesamte Publikum auf ihrer Seite. Wegen strenger Devisenvorschriften durften deutsche Staatsbürger damals nur zehn Reichsmark ins Ausland mitnehmen, kaum ein Fan war deshalb nach Paris gereist.

Die Deutschen führten rasch 2:0, wobei der zweite Treffer auf die Kappe des Schweizer Verteidigers Ernst Lörtscher ging – es war das erste Eigentor in der Geschichte der Fussball-Weltmeisterschaften. Als Eugen Walaschek kurz vor der Pause der Anschlusstreffer gelang, schöpften die Eidgenossen neuen Mut. In der zweiten Hälfte steigerten sie sich in einen wahren Spielrausch und demontierten die schlecht harmonierende grossdeutsche Elf durch Tore des 20-jährigen Fredy Bickel und zweimal von André «Trello» Abegglen.

Minger schickt Telegramm

Der 4:2-Sensationssieg gilt als bis heute grösster Erfolg einer Schweizer A-Nationalmannschaft. In der Heimat war die Begeisterung riesig. Bundesrat Rudolf Minger schickte ein Glückwunsch-Telegramm, und die noble NZZ vermeldete das Ergebnis auf der Frontseite – damals eine mittlere Revolution. Zwar verloren die übermüdeten Schweizer im Viertelfinal mit 0:2 gegen Ungarn, doch bei ihrer Rückkehr wurden sie triumphal gefeiert. Auch im Ausland bewunderte man den Sieg von David gegen den ungeliebten Nazi-Goliath.

Weniger schöne Aspekte werden oft ausgeblendet, etwa dass die Schweiz sich noch während des Zweiten Weltkriegs den Deutschen als williger Länderspielgegner zur Verfügung stellte. Oder dass Nationalcoach Karl Rappan ein überzeugter Nazi war, der beim Abspielen der Nationalhymnen die Hand zum Hitlergruss erhoben hatte. Angesichts seiner Verdienste sah die Fremdenpolizei grosszügig über die braunen Flecken auf seiner Weste hinweg und verlängerte seine Aufenthaltsbewilligung stets ohne Probleme.

20 Minuten Online ruft in der Serie «Unvergessene WM-Momente» bis zum Ende der Fussball-Weltmeisterschaft in Südafrika täglich ein spektakuläres Ereignis vergangener Turniere in Erinnerung.

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