«Andere Probleme als Corona»: Schweizer DJ verteidigt Partyreisen nach Tansania
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«Andere Probleme als Corona»Schweizer DJ verteidigt Partyreisen nach Tansania

Der Schweizer DJ Gogo organisiert Reisen nach Tansania, wo der Präsident Corona bis vor kurzem leugnete. Er ist überzeugt, dass seine Partys den Einheimischen nicht schaden, sondern helfen.

von
Daniel Graf
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Der Schweizer DJ Gogo organisiert Partyreisen nach Tansania – und hilft damit laut seinen Angaben auch der Bevölkerung vor Ort.

Der Schweizer DJ Gogo organisiert Partyreisen nach Tansania – und hilft damit laut seinen Angaben auch der Bevölkerung vor Ort.

Privat
Sansibar lockt mit Traumstränden und schönem Wetter.

Sansibar lockt mit Traumstränden und schönem Wetter.

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Auch für Kitesurfer ist die Insel ein Paradies.

Auch für Kitesurfer ist die Insel ein Paradies.

Getty Images/iStockphoto

Darum gehts

  • Ein Video des «Izzy Magazine» mit einem Schweizer DJ sorgte für viel Aufsehen.

  • DJ Gogo organisiert mitten in der Pandemie Reisen nach Sansibar, wo der Präsident Corona fast ein Jahr lang komplett leugnete und seit drei Wochen verschwunden ist.

  • Im Interview rechtfertigt er seine Partytrips und erklärt, weshalb er überzeugt ist, den Menschen vor Ort damit zu helfen.

Peter Sacco alias DJ Gogo ist am 9. März 53 geworden. Seinen Geburtstag feierte er auf der zu Tansania gehörende Inselgruppe Sansibar vor der Küste Ostafrikas. Dorthin organisiert er auch seine «Musiqtrips». Das Angebot: Zehn Tage Sonne, Meer und Strandpartys, weit weg von der hiesigen Kälte und den mühsamen Corona-Massnahmen – denn offiziell gibt es Corona in Tansania nicht (siehe unten).

Für sein Corona-Regime erntete Tansania viel Kritik. Die WHO forderte das Land bereits zweimal auf, Klarheit darüber zu schaffen, wie viele Fälle es tatsächlich gibt. Trotzdem will DJ Gogo weiterhin Partyreisen nach Tansania organisieren, das auch nicht auf der Risikoliste des BAG ist. Im Interview schildert er, wie er die Situation vor Ort erlebt, weshalb er glaubt, dass man in Tansania besser vor Covid geschützt ist als in der Schweiz und welche Beobachtungen er im örtlichen Spital gemacht hat.

Mitten in einer globalen Pandemie feiern Sie in Tansania Strandpartys mit hunderten Leuten. Haben Sie kein schlechtes Gewissen?

Erstens einmal: Unsere Reisegruppe, mit der ich derzeit in Tansania bin, hat 37 Teilnehmer, davon 20 aus der Schweiz. Jeden Tag reisen hunderte Touristen nach Tansania. Weshalb um meine Reisen so viel Aufregung gemacht wird, verstehe ich nicht. Und nein, ich habe kein schlechtes Gewissen. In Tansania ist die Corona-Situation völlig unproblematisch, die Ansteckungsgefahr in der Schweiz ist um ein Vielfaches höher.

Nur, weil keine Zahlen veröffentlicht werden, heisst das nicht, dass es keine Ansteckungen gibt.

Natürlich. Aber während sich in der Schweiz, etwa bei der Wiedereröffnung der Läden, hunderte Menschen in geschlossenen Räumen drängten, spielt sich hier fast das ganze Leben draussen ab. Es ist sehr heiss und Sansibar ist für das Kiten und Surfen bekannt, weil es heftig windet. Hitze und Wind vermindern das Risiko einer Infektion zusätzlich.

Und von Ihren Gästen hat sich noch nie jemand angesteckt?

Das kann ich nun definitiv bestätigen. Die gesamte Gruppe hat sich testen lassen und alle sind negativ. Auch beim letzten Musiqtrip im Dezember sind alle gesund und munter zurück in die Schweiz gereist. Es hat sich also noch nie jemand an einem Musiqtrip angesteckt.

Also denken Sie, dass es tatsächlich keine Ansteckungen gibt?

Das habe ich nicht gesagt. Nur der Präsident leugnet Corona (mittlerweile hat der in einem Gottesdienst die Menschen aufgefordert, Masken zu tragen, Anm. d. Red.) und ist damit gefundenes Fressen für die Medien. Allen anderen ist bewusst, dass das Virus auch auf der Insel ist. Zuletzt haben sich leider auch ein paar bekannte Politiker angesteckt und daraus hat die internationale Presse geschlossen, dass Tansania ein Corona-Problem hat. Wir nehmen das hier aber ganz anders wahr. Schwere Erkrankungen sind wie gesagt sehr selten, was auch mit der Bevölkerungsstruktur zu tun hat. (Das Durchschnittsalter in Tansania liegt bei 18 Jahren, Anm. d. Red.). Die Spitäler sind leer und auch auf der Intensivstation hat es sehr viel Platz. Wir waren zuletzt am Sonntag im Spital, um uns testen zu lassen.

Anm. d. Red.: Wie die Lage in Tansanias Spitälern derzeit tatsächlich aussieht, ist schwierig einzuschätzen. Das Wirtschaftsmagazin Bloomberg schrieb Mitte Februar davon, dass auch Tansania von einer schweren Welle getroffen worden sei. Im Nachbarland Kenia müssen die Spitäler teils Patienten ablehnen. Tansanias Präsident ist seit drei Wochen nicht mehr öffentlich aufgetreten, Oppositionspolitiker behaupten, er sei ebenfalls schwer an Covid erkrankt und werde in Kenia behandelt.

Also bietet die Regierung mittlerweile Tests an?

Ja. Auf Druck von aussen hat die Politik reagiert und eine digitale Testregistrierung aufgeschaltet. Jetzt können nur noch Tests in zertifizierten Spitälern gemacht werden.

Das Virus ist also offenbar auf der Insel, unklar ist aber, in welchem Ausmass. Besteht nicht die Gefahr, dass Ihre Kunden das Virus wieder nach Europa tragen und so die Pandemie verlängern?

Das ist so gut wie ausgeschlossen. Jeder unserer Reisenden muss sich vor dem Hin- und vor dem Rückflug einem PCR-Test unterziehen, sonst könnten wir gar nicht mit Qatar Airways fliegen. Mit dem Flugzeug in die Schweiz einreisen darf seit dem 8. Februar nur noch, wer einen negativen Test hat, der nicht älter als 72 Stunden ist.

Wenn Corona auf der Insel kein Problem ist: Weshalb denken Sie, dass die Regierung nicht wie fast alle anderen Länder auch ehrlich darüber Auskunft gibt und verlässliche Daten liefert?

Die Einheimischen fürchten sich nicht vor Corona, sondern vor Malaria, Aids und weiteren tödlichen Krankheiten, die hier verbreitet sind. Und vor allem fürchten sie sich davor, dass der Präsident einen Lockdown verhängen könnte und sie keine Arbeit mehr hätten und dadurch kein Geld mehr, um ihre Kinder zu ernähren. Der Tourismus hier ist lebenswichtig und in Tansania gibt es keine sozialen Netze, um die Ärmsten aufzufangen. Reiche westliche Länder können sich Corona-Massnahmen wie Lockdowns leisten, ein Land wie Tansania nicht.

Je nach Art der Unterkunft kostet der zehntägige Trip zwischen 2000 und 3500 Franken. Verdienen Sie gut an den Reisen?

Da unsere Events vor Ort sehr aufwändig und dementsprechend auch sehr kostspielig sind, kann man sagen, dass wir weniger an einer Reise verdienen als ein normaler Tour-Operator oder ein Reisebüro. Glücklicherweise sind die Kosten vor Ort im Vergleich zur Schweiz um einiges tiefer. Ansonsten wären diese aufwändigen Events nicht durchführbar. Ich glaube aber auch wirklich, dass ich den Menschen vor Ort helfe. Musiqtrip unterstützt lokale NGOs und soziale Projekt wie «Africa Amini Life», mit denen wir eng zusammenarbeiten. Unsere Philosophie ist seit jeher – wir organisierten schon lange vor der Krise solche Reisen –, die lokale Bevölkerung vor Ort zu unterstützen.

Wer bucht Ihre Reisen hauptsächlich?

Hauptsächlich Menschen, welche elektronische Musik lieben. Natürlich sind Menschen, welche in solchen Zeiten eine Reise buchen, weniger oder überhaupt nicht von der Angst angesteckt, welche in der Schweiz verbreitet wird. Es sind weltoffene Menschen mit einer starken Persönlichkeit.

Das «Izzy Magazine» hat Sie unter dem Vorwand angerufen, vom tansanischen Konsulat in der Schweiz zu sein. Der vermeintliche Konsular gab zu, die Zahlen zu fälschen, damit Leute wie Sie Partys organisieren können. Corona sein «ein Problem der armen Leute», was Sie bejahten. Sie waren bereit, ihm als Gegenleistung 10 Gratistickets zu geben. Wie rechtfertigen Sie diese Aktion?

Um mich zu verarschen, hat er seine Stimme so verstellt, dass ich ihn am Telefon kaum verstanden habe. Noch einmal: Tansania hat kein massives Corona-Problem, die Menschen hier haben ganz andere Sorgen. Nach dem Telefonat habe ich die E-Mail-Adresse gegoogelt und herausgefunden, dass es eine Verarschung war. Ich habe keine Gratis-Tickets verschickt – unsere Events sind so oder so für alle Einheimischen gratis. Wäre es dem Izzy Magazine wirklich um einen seriösen Bericht gegangen, hätte er mich direkt mit den Vorwürfen konfrontieren und Klartext mit mir sprechen können. Offenbar war ihm die vermeintliche Sensation wichtiger.

Ist schon ein Termin für die nächste Reise nach Tansania bekannt?

Es ist noch kein neuer Termin fixiert. Es ist aber sehr wahrscheinlich, dass wir dieses Jahr nochmals nach Sansibar reisen, wenn es die Situation erlaubt. Es sind noch weitere Musiqtrips geplant in anderen Ländern. Diese können allerdings erst bereist werden, wenn sie ihre Corona-Massnahmen reduzieren.

Keine Zahlen mehr seit Frühling 2020

Tansania hatte sich bereits im Frühling 2020 zur Corona-freien Zone erklärt, Zahlen zu Infektionen, Spitaleinlieferungen oder Todesfällen gibt es seither nicht mehr. Tansanias Präsident John Magufuli erklärte, sein Land sei dank der Hilfe Gottes vom Virus verschont geblieben und wehrt sich mit der Begründung gegen Impfungen, dass sein Volk nicht als Versuchskaninchen herhalten werde. Erst nachdem letzten Monat gleich mehrere hochrangige Politiker verstorben sind, hat sich der Tonfall leicht geändert. Aktuelle Zahlen gibt es aber immer noch nicht.

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