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Armee-Aufklärungsdetachement 10Schweizer Elite-Soldaten in Kabul – eskortieren sie Leute an den Flughafen?

Am Dienstag sind sechs Schweizer Elite-Soldaten nach Afghanistan gereist, um dort die Rettung von Schweizerinnen und Schweizern zu organisieren. Ein Militärexperte sagt, wie ihre Mission aussehen könnte – und kritisiert das VBS.

von
Reto Heimann
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Elitesoldaten des Armee-Aufklärungsdetachements 10 bei einer Übung.

Elitesoldaten des Armee-Aufklärungsdetachements 10 bei einer Übung.

Mediathek VBS
Sechs von diesen Elitesoldaten sind am Dienstag nach Kabul gereist.

Sechs von diesen Elitesoldaten sind am Dienstag nach Kabul gereist.

Schweizer Armee
Die Mitglieder der Elite-Einheit sind geschult im Nahkampf, der Informationsbeschaffung und werden auch als Stosstrupp ausgebildet.

Die Mitglieder der Elite-Einheit sind geschult im Nahkampf, der Informationsbeschaffung und werden auch als Stosstrupp ausgebildet.

Schweizer Armee

Darum gehts

  • Das Armee-Aufklärungsdetachement 10 ist die Elite-Einheit der Schweizer Armee.

  • Sechs dieser Elite-Soldaten sind am Dienstag nach Afghanistan gereist.

  • Militär-Insider Roger Schärer spricht von einer «hervorragenden Schweizer Einheit» und gibt Einblick in die mögliche Mission in Kabul.

Am Mittwoch informierten die Bundesräte Ignazio Cassis und Karin Keller-Suter: Die Schweiz schickt sechs Elitesoldaten der Schweizer Armee nach Kabul. Sie sollen dort dafür sorgen, dass die insgesamt ungefähr 280 Personen, die der Bundesrat aus Afghanistan hinaus und in die Schweiz bringen will, gerettet werden können.

Wer sind die Soldaten, die die Schweiz nach Afghanistan schickt? Was ist ihre Mission, wie wurden sie darauf vorbereitet? Weder Ignazio Cassis noch Karin Keller-Suter wollten am Mittwoch genaue Angaben machen – aus Sicherheitsgründen. Verteidigungsministerin Viola Amherd nahm gar nicht erst an der Medienkonferenz teil. Ein Umstand, der bei Roger Schärer für Befremden sorgt. Der Militärexperte diente in der Schweizer Armee im Grad eines Oberst und Milizoberst in der Direktion für Sicherheitspolitik im VBS und war jahrelang persönlicher Berater und Redenschreiber des späteren Bundesrats Johann Schneider-Ammann.

Geheime Elite-Truppe

Für Schärer ist es unverständlich, dass nicht mehr Details zum Auslandeinsatz bekanntgegeben wurden. «Transparente Kommunikation wäre wünschenswert gewesen. Mehr noch: Die Bevölkerung über eine solche Mission in einem Krisengebiet umfassend zu informieren, ist eine Aufgabe der Armeeführung in einer solchen Situation», sagt Schärer und sagt: «Ich verstehe nicht, weshalb Verteidigungsministerin Viola Amherd nicht selbst informiert hat und ihre Kollegen Keller-Suter und Cassis vorschickt. Sie wird dann auftreten, wenn alles gut abgelaufen ist.»»

Oberst, Manager und Berater

Roger Schärer

Roger E. Schärer wurde 1947 geboren. Er studierte Rechtswissenschaft, war Direktor bei den Winterthurer Versicherungen und der Credit Suisse und Honorarkonsul von Polen. Von 2006 bis 2010 war er persönlicher Berater und Redenschreiber von Swissmem-Präsident Johann Schneider-Ammann, der 2010 bis 2018 Bundesrat war. Schärer absolvierte eine Dragoner-Rekrutenschule in Aarau. Nach der Unteroffiziersschule machte er eine militärische Karriere als Truppenkommandant, Oberst (heute ausser Dienst) und als Milizoberst in der Direktion für Sicherheitspolitik im VBS.

Die Soldaten, die die Schweiz nach Afghanistan entsandt hat, gehören dem sogenannten Armee-Aufklärungsdetachement 10 an. Es ist die militärische Elite-Einheit der Armee. Sie existiert seit 2004, vieles über sie ist aber auch über 15 Jahre später immer noch unbekannt und geheim. Weder weiss man, wer dem Detachement angehört, noch wer sie befiehlt. Es ist nicht mal genau klar, wie viele Mitglieder das Armee-Aufklärungsdetachement 10 zählt oder wo es stationiert ist.

Bewaffnet oder nicht?

Spanische, französische und britische Soldaten eskortieren inzwischen ihre Staatsangehörigen und die Ortskräfte an den Flughafen. Am Freitag liessen EDA-Vertreter die Frage offen, ob dies auch die Schweiz tun werde. Auch Roger Schärer weiss nicht genau, worin die Mission der Elite-Einheit in Afghanistan genau besteht. Sicher ist: Es handelt sich um eine Mission zwecks «Rettung und Rückführung von zivilen und militärischen Personen», wie es in der Verordnung heisst, die den Einsatz des Armee-Aufklärungsdetachement 10 regelt.

Schärer kann sich trotzdem recht gut vorstellen, wie der Afghanistan-Einsatz ablaufen wird: «Die Soldaten sichern den Weg von den Botschaften und anderen Gebäuden, aus denen Leute gerettet werden, zum Flughafen. Auch richten sie Stützpunkte unterwegs ein, an denen Verpflegung, Medikamente oder Sanitäts-Materialien bereitgestellt werden.» Dass die Soldaten zu diesem Zweck unbewaffnet sein sollen, wie die Zeitungen von Tamedia aus unbestätigter Quelle erfahren haben, glaubt Schärer nicht: «Das wäre eine militärisch fatale Entscheidung.»

11 von 35 Schweizern gerettet

Warum haben EDA und VBS nicht ausführlicher über den militärischen Einsatz informiert, warum war Verteidigungsministerin Amherd nicht anwesend, weshalb schickt die Schweiz nur sechs Soldaten nach Afghanistan? Eine entsprechende Anfrage beantwortet das EDA wie folgt: «Ein Detachement des EDA mit Spezialisten der Armee flog am 17. August nach Taschkent und arbeitet mit der Schweizer Botschaft und Partnern vor Ort zusammen. Am gleichen Tag reisten ein Mitarbeiter des EDA mit einem Teil des Armee-Detachements nach Kabul weiter. Im vom US-Militär gesicherten Teil des Flughafens unterstützen die Spezialisten die Vorbereitungsarbeiten für die Evakuierung. Vor Ort stellen sie unter anderem den Kontakt mit internationalen Partnern und Organisationen sicher.»

Das EDA arbeite weiter mit Hochdruck daran, Personen aus dem Land zu bekommen. Aus Sicherheitsgründen würden keine weiteren Angaben gemacht. Am Freitag teilten die Experten des EDA zudem mit, dass es gelungen sei, elf von 35 Schweizerinnen und Schweizer in Kabul aus Afghanistan auszufliegen. Eine Person sei zudem schon zurück in der Schweiz. Von den 230 Afghaninnen und Afghanen, die mit der Schweiz zusammenarbeiteten und die die Schweiz deshalb aufnehmen will, konnte noch niemand gerettet werden.

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Der erste westliche Staat, der sich in der Neuzeit in Afghanistan engagierte, war das Britische Empire im 19. Jahrhundert. Dies in direkter Konkurrenz zum Russischen Reich. Die Russen wollten ihr Herrschaftsgebiet bis zum Indischen Ozean ausdehnen, um einen eisfreien Marinehafen zu errichten. Das bedrohte die Herrschaft der Briten in Südasien. (Bild: Britische Truppen nehmen 1839 die Festung in der Schlacht von Ghazni ein.)

Der erste westliche Staat, der sich in der Neuzeit in Afghanistan engagierte, war das Britische Empire im 19. Jahrhundert. Dies in direkter Konkurrenz zum Russischen Reich. Die Russen wollten ihr Herrschaftsgebiet bis zum Indischen Ozean ausdehnen, um einen eisfreien Marinehafen zu errichten. Das bedrohte die Herrschaft der Briten in Südasien. (Bild: Britische Truppen nehmen 1839 die Festung in der Schlacht von Ghazni ein.)

PD
Um seine Vormachtstellung im zentralasiatischen Raum abzusichern, unternahm das britische Empire ab 1839 einen ersten Versuch, Afghanistan zu erobern. Im Ersten Anglo-Afghanischen Krieg gelang es der gut ausgerüsteten Armee schnell, das Land einzunehmen. Doch bereits 1842 mussten sich die Briten nach einem Aufstand der Bevölkerung wieder aus Afghanistan zurückziehen. (Bild: Die britische Armee überschreitet den Bolan-Pass).

Um seine Vormachtstellung im zentralasiatischen Raum abzusichern, unternahm das britische Empire ab 1839 einen ersten Versuch, Afghanistan zu erobern. Im Ersten Anglo-Afghanischen Krieg gelang es der gut ausgerüsteten Armee schnell, das Land einzunehmen. Doch bereits 1842 mussten sich die Briten nach einem Aufstand der Bevölkerung wieder aus Afghanistan zurückziehen. (Bild: Die britische Armee überschreitet den Bolan-Pass).

PD
Mitte des 19. Jahrhunderts unterwarf das Russische Reich weitere Gebiete in Zentralasien und gründete das Generalgouvernement Turkestan in unmittelbarer Nachbarschaft zu Afghanistan. 1878 gewann Russland mit der Einrichtung einer Gesandtschaft in Kabul an Einfluss in Afghanistan. (Bild: Der Kampf um Samarkand, heutiges Usbekistan.)

Mitte des 19. Jahrhunderts unterwarf das Russische Reich weitere Gebiete in Zentralasien und gründete das Generalgouvernement Turkestan in unmittelbarer Nachbarschaft zu Afghanistan. 1878 gewann Russland mit der Einrichtung einer Gesandtschaft in Kabul an Einfluss in Afghanistan. (Bild: Der Kampf um Samarkand, heutiges Usbekistan.)

PD

So wird man Elite-Grenadier

Militärexperte Roger Schärer spricht von einer «hervorragenden Schweizer Einheit» und sagt: «Das sind gute und willige Leute, die top ausgebildet werden. Die können sprengen, tauchen, beherrschen den Nahkampf und werden auch als Stosstrupp ausgebildet.»

Die Rekrutierung der Spezial-Soldaten erfolgt zunächst über den gewöhnlichen Militärdienst. Diejenigen, die dort herausragen, werden gezielt angegangen und fürs Armee-Aufklärungsdetachement 10 angefragt. Wer mittun will, muss körperlich topfit sein. In einem zweitägigen Sporttest muss der Kandidat beweisen, dass er…

  • …innert zwei Minuten 10 Klimmzüge ohne Unterbruch machen kann

  • …im gleichen Zeitraum 60 Rumpfbeugen hinbekommt

  • …im gleichen Zeitraum mindestens 50 Liegestützen durchführen kann

  • …einen 5, 8 und 25 Kilometer langen Marsch in vorgegebener Zeit absolvieren kann

  • …in zehn Minuten 300 Meter schwimmen kann

Selbst wenn ein Kandidat diese körperlichen Herkules-Aufgaben meistert, ist das noch nicht automatisch sein Eintrittsbillett ins Armee-Aufklärungsdetachement 10. Dazu müssen die verbliebenen Anwärter einen dreiwöchigen Kurs belegen, in dem sie zusätzlich zu ihrer körperlichen Eignung auch auf ihre psychische, intellektuelle und charakterliche Fähigkeit getestet werden.

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