Stromlücke ab 2025 – Bund will Blackout mit Gaskraftwerken abwenden – nun hagelt es Kritik

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Stromlücke ab 2025Bund will Blackout mit Gaskraftwerken abwenden – nun hagelt es Kritik

Mit Gaskraftwerken will der Bundesrat die drohenden Stromlücken schliessen. Das zeige klar, dass die Energiestrategie 2050 gescheitert sei, sagt FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen.

von
Lisa Horrer
Nicolas Meister
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Im angekündigten Bau von Gaskraftwerken sehen bürgerliche Politiker einen Beweis für die gescheiterte Energiestrategie. 

Im angekündigten Bau von Gaskraftwerken sehen bürgerliche Politiker einen Beweis für die gescheiterte Energiestrategie. 

20min/Marco Zangger
Simonetta Sommaruga will für Energiereserven neu auch Gaskraftwerke einsetzen, um im Winter eine Stromlücke zu verhindern.

Simonetta Sommaruga will für Energiereserven neu auch Gaskraftwerke einsetzen, um im Winter eine Stromlücke zu verhindern.

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Auch Wasserkraftwerke sollen drohende Stromversorgungslücken schliessen.

Auch Wasserkraftwerke sollen drohende Stromversorgungslücken schliessen.

Getty Images/iStockphoto

Darum gehts 

  • Energieministerin Simonetta Sommaruga gab an einer Pressekonferenz bekannt, dass in Zukunft Notfall-Gaskraftwerke Stromversorgungslücken abwenden sollen. 

  • Die Schweizerische Energie-Stiftung (SES) fordert hingegen einen Ausbau der erneuerbaren Energien. 

  • Politiker sind sich uneins, ob es künftig Gaskraftwerke braucht. 

Neu sollen neben Wasserkraftwerken auch Gaskraftwerke kurzfristig eingesetzt werden, um drohende Stromlücken wie etwa im Winter schliessen zu können. Das habe der Bundesrat kürzlich entschieden, sagte Energieministerin Simonetta Sommaruga (SP) an einer Pressekonferenz am Donnerstag.

Grund dafür ist die steigende Stromnachfrage sowie der Entscheid der EU, der Schweiz ab 2025 bis zu 60 Prozent weniger Strom zu verkaufen. Das Energiedepartement will Gesetzesbestimmungen erarbeiten, die den klimaneutralen Betrieb der Reserve-Kraftwerke gewährleisten, zum Beispiel durch den Einsatz von CO2-freien Brennstoffen oder durch Kompensation. Denn Gaskraft ist weder erneuerbar noch umweltfreundlich. Während Wasserkraft laut Berechnungen weniger als ein Gramm CO₂ pro Kilowatt-Stunde ausstösst, liegen die CO₂-Emmissionen bei Gaskraftwerken zwischen 200 und 600 Gramm pro Kilowatt-Stunde. Der sportliche Fahrplan des Bundes sieht vor, dass ein erstes Gaskraftwerk 2026 ans Netz gehen könnte.

«Beweis von höchster Stelle für gescheiterte Energiestrategie»

Für FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen steht fest: «Der Bundesrat gesteht zum ersten Mal öffentlich, dass eine Stromlücke droht.» Das zeige klar, dass die Energiestrategie 2050 gescheitert sei und die Stromproduktion eben nicht nur mit erneuerbaren Energien gewährleistet werden könne. In Gaskraftwerken sieht er eine Möglichkeit zur Stromreserve. Dies berge jedoch einige Herausforderungen. «Etwa die Abhängigkeit von ausländischen Gasproduzenten, die gerade in geopolitischen Krisen zum Problem werden könnte oder die enormen Preisschwankungen von Gas.»

Gleicher Meinung ist SVP-Nationalrat Christian Imark. Dass Gaskraftwerke zukünftig genutzt werden, überrasche ihn nicht, sagt er. «Es ist die Folge der gescheiterten Energiestrategie, in welcher zahlreiche leere Versprechungen gemacht wurden.» Bis heute fehle ausserdem eine Gesamtanalyse der Stromlücke. Deshalb bekriegten sich nun alle Interessenvertreter gegenseitig mit ihren vermeintlichen Lösungen.

Der jüngste Entscheid sei der Beweis von höchster Stelle, dass die Energiestrategie gescheitert sei, so Imark. Um das Stromproblem möglichst schnell zu lösen, könnte zum Beispiel das bereits vorhandene Gaskraftwerk im Kanton Aargau (Birr) genutzt werden, fordert Imark. Dieses werde aktuell nur als Pilotanlage verwendet. 

«Bei erneuerbaren Energien Gas geben»

Die Schweizerische Energie-Stiftung (SES) will den Bau neuer Gaskraftwerke hingegen verhindern. In einer Medienmitteilung forderte sie, jetzt bei den erneuerbaren Energien «Gas zu geben». Wenn der Ausbau in den nächsten fünf Jahren vorankomme, werde man Gaskraft höchstwahrscheinlich nicht brauchen, sagt Nils Epprecht, Geschäftsleiter der SES zu 20 Minuten. «Die letzten zwei Jahre waren Rekordjahre beim Ausbau von erneuerbaren Energien. In den nächsten zehn Jahren muss das um den Faktor drei bis vier ausgebaut werden; damit die wegen des fehlenden EU-Stromabkommens unsicherer gewordenen Stromimporte wettgemacht werden können.»

Konflikte wie die aktuelle Ukraine- und Russland-Krisen zeigten zudem, dass Gaslieferungen aus Russland mit Risiken verbunden seien, sagt Epprecht. Zwar gebe es mit Ländern wie Norwegen auch europäische Player, aber «wenn Russland nicht liefern kann, hat ganz Europa ein grosses Problem. Auch wir in der Schweiz bekommen das dann zu spüren.» Gaskraftwerke seien für die mittelfristige Planung relevant, falls der Ausbau der erneuerbaren Energien weiter verschlafen werde und die Kernkraftwerke altershalber oder ungeplant vom Netz gehen müssten.

«Unnötig und überstürzter Entscheid»

Auch bei grünen Politikerinnen und Politiker kommt Sommarugas Plan schlecht an. Für Grünen-Nationalrat Bastien Girod ist der Entscheid, Gaskraftwerke für Stromengpässe zu bauen unnötig und überstürzt. «Mit der Wasserkraftwerk kann die Schweiz problemlos über mehrere Monate hinweg mit Strom versorgt werden.» Gaskraft sei hingegen nicht nur äusserst umweltverschmutzend, sondern auch eine unzuverlässige vom Ausland abhängige Stromquelle. «Geopolitischen Krisen, etwa mit Russland, könnten den Gasimport erschweren und die Stromproduktion gefährden.» Zudem wären Gaskraftwerke kontraproduktiv für die Energiewende.

Dennoch sieht auch Girod die Dringlichkeit von Energiereserven. Neben den Investitionen in die Wasserkraft begrüsse er deshalb die von Bundesrätin Sommaruga geplanten Anreize für Stromproduzenten. Zum Beispiel, dass gewisse Wasserkraftreserven bis im Winter aufgespart würden. So könne nicht nur die Stromnachfrage befriedigt, sondern auch die Energiewende schneller erreicht werden, sagt Girod.

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