Aktualisiert 15.09.2015 18:08

Ursache unbekanntSchweizer erkranken öfter an Hodenkrebs

Männer leiden in der Schweiz häufiger an Hodentumoren. Das Land hat eine der höchsten Raten an Neuerkrankungen. Fachleute spekulieren über die Ursachen.

von
T. Bircher
Junge Männer leiden laut einer amerikanischen Studie immer häufiger an Hodenkrebs. Fussballspieler schützen ihren Intimbereich. (Symbolbild)

Junge Männer leiden laut einer amerikanischen Studie immer häufiger an Hodenkrebs. Fussballspieler schützen ihren Intimbereich. (Symbolbild)

Keystone/Urs Flueeler

Erkranken Männer unter 40 Jahren in Europa und den USA an Krebs, dann ist es meistens ein Hodentumor. Und die Zahl an Neuerkrankungen nimmt vielerorts zu – insbesondere in Industrieländern. Die Schweiz hat weltweit die zweithöchste Inzidenz, die Anzahl neu aufgetretener Krankheitsfälle also.

Dies hat ein Team um den amerikanischen Arzt Manas Nigam von der Uni in Chicago herausgefunden, wie die deutsche Ärzte-Zeitung berichtet. Die Forscher haben die Entwicklung der Keimzelltumoren anhand der amerikanischen Datenbank SEER (Surveillance, Epidemiology and End Results) sowie des European Network of Cancer Registries (EUREG) untersucht.

Vor allem Männer unter 26 Jahren betroffen

Die Ergebnisse, die kürzlich im «World Journal of Urology» publiziert wurden, zeigen über 18'000 Hodenkrebsdiagnosen zwischen 1992 und 2009 im SEER-Register. Insgesamt stieg die Inzidenz innerhalb von 15 Jahren von 5,7 auf 6,8 Neuerkrankungen pro 100'000 Männer und Jahr. Betroffen waren vor allem unter 26-Jährige. In Europa litten zudem mehr Männer an Hodenkrebs als in den USA.

Über 10 bis 20 Jahre gemittelt lag die Häufigkeit von Neuerkrankungen an Hodenkrebs in Dänemark am höchsten – bei 13,7 pro 100'000 Männer. Auf Platz zwei folgen die Schweiz und Norwegen mit 12,7.

«Weshalb, wissen wir nicht»

Auch die Zahlen der Schweizer Stiftung Nationales Institut für Krebsepidemiologie und -registrierung zeigen einen steigenden Trend: Zwischen 1988 und 1992 lag die Rate pro 100'000 Männer bei 9,5, zwischen 1998 und 2002 bei 9,7, zwischen 2003 und 2007 bei 10,5.

Richard Cathomas, stellvertretender Chefarzt Onkologie am Kantonsspital Graubünden, bestätigt die Ergebnisse der amerikanischen Forscher: «Die Schweiz gehört zu den Ländern mit den höchsten Hodenkrebs-Raten weltweit.» Hierzulande erkrankten pro Jahr rund 10 von 100'000 Männern unter 40 daran. In der Deutschschweiz liege der Anteil höher als in der Romandie und im Tessin. «Weshalb, wissen wir nicht.»

«Keimzelltumoren meist in der Pubertät»

Gernot Bonkat, Leitender Arzt Urologie am Unispital Basel, sagt: «In der Schweiz ist das Risiko, an Hodenkrebs zu erkranken, doppelt so hoch wie in Amerika.» Dies habe aber vor allem auch mit der Ethnie zu tun. «Afrikaner und Asiaten bekommen viel seltener Hodenkrebs als weisse Männer.»

Man wisse zudem, dass die Veranlagung bereits im Fetalstadium, also während der Schwangerschaft, entstehe, sagt Cathomas. Nicht jeder Mann erkranke dann aber tatsächlich auch an Hodenkrebs. «Meist entwickeln sich die Keimzelltumoren in den Jahren der Pubertät.» Viele Männer zwischen 16 und 30 Jahren seien betroffen.

Käse, Marihuana oder Handy?

Damit sei aber auch alles gesagt, was man sicher zur Entstehung von Hodenkrebs wisse. Alles andere seien Vermutungen, so Cathomas und Bonkat. Wohl hätten das Ungleichgewicht an Hormonen, die Gene und verschiedene Umwelteinflüsse etwas mit der Ausreifung des Tumors zu tun. Welche genau, sei aber nach wie vor nicht erwiesen. Spekuliert werde derzeit unter anderem über Marihuanakonsum, Zigaretten, Käsekonsum und Handystrahlen.

Die Weltgesundheitsorganisation warnt tatsächlich vor «möglicherweise krebserregenden» Handystrahlungen. Da viele Männer ihr Natel in der vorderen Hosentasche tragen und die Länder mit der höchsten Inzidenzrate auch Pioniere auf dem Gebiet der Mobiltelefonie waren, liegt die Vermutung für einen Zusammenhang zwischen Hodenkrebs und Handystrahlung nahe.

«Vorsichtshalber nicht in die Hosentasche»

Tullio Sulser, Klinikdirektor Urologie am Unispital Zürich, sagt, dazu gebe es nur einen nennenswerten Beitrag in der medizinischen Fachliteratur: «Use of cellular and cordless telephone and risk of testicular cancer» (deutsch: Der Gebrauch von Handys und kabellosen Telefonen und das Risiko von Hodenkrebs).

«Das Resultat der Untersuchungen, die 2007 im International Journal of Andrology veröffentlicht wurden, hat keinen Zusammenhang zwischen Handystrahlung und Tumorrisiko gezeigt», so Sulser. Aufgrund der aktuellen Literatur sei eine Aussage also schwierig. «Vorsichtshalber kann man dennoch die Empfehlung aussprechen, dass Männer ihre Handys möglichst nicht in der Hosentasche tragen sollten», so Sulser.

Operation und Chemotherapie sehr erfolgreich

Auch laut Bonkat besteht bis heute kein gesicherter Zusammenhang zwischen Handystrahlung und der Entstehung von Hodenkrebs. Er bezieht sich ebenfalls auf die Studie aus dem Jahr 2007, die an 1216 Hodenkrebspatienten durchgeführt wurde. «Weitere Untersuchungen zu diesem Thema sind mir nicht bekannt.» Wichtig zu erwähnen sei jedoch, dass Langzeitdaten nach wie vor fehlten.

Die erfreuliche Nachricht für junge Männer mit Hodenkrebs sind die Heilungschancen: «Heute stirbt in der Schweiz stadienabhängig fast niemand mehr an diesem Tumor», so Bonkat. Die Kombination von Operation und Chemotherapie sei als Behandlungsmethode sehr erfolgreich. Cathomas rät jungen Männern, ihre Hoden regelmässig abzutasten. «Sobald sie etwas Sonderbares spüren, sollten sie sofort zum Arzt.»

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