Mehr Früchte und Gemüse: Schweizer essen dank der Krise gesünder
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Mehr Früchte und GemüseSchweizer essen dank der Krise gesünder

Die Krise hat Schweizern ein neues Bewusstsein für Ernährung gegeben: Sie greifen mehr zu gesunden und Bio-Produkten. Die Entwicklung könnte gegen Dumping-Preise und Foodwaste helfen.

von
Raphael Knecht
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Vor allem Früchte und Gemüse, die für eine gute Gesundheitswirkung bekannt sind, waren 2020 verstärkt gefragt.

Vor allem Früchte und Gemüse, die für eine gute Gesundheitswirkung bekannt sind, waren 2020 verstärkt gefragt.

20min/Michael Scherrer
Der Umsatz mit Bio-Produkten schoss um 16,5 Prozent in die Höhe.

Der Umsatz mit Bio-Produkten schoss um 16,5 Prozent in die Höhe.

20min / Thomas Hagnauer
Ernährungswissenschaftlerin Christine Brombach hofft, dass das neu gefundene Ernährungsbewusstsein der Bevölkerung auch nach der Krise erhalten bleibt.

Ernährungswissenschaftlerin Christine Brombach hofft, dass das neu gefundene Ernährungsbewusstsein der Bevölkerung auch nach der Krise erhalten bleibt.

ZHAW

Darum gehts

  • Konsumenten greifen mehr zu gesunden Früchten und Gemüse.

  • Auch Bio-Lebensmittel haben 2020 überdurchschnittlich zugelegt.

  • Schweizer gaben mehr Geld pro Kilo für Bio-Gemüse aus.

  • Die Entwicklung könnte gegen Dumping-Preise und Foodwaste helfen.

Wegen Shutdown und Homeoffice hat die Schweiz im vergangenen Jahr mehr zuhause gekocht – das hat die Verkaufszahlen bei Lebensmitteln auf den Rekordwert von 30 Milliarden Franken getrieben, ein Umsatzwachstum von 11,3 Prozent. Wie eine neue Auswertung des Bundesamts für Landwirtschaft (BLW) nun zeigt, haben Schweizer 2020 noch viel mehr zu gesunden Produkten gegriffen als sonst.

Vor allem Früchte und Gemüse, die für eine gute Gesundheitswirkung bekannt sind, waren verstärkt gefragt, heisst es in der Mitteilung. Als Beispiele nennt das BLW etwa Ingwer (+35 Prozent gegenüber Vorjahr) und Zitrusfrüchte (+15 Prozent). Besonders stark stieg die Nachfrage mit 27 Prozent auch bei Kabis.

Schweizer Bauern steigern die Produktion

Die erhöhte Nachfrage bei Lebensmitteln im Detailhandel hat vor allem damit zu tun, dass viele Schweizer, die normalerweise regelmässig auswärts essen, dies im Corona-Jahr 2020 weniger taten. Entsprechend lieferten die Schweizer Bauern im vergangenen Jahr markant weniger an die Gastronomie und dafür mehr an den Detailhandel, wie Sandra Helfenstein, Sprecherin des Schweizer Bauernverbands, zu 20 Minuten sagt. Die Landwirtschaft habe 2020 ein gutes Produktionsjahr verzeichnet. Zwar habe es im Frühling eine lange Phase der Trockenheit gegeben, der Regen sei aber noch rechtzeitig gekommen. «Der Produktionsanstieg war aber nicht gewaltig», so Helfenstein. Er bewege sich in einem natürlicherweise begrenzten Rahmen.

Die Nachfrage bei Früchten und Gemüse war teils so gross, dass die Händler zusätzlich Produkte importieren mussten. So wurden wegen des Shutdowns im zweiten Quartal 2020 fast 14 Tonnen Kartoffeln eingeführt. Im Vergleich zum Vorjahr ist das ein Plus von 145 Prozent.

Insgesamt kaufte die Schweiz 8,6 Prozent mehr Früchte und 12,2 Prozent mehr Gemüse. Besonders der Umsatz mit Bio-Produkten schoss in die Höhe: Das BLW meldet ein überdurchschnittliches Wachstum von 16,5 Prozent. Bei Bio-Kartoffeln und -Gemüse waren es fast 20 Prozent mehr Umsatz als im Vorjahr.

Preis pro Kilo steigt

Die Konsumenten schreckten bei Bio-Produkten auch nicht vor höheren Preisen zurück: Sie kauften mehr Bio-Früchte, obwohl der bezahlte Preis pro verkauftem Kilogramm im vergangenen Jahr um 0,9 Prozent gestiegen ist. Wegen Engpässen lag dieser Wert im zweiten Quartal gar bei zwei Prozent.

Dass Konsumenten in der Krise mehr Bio-Produkte kaufen, lässt laut Ernährungsexpertin Christine Brombach von der ZHAW allerdings nicht zwingend darauf schliessen, dass sie sich gesünder ernähren. Wichtig sei vor allem, dass die Ernährung ausgewogen ist – darüber geben die Zahlen des BLW keine Auskunft.

Der Bericht zeigt aber, dass sich die Bevölkerung stärker mit der Ernährungsfrage auseinandersetzt und sich öfter für Produkte entscheidet, die als gesünder gelten. Diesen Trend beobachtet auch Brombach: «Die Menschen beschäftigen sich mehr mit Ernährungsfragen – die Krise hat viele von ihnen in diesem Punkt stark gefordert, weil sie sich plötzlich jeden Tag fragen mussten, was sie kochen sollen und worauf es dabei ankommt.»

Krise könnte gegen Foodwaste helfen

Für viele Menschen wurde das Kochen wegen der Krise zum Hobby – man backte Brot mit der Familie oder experimentierte mit eigenen Saucen. Laut Brombach gab es in dieser Zeit auch online einen regeren Austausch übers Essen als sonst. «Ich hoffe, dass die Menschen dank der Krise zu verstehen beginnen, dass Essen ein Teil des Lebensstils ist und Lebensmittel wertvoll sind – das ist verloren gegangen.»

«Wertschätzung von Lebensmitteln heisst auch, sich darüber im Klaren zu sein, dass es Ressourcen benötigt, diese zu produzieren, verarbeiten und vermarkten.»

Christine Brombach, Ernährungswissenschaftlerin

Für die Expertin geht es bei der Auseinandersetzung mit dem Essen nicht nur um Ernährung: «Dumpingpreise bei Nahrungsmitteln und Foodwaste sind ebenfalls die Konsequenz davon, dass unsere Gesellschaft das Essen zu wenig wertschätzt.»

Ob das neu gefundene Interesse der Bevölkerung am Essen auch nach der Pandemie erhalten bleibt, muss sich aber noch zeigen. Brombach befürchtet, dass diese Erfahrungen bald wieder verpuffen: «Im Normalzustand nehmen wir uns leider zu wenig Zeit für Essen.»

30 Milliarden Franken

Rekordumsatz mit Lebensmitteln

Die Schweiz verzeichnete 2020 einen Rekordumsatz mit Lebensmitteln. 30 Milliarden Franken wurden umgesetzt, jeder Haushalt gab im Schnitt 7680 Franken aus. Das ist ein Plus von 11,3 Prozent gegenüber 2019, wie es in einer Statistik des Bundesamts für Landwirtschaft heisst. Am meisten Geld gaben Schweizer mit 1383 Franken für Fleisch aus. Darauf folgen Getränke (1237 Franken), Milchprodukte (1026 Franken) sowie Getreide- und Backwaren (840 Franken). 2020 floss zudem jeder zehnte für Lebensmittel ausgegebene Franken in Bio-Produkte: 820 Franken gab jeder Haushalt dafür aus. Besonders beliebt waren Bio-Eier.

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154 Kommentare
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Charakterprüfung

19.02.2021, 10:25

Zur Zeit ist Abstand gesünder als Bio.

MAK2

18.02.2021, 17:11

Es braucht wirklich kein Covid19 um sich gesund zu ernähren. Das taten wir schon vor 50 Jahren. Für was ist dieses Virus noch gut, resp. schlecht?

Meteorologe

18.02.2021, 17:02

Der Eisverlust in der Antarktis am Südpol der Erde ist gross. In den vergangenen Jahren ging dreimal mehr Eis verloren wie zu Beginn der 1990er Jahre. Besonders viele Eisberge brechen in der Westantarktis ab.