Ukraine-Russland-Konflikt – Was kommt als nächstes?

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«Putin nicht unterschätzen»Schweizer Ex-Diplomat befürchtet späteren Angriff Putins auf das Baltikum

Experten befürchten, dass Wladimir Putin auch das Baltikum angreifen könnte. Auch dort hat es eine grosse russische Minderheit.

von
Claudia Blumer
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Alt-Botschafter Toni Frisch war lange aufgrund der OSZE-Mission in der Ukraine. Die baltischen Staaten seien zwar nicht unmittelbar gefährdet, doch man müsse auf der Hut sein, sagt er.

Alt-Botschafter Toni Frisch war lange aufgrund der OSZE-Mission in der Ukraine. Die baltischen Staaten seien zwar nicht unmittelbar gefährdet, doch man müsse auf der Hut sein, sagt er.

EDA

Darum gehts

  • Es kursiert die bange Frage, was Wladimir Putin als nächstes vorhat. Beschränkt sich der Konflikt auf die Ukraine oder will Putin zurück zum grossrussischen Reich?

  • Manche Experten befürchten eine spätere Invasion im Baltikum. Man müsse jedenfalls auf der Hut sein, sagt Ex-Botschafter Toni Frisch.

  • Estland, Lettland und Litauen gehörten lange zu Russland beziehungsweise zur Sowjetunion, und sie haben grosse russischsprachige Minderheiten.

  • Eine Osteuropa-Expertin befürchtet eher, dass Moldawien und Transnistrien betroffen sein könnten.

Während Wladimir Putin am Sonntag seine Atomstreitkräfte in Alarmbereitschaft versetzte, wie er selber mitteilte, fragt sich die übrige Welt, was Russlands Präsident noch vorhat. Die Frage stellt sich seit Russland am frühen Donnerstagmorgen die Ukraine überfallen hat.

Konzentriert er sich auf die Ukraine, wo es seit der Krim-Annexion 2014 militärisch ausgetragene Konflikte im Grenzgebiet gibt? Oder will er zurück zum grossrussischen Reich? Hätte Putin die Ukraine unter seiner Kontrolle, rückte er noch näher an Europa und die Nato-Staaten. Der russische Einflussbereich grenzte dann auch an Rumänien, Ungarn und die Slowakei. Unter diesen Umständen könnte Russland die baltischen Staaten noch besser vom Nato-Gebiet isolieren und möglicherweise angreifen, ohne, dass die Verbündeten den Nachschub sicherstellen könnten, kommentiert heute die «Welt am Sonntag».

Grosse russische Minderheit

Auch Alt-Botschafter Toni Frisch befürchtet, dass Estland, Lettland und Litauen in Zukunft gefährdet sein könnten. Ähnlich wie die ukrainischen Ostbezirke hätten auch die baltischen Staaten eine grosse russische Minderheit, sagt Frisch. Zudem seien sie geografisch schön eingebettet zwischen Russland, Belarus und Westeuropa. Frisch, der in den letzten Jahren die Ukraine im Rahmen der OSZE-Mission sehr oft bereiste und als Mitarbeiter des Aussendepartements (EDA) die Gegend gut kennenlernte, glaubt aber nicht, dass Russland «gleich morgen schon» ins Baltikum einmarschieren würde. «Ich denke, man muss einfach auf der Hut sein und diese Möglichkeit in Betracht ziehen», sagt er.

Dass Putin tatsächlich ein grossrussisches Reich wiederherstellen will, sei alles andere als sicher, aber durchaus denkbar. Möglicherweise konzentriere sich der Konflikt auch auf die Ukraine, sagt Frisch. Jedenfalls dürfe der Westen nicht mehr denselben Fehler machen und Putin unterschätzen. Wichtig sei es ebenfalls für die europäischen Länder, aber auch für die Schweiz, die Verteidigungsbudgets zu erhöhen und die Bereitschaft zur militärischen Verteidigung: Abwehr von Cyberangriffen, Sicherstellung der Luftwaffe, der personelle Bestand der Armee, die Investitionen in Boden-Luft-Verteidigung. «Das wurde in den letzten Jahren in Westeuropa praktisch überall vernachlässigt.»

Angriff auf Nato-Länder wäre «andere Kragenweite»

Auch andere Experten und Beobachter denken an die baltischen Staaten, die bis zum ersten Weltkrieg zu Grossrussland und später bis 1990 zur Sowjetunion gehörten, und in denen bis zu einem Drittel der Bevölkerung russischsprachig ist. So sagte Julia Friedrich, Expertin für Osteuropa-Politik, die lange in Kiew gelebt hat, im Interview mit «Watson»: Ausschliessen würde sie nicht, dass Putin weiter nach Nordwesten zieht und die baltischen Staaten angreift. Doch seien diese Länder Nato-Mitglieder, deren Angriff wäre «eine andere Kragenweite». Sorgen mache sie sich eher um Moldawien und Transnistrien im Südwesten der Ukraine, wo seit den Neunzigerjahren sogenannte russische Friedenstruppen stationiert seien. «Nicht auszuschliessen, dass dort eine weitere Front entsteht.»

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