Nobelpreisverdächtig? – Schweizer Firma befreit Tschernobyl von seiner Radioaktivität
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Nobelpreisverdächtig?Schweizer Firma befreit Tschernobyl von seiner Radioaktivität

Ein Jahr lang war die Schweizer Firma Exlterra auf dem Gelände des havarierten Atomkraftwerks tätig. Mit beeindruckenden Ergebnissen: Die radioaktive Verschmutzung von Luft und Boden ging markant zurück.

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 Das havarierte Atomkraftwerk Tschernobyl. Nach dem Reaktorunglück von 1986 ist der Boden innerhalb eines 30-Kilometer-Radius noch immer verstrahlt. An manchen Stellen schlägt der Geigerzähler regelrecht Alarm. 

Das havarierte Atomkraftwerk Tschernobyl. Nach dem Reaktorunglück von 1986 ist der Boden innerhalb eines 30-Kilometer-Radius noch immer verstrahlt. An manchen Stellen schlägt der Geigerzähler regelrecht Alarm.

REUTERS
Das könnten sie mit ihrer neuen Technologie ändern: Der polnischstämmige, amerikanische Erfinder Andrew
Niemczyk (l.) und der Schweizer Unternehmer Frank Muller.

Das könnten sie mit ihrer neuen Technologie ändern: Der polnischstämmige, amerikanische Erfinder Andrew
Niemczyk (l.) und der Schweizer Unternehmer Frank Muller.

Exlterra
Dank ihrer sogenannten NSPS-Technologie zerfällt Radioaktivität rasant, indem die im Boden vorhandene Energie genutzt und, vereinfacht gesagt, radioaktive Isotope zerstört werden. So wird der radioaktiven Halbwertszeit der Natur ein Schnippchen geschlagen.

Dank ihrer sogenannten NSPS-Technologie zerfällt Radioaktivität rasant, indem die im Boden vorhandene Energie genutzt und, vereinfacht gesagt, radioaktive Isotope zerstört werden. So wird der radioaktiven Halbwertszeit der Natur ein Schnippchen geschlagen.

Exterra

Darum gehts

  • Eine Schweizer Firma mit Sitz in Genf hat eine bahnbrechende Technologie entwickelt.

  • Damit kann «Exlterra» Radioaktivität reduzieren und andere Bodenkontaminationen bereinigen.

  • So ging im Sperrgebiet des havarierten Atomreaktors Tschernobyl die radioaktive Verschmutzung von Boden und Luft um durchschnittlich 37 bzw. 46 Prozent zurück.

Die Schweizer Firma Exlterra hat sich ganz der Technologie für nachhaltige Entwicklung verschrieben. Das wollte sie anlässlich des diesjährigen 35. Jahrestags des Tschernobyl-Atomunglücks auch unter Beweis stellen – mit Erfolg, wie sich jetzt zeigt.

Konkret setzten die Schweizer auf einem Hektar grossen Landstück in der Sperrzone Tschernobyls ihre ausgetüftelte «NSPS-Technologie» (Nucleus Separation Passive System) ein. Diese beruht auf der Teilchen- und Kernphysik und wird bei unterirdischen Bohrungen eingesetzt.

Deutlicher Rückgang der Radioaktivität in Luft und Boden

Dabei beschleunigt der Einsatz dieser Technologie den Zerfall von Radioaktivität, indem sie in einem «nachhaltigen Verfahren» die im Boden vorhandene Energie nutzt und, vereinfacht gesagt, radioaktive Isotope zerstört. So wird der natürlichen, radioaktiven Halbwertszeit ein Schnippchen geschlagen.

«In der Natur vorhandene, erneuerbare Energien werden eingesetzt, um den natürlichen Zerfallsprozess der
Kontaminationsstoffe im Boden erheblich zu beschleunigen», so Exlterra-Präsident Andrew Niemczyk. «Hier liegt die Einzigartigkeit der Technologie: Sie nutzt natürliche Energien, um industrielle Umweltverschmutzung zu beseitigen, ohne auf chemische Alternativen oder Erdbewegungen zurückzugreifen.»

Vollständige Dekontaminierung bis 2025 möglich

Am Dienstag stellten die Exlterra-Bosse in Genf die ersten Ergebnisse nach sieben Monaten Einsatz im Tschernobyl-Gebiet vor – wobei sie allen Anlass zur Freude hatten: Die radioaktive Verschmutzung des Bodens ging um durchschnittlich 37 Prozent, die der Luft um 46 Prozent zurück.

Die Messungen wurden dabei vom ukrainischen SSE Ecocentre durchgeführt, das seit Jahrzehnten mit der Umweltüberwachung in der Sperrzone befasst ist.

Nächstes Projekt: verseuchtes Fukushima-Wasser

«Diese Resultate sind bemerkenswert», so Sergiy Kireiev vom SSE Ecocentre. «Seit 35 Jahren gelingt es erstmals mit einer Technologie dieser Art, die Radioaktivität im Boden und in der Luft derart signifikant zu reduzieren. Das ist eine echte Hoffnung für das betroffene Gebiet, einschliesslich der Behandlung des Sarkophags (die Schutzhülle um den havarierten Reaktor, Anm. d. Red.)».

Die Schweizer sind zuversichtlich: Innerhalb der nächsten vier Jahre sei dank ihrer revolutionären Technologie eine vollständige Dekontamination des Tschernobyl-Geländes möglich. Und sie haben bereits neue Einsatzgebiete vor Augen: «Wir möchten unsere Technologie auch für den Einsatz an anderen Problemstandorten in der Welt, wie etwa Fukushima in Japan, anbieten. Wir können vermeiden helfen, dass radioaktives Wasser in die Ozeane abgeleitet wird und so eine weitere Umweltkatastrophe verhindern», so Exlterra-Geschäftsführer Frank Muller.

Nobelpreisverdächtig? «Ja, das könnte passieren»

Der 2013 gegründeten Schweizer Firma, die auch in den USA eine Niederlassung hat, dürften die Projekte so schnell nicht ausgehen: Ihre NSPS-Technologie kann nicht nur zur Reduktion von Radioaktivität, sondern auch zur Behandlung anderer Bodenkontaminationen eingesetzt werden, beispielsweise Verschmutzung durch
Schwermetalle.

Die Köpfe hinter Exlterra sind der polnischstämmige, amerikanische Erfinder Andrew
Niemczyk und der Schweizer Unternehmer Frank Muller. Als 20 Minuten von ihnen wissen wollte, ob sie mit ihrer Erfindung einen Nobelpreis abholen könnten, antwortete Muller: «Ja, das könnte passieren – nicht mir, aber Andrew.»

(gux)

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