Lohn-Nebenleistungen: Schweizer Firma gibt unbegrenzt Ferien
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Lohn-NebenleistungenSchweizer Firma gibt unbegrenzt Ferien

Unbegrenzte Ferien, Rückerstattung von Ferienausgaben und eine Weltreise nach fünf Jahren Arbeit in der Firma. Warum ist die Fintech-Firma Advanon so grosszügig?

von
sas
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Ferien à discrétion ...

Ferien à discrétion ...

AP/Jaime Puebla
... oder einen Zustupf an die Weltreise: Das Start-up Advanon will bei Angestellten mit grosszügigen Zusatzleistungen punkten.

... oder einen Zustupf an die Weltreise: Das Start-up Advanon will bei Angestellten mit grosszügigen Zusatzleistungen punkten.

Alex Treadway
«Es gibt andere Modelle, die eher auf einen hohen Lohn setzen. Das entspricht aber nicht unserer Philosophie», sagt Phil Lojacono, CEO und Mitgründer von Advanon.

«Es gibt andere Modelle, die eher auf einen hohen Lohn setzen. Das entspricht aber nicht unserer Philosophie», sagt Phil Lojacono, CEO und Mitgründer von Advanon.

20M

Einen solchen Chef wie Phil Lojacono wünschen sich wohl Tausende Angestellte. Der Gründer und CEO des Fintech-Unternehmens Advanon gewährt seiner Belegschaft nämlich unbegrenzte Ferientage und die Rückerstattung von privaten Ferienausgaben. Kommt hinzu: Wer fünf Jahre im Betrieb gearbeitet hat, bekommt eine Weltreise geschenkt. Konkret: Die Firma beteilgt sich an einem Rund-um-die-Welt-Flugticket in der Höhe von 2000 Franken, wie ein Sprecher auf Anfrage von 20 Minuten sagt.

Die Mitarbeiter-Goodies oder die sogenannten Fringe-Benefits nennt die Firma «Advaperks» (Perk heisst auf Deutsch Vergünstigung oder Nebenleistung). Wegen den attraktiven Konditionen für die Angestellten bezeichnete die «Handelszeitung» Lojacono in ihrer neusten Ausgabe als «grosszügigsten Chef der Schweiz». Advanon verdient sein Geld mit der Vorfinanzierung von Rechnungen für KMU.

«Angestellte sollen sich um nichts Lästiges kümmern müssen»

Das neue Mitarbeiterprogramm des Start-ups setzt neue Standards im Bereich der Fringe-Benefits. Man sehe die Veränderungen im Arbeitsmarkt und habe darum ein Programm auf die Beine gestellt, das dem Zeitgeist entspreche, sagt Lojacono. Dazu gehören lange Elternzeit (6 Monate für Mütter, 3 Monate für Väter) und auf Wunsch bis zu acht Wochen Home-Office pro Jahr. Zudem sollen sich die Mitarbeiter laut Lojacono privat um nichts Lästiges mehr kümmern müssen. Das heisst: Wer einen Steuerberater braucht, erhält einen. Dasselbe gilt für den Wäscheservice, wie die Firma in einer Mitteilung schreibt.

Advanon wurde vor drei Jahren gegründet und hat kürzlich in einer Finanzierungsrunde 13 Millionen Franken eingesammelt. Für das Start-up mit Hauptsitz in Zürich und Zweitniederlassung in Berlin arbeiten derzeit 18 Personen. Der grösste Teil davon sind Softwareentwickler, dahinter folgen Marketingleute und Kreditspezialisten.

Findet die Firma keine geeigneten Mitarbeiter?

Matthias Mölleney, Präsident der Zürcher Gesellschaft für Personal-Management und Direktor des Future Work Forum in London, findet das Ferienkonzept von Advanon nachvollziehbar. Bei Wissensarbeitern habe die Arbeitszeiterfassung eigentlich nur mehr den Zweck, diese vor Überlastung zu schützen. «Die Leistung und ihre Messung werden über inhaltliche Zielvereinbarungen geregelt, bei denen die Anwesenheit keine Rolle mehr spielt. In einem solchen Umfeld liegt es dann tatsächlich in der Verantwortung der Arbeitskräfte, die Länge ihrer Ferien zu definieren», so der Experte.

Personalexperte Mölleney stellt in der «Handelszeitung» aber die Frage, warum statt der vielen Benefits nicht einfach mehr Lohn angeboten wird. Findet die Firma keine geeigneten Mitarbeiter? Beim Unternehmen heisst es, dass der Wettbewerb im Bereich Softwareentwicklung eine grosse Herausforderung sei. Den Nachteil der im Vergleich mit Grosskonzernen tieferen Löhne will Advanon über Mitarbeiterbeteiligungen am Unternehmen wettmachen.

«Grosse Freiheiten bedeuten mehr soziale Kontrolle»

Bruno Staffelbach, Direktor des Zentrums für Human Resources Management an der Universität Luzern, wendet ein, dass die arbeitsvertraglichen Regeln und Normen das eine seien, die Regeln und Normen der Gruppendynamik, also der sozialen Kontrolle und des Führungsverhaltens, das andere. «Arbeitsvertrag, Führung und Gruppendynamik sind in der Regel in der Balance», so Staffelbach. «Je grösser zum Beispiel die arbeitsvertraglichen Freiheiten sind, desto intensiver ist in der Regel die soziale Kontrolle von Leistung und Verhalten.»

Lesen Sie in Kürze auf 20minuten.ch, was der Chef von Advanon sagt.

Herr Buckmann*, Advanon gewährt unbegrenzt viele Ferien. Was halten Sie davon?

Zuerst einmal: Diesem Start-up ist eine grandiose Werbeaktion gelungen. Das heisst nicht, dass ich Advanon dieses Angebot nicht abnehme. Nur: Ich bin überzeugt, dass die Angestellten davon kaum Gebrauch machen.

Warum?

Das Programm ist eine Art «Mogelpackung». Es bringt die Angestellten unter Zugzwang, etwas zurückzugeben, indem sie beispielsweise noch mehr arbeiten. Erhält man einfach so ein tolles Geschenk, will man ja auch etwas zurückgeben. Zudem ist der Workload in einem Start-up ohnehin so gross, dass sie gar nicht zu so langen Ferien kommen.

Wenn sich jemand dennoch länger verabschiedet?

Je grösser die arbeitsvertraglichen Freiheiten sind, desto grösser ist die soziale Kontrolle. Kollegen, die dann umso mehr zu erledigen haben, würden den «unsolidarischen» Kollegen wohl automatisch massregeln.

Warum gewährt eine Firma Fringe-Benefits?

Ziel ist, dass sich die Angestellten voll auf den Job konzentrieren können, in dem die Firma all ihre privaten Sorgen abnimmt. Ich glaube aber nicht, dass dies funktioniert. So mancher Mitarbeiter wird sich fragen: «Muss ich denn jetzt auch noch in der Bude frühstücken?». bz

*Jörg Buckmann ist HR-Berater, Buchautor und Ex-Personalchef der Zürcher Verkehrsbetriebe VBZ.

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