Daten-Marktplatz: Schweizer Firma lanciert ein Ebay für Datenhandel
Publiziert

Daten-MarktplatzSchweizer Firma lanciert ein Ebay für Datenhandel

Tech-Firmen verdienen sich mit Nutzerdaten eine goldene Nase. Davon sollen Konsumenten jetzt auch etwas haben, findet ein Schweizer Start-up.

von
R. Knecht
1 / 8
Die Firma Bitsaboutme bietet eine kostenlose Online-Plattform, auf der Nutzer ihre Daten von Instagram, Facebook & Co. importieren und einsehen können. Auch Schweizer Dienste wie Cumulus von Migros sind bereits in das System eingepflegt.

Die Firma Bitsaboutme bietet eine kostenlose Online-Plattform, auf der Nutzer ihre Daten von Instagram, Facebook & Co. importieren und einsehen können. Auch Schweizer Dienste wie Cumulus von Migros sind bereits in das System eingepflegt.

AP/Matt Rourke
Die Plattform soll Kunden die Möglichkeit geben, mit ihren Daten zu geschäften.

Die Plattform soll Kunden die Möglichkeit geben, mit ihren Daten zu geschäften.

20 Minuten/rkn
«Mit Bitsaboutme wollen wir Nutzern einen Überblick darüber geben, was für Spuren sie im Netz hinterlassen», sagt Mitgründer und Bitsaboutme-CEO Christian Kunz zu 20 Minuten. Kunz war früher CEO des Online-Auktionshauses Ricardo.

«Mit Bitsaboutme wollen wir Nutzern einen Überblick darüber geben, was für Spuren sie im Netz hinterlassen», sagt Mitgründer und Bitsaboutme-CEO Christian Kunz zu 20 Minuten. Kunz war früher CEO des Online-Auktionshauses Ricardo.

Bitsaboutme

Internet-Nutzer sollen künftig nicht nur die Übersicht über ihre Daten haben, sondern auch die Möglichkeit, diese selbst zu verkaufen. Das ist das Ziel des Schweizer Start-ups Bitsaboutme. Die Firma bietet eine kostenlose Online-Plattform, auf der Nutzer ihre Daten von Instagram, Facebook & Co. importieren und einsehen können. Auch Schweizer Dienste wie Cumulus von Migros sind bereits in das System eingepflegt.

«Mit Bitsaboutme wollen wir Nutzern einen Überblick darüber geben, was für Spuren sie im Netz hinterlassen», sagt Mitgründer und Bitsaboutme-CEO Christian Kunz zu 20 Minuten. Kunz war früher Chef des Online-Auktionshauses Ricardo, wo er Ricardos damaligen CTO Christophe Legendre kennen lernte, mit dem er schliesslich Bitsaboutme gründete. Ricardo gehört heute wie 20 Minuten zu Tamedia.

Bitsaboutme soll nicht nur Übersicht, sondern auch Geschäftsmöglichkeiten schaffen. Kunz und Legendre planen, einen Daten-Marktplatz zu lancieren. «Die Datendeals, die heute hinter den Rücken der Leute passieren, können unsere Nutzer in Zukunft selber tätigen und so auch davon profitieren, dass ihre Daten verkauft werden», so Kunz.

Ein Ebay für Daten

Das Prinzip sei ähnlich wie bei anderen Online-Marktplätzen: Nutzer können ihre Daten zu einem bestimmten Preis anbieten und erhalten von Interessenten Angebote für Daten-Deals. Kunz sieht dabei direkte Parallelen zu den Online-Auktionshäusern, bei denen er früher arbeitete: «Genauso wie Ebay vor 20 Jahren den Konsumenten die Möglichkeit gab, Onlinehändler zu werden, können Nutzer von Bitsaboutme nun zu Datenhändlern werden», so der CEO des Unternehmens. In beiden Fällen sei das bis zur Einführung des Dienstes den Unternehmen vorbehalten gewesen.

Der Daten-Marktplatz steht kurz vor der Lancierung. Bitsaboutme befinde sich in den abschliessenden Diskussionen mit Unternehmen, die als potenzielle Käufer im Marktplatz erscheinen werden. Sobald die erste Firma definitiv an Bord ist, werde die Plattform für Konsumenten zugänglich sein. «In wenigen Wochen sollte es so weit sein», sagt Kunz dazu.

Alles verschlüsselt

Wie steht es um den Datenschutz? «Wir selbst haben keinen Zugriff auf die Daten», betont Kunz. Sie seien verschlüsselt. Bitsaboutme gebe nur die Daten weiter, bei denen der Nutzer explizit seine Einwilligung gegeben hat. «Genauso wie Airbnb keine Hotelzimmer besitzt, besitzt Bitsaboutme keine Daten», so der CEO.

So macht Bitsaboutme Geld: Ähnlich wie bei Ricardo oder Ebay soll die Firma bei erfolgreichen Deals eine Kommission kassieren. «Für den Konsumenten bleibt der Dienst aber immer kostenlos», verspricht Kunz.

Kaum gute Deals

Haben Nutzer überhaupt das Bedürfnis, mit ihren Daten Geschäfte zu machen? Einige schon, glaubt Reinhard Riedl, Leiter des transdisziplinären Zentrums Digital Society der Berner Fachhochschule. «Aber als Micro-Anbieter können sie kaum gute Deals aushandeln», sagt der Experte zu 20 Minuten. Gemäss der «Handelszeitung» ist die Zahl der angemeldeten Nutzer im deutschsprachigen Raum derzeit im vierstelligen Bereich.

Laut Riedl gibt es aber auch viele Menschen, die bereit sind, Daten für einen guten Zweck herzugeben, etwa für eine bessere Gesundheitsversorgung. Das ermöglicht Bitsaboutme ebenfalls, wie der CEO Kunz sagt. Käufer könnten etwa auch Bildungsanstalten oder Behörden sein.

Experte Riedl bezweifelt allerdings, dass eine Handelsplattform für Daten die Lösung für drängende Probleme sein wird. Im Gesundheitswesen etwa werden zwar sehr viele Daten gesammelt, diese dürfen aber nur extrem beschränkt genutzt werden. «Ich glaube nicht, dass viele bereit sind, ihre medizinischen Daten an Datenhändler zu verkaufen, die mit dem Handel Profit machen.»

In diesem Erklärvideo zeigt das Unternehmen, wie Bitsaboutme funktioniert. (Video: Bitsaboutme)

Christian Kunz ist CEO von Bitsaboutme. (Bild: Bitsaboutme)

Herr Kunz, Sie sind eigentlich Kernphysiker – wie landeten Sie bei Ebay, Ricardo und Bitsaboutme?

Als ich am Massachusetts Institute of Technology in Kernphysik promovierte, waren Kern- und Teilchenphysiker die Ersten, die sich mit Big Data beschäftigten – als das Internet noch in den Kinderschuhen steckte. Das hat mich immer fasziniert und mir wurde klar, welches Potenzial in Daten steckt. Das ist der rote Faden, der sich durch meine berufliche Laufbahn zieht.

Wie wichtig sind Daten für Auktionshäuser?

Bei Ebay arbeitete ich in der Werbevermarktung, und das war extrem datengetrieben. Aber auch bei Ricardo war mein Fokus immer, dass wir mit Nutzerdaten unser Geschäft verbessern. Dazu muss man die Dynamik auf dem Marktplatz kennen: Schliesslich wollen Konsumenten und Firmen nicht das Gleiche. Eine Plattform muss für beide Gruppen gebaut werden, damit sie funktioniert. Dabei helfen Nutzerdaten.

Wann beschlossen Sie, einen Daten-Marktplatz zu entwickeln?

Nachdem ich Ricardo verlassen hatte, wurde die EU-Datenschutzverordnung angekündigt, und ich war überzeugt, dass sie die Welt verändern würde. Da habe ich meinen ehemaligen Ricardo-CTO Christophe Legendre kontaktiert und konnte ihn als Tech-Experten für Bitsaboutme gewinnen. Seit 2016 arbeiten wir vollzeitlich an diesem Start-up.

Deine Meinung