Mexiko säuft ab: Schweizer Firmen bauen an längster Kanalisation
Aktualisiert

Mexiko säuft abSchweizer Firmen bauen an längster Kanalisation

Schweizer Firmen sind dick im Geschäft bei Mexikos neuer Cloaca Maxima: Die Hauptstadt baut den längsten Abwassertunnel der Welt, um Überflutungen bei starken Regenfällen zu verhindern.

Besonders sichtbar wird das Absacken des Bodens gerade im historischen Stadtzentrum, wo die im 16. und 17. Jahrhundert erbaute Kathedrale windschief am Rande des Verfassungsplatzes steht.

Besonders sichtbar wird das Absacken des Bodens gerade im historischen Stadtzentrum, wo die im 16. und 17. Jahrhundert erbaute Kathedrale windschief am Rande des Verfassungsplatzes steht.

Mexiko wurde von den Azteken auf einer Insel in einem See erbaut. Nach der Eroberung durch die Spanier im Jahre 1521 vernachlässigten die neuen Herrscher die Deiche und Schleusen. Zudem holzten sie die Hänge ab.

Bereits nach wenigen Jahren war der Boden an den Hängen erodiert und konnte das Wasser bei heftigen Niederschlägen nicht mehr aufnehmen. Es kam immer wieder zu Überschwemmungen.

Mit dem zunehmenden Wachstum der Stadt legten die Spanier den See trocken. Und dies hatte mit der Zeit Folgen: Die wachsende Bevölkerung verbrauchte mehr Grundwasser, als durch Regen wieder aufgefüllt wurde. Durch den sinkenden Grundwasserspiegel wurde der sumpfige Grund des einstigen Sees immer kompakter.

Windschiefe Kathedrale

In den letzten 100 Jahren hat sich der Boden in einzelnen Stadtteilen um 14 Meter gesenkt. Auf einem Foto ist ein alter Hydrant zu sehen, der einst am Strassenrand stand und heute auf der Höhe des 3. Stocks aus der Erde ragt.

Besonders sichtbar wird das Absacken des Bodens gerade im historischen Stadtzentrum, wo die im 16. und 17. Jahrhundert erbaute Kathedrale windschief am Rande des Verfassungsplatzes steht. Überhaupt hat kaum ein älteres Haus im historischen Quartier noch rechte Winkel.

Zu wenig Gefälle

Aber nicht nur an der Oberfläche verursacht die Bodensenkung Probleme. Auch der Untergrund ist betroffen. Abwasserkanäle haben an Gefälle verloren. Gewisse Leitungen zeigen gar bergauf, so dass das Abwasser nicht mehr abfliessen kann und deshalb Pumpen eingesetzt werden müssen.

Der 1975 fertig gestellte Hauptabwasserkanal Emisor Central hat nach Angaben des deutschen Tunnelbohrmaschinenbauers Herrenknecht bereits 40 Prozent seiner einstigen Kapazität von 170 Kubikmetern pro Sekunde verloren. Immer wieder kommt es zu Überschwemmungen. Denn Mexiko-Stadt ist auf der 2200 Meter hohen Hochebene von drei Seiten von Bergen umgeben, so dass die Fluten nirgends abfliessen können.

Bau eines neuen Kanals

Deshalb wurde 2009 mit dem Bau des neuen Kanals begonnen, der die Abwässer bis zu 150 Meter unter dem Boden in einen anderen Gliedstaat führen soll. Am Ende des Tunnels wird eine riesige Kläranlage gebaut.

Der «Tunel Emisor Oriente» wird mit 62 Kilometern nicht nur der längste Abwassertunnel der Welt, sondern mit einem Durchmesser von knapp 9 Metern auch der grösste Abwassertunnel. Das sei ungefähr gleich viel wie bei der NEAT, sagt Martin Bachmann von der Konzernleitung der finnisch-schweizerischen Firma Pöyry, die einst die schweizerische Electrowatt Engineering gekauft hat.

«Hier könnte ein Zug durchfahren», sagt Bachmann bei der Besichtigung der Baustelle mit Bundesrat Johann Schneider-Ammann und Schweizer Wirtschaftsleuten. Der Tunnel sei aber noch 5 Kilometer länger als die NEAT.

Sika und Holcim im Geschäft

Insgesamt sind sechs Tunnelbohrmaschinen im Einsatz. Die Aggressivität der Abwässer stelle hohe Anforderungen an die Betonauskleidung des Tunnels, damit die Röhre dicht bleibe, sagt Bachmann, dessen Konzern unter anderem technische Beratung, Kostenkontrolle und Vertragsmanagement für den Bau des Tunnels erbringt.

Hier kommen zwei weitere Schweizer Konzerne zum Zug: Der Bauchemiekonzern Sika liefert die Chemikalien. Der Zementkonzern Holcim liefert einen speziellen, sulfatresistenten Zement. Dieser Zement werde eigens für dieses Projekt im Werk in der Stadt Veracruz hergestellt, erläutert Konzernsprecher Peter Gysel.

Bau kostet 1 Milliarde Franken

Bis zur geplanten Fertigstellung des Tunnels im Jahre 2015 würden insgesamt rund 250'000 Tonnen Zement geliefert. Der Emisor Oriente sollte eigentlich schon letztes Jahr fertig sein. Es habe aber Schwierigkeiten mit den Tunnelbohrmaschinen gegeben, sagt Bachmann.

Derzeit seien etwa 30 Prozent der Strecke gebohrt. Die Baukosten werden bei rund 1 Mrd. Fr. veranschlagt. Eine Fertigstellung im Juni 2015 sei realistisch. Ab dann hat die von den alten Römern zur Entwässerung der «Ewigen Stadt» erbaute Cloaca Maxima eine würdige Nachfolgerin. (sda)

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