Kununu & Co.: Schweizer Firmen nehmen Lästerportale ernst

Aktualisiert

Kununu & Co.Schweizer Firmen nehmen Lästerportale ernst

Auf Job-Bewertungsportalen wie Kununu wird so mancher Schweizer Arbeitgeber verrissen. Das ärgert die Betroffenen nicht - im Gegenteil: Viele Firmen nehmen sich die Kommentare zu Herzen.

von
Valeska Blank

Hier will niemand arbeiten: Ein Unternehmen, in dem es «kein Lob trotz grossem Einsatz» gibt. Wo die Kollegen «zu faul» sind und «wichtige Entscheidungen verschleppt» werden. Dann schon lieber hier anheuern: Bei der Firma mit den «vielseitigen Jobs und guten Entwicklungsmöglichkeiten», der «schlanken Struktur und tollen Kultur» und den «spannenden Projekten».

Fast nicht zu glauben ist, dass sich alle diese Kommentare um dasselbe Schweizer Unternehmen drehen: die SBB. Die Einträge stammen vom Arbeitgeber-Bewertungsportal Kununu. Dort können Mitarbeiter oder Bewerber einem Arbeitgeber ein schonungsloses Zeugnis ausstellen. Wie das Beispiel SBB zeigt, reichen die Bewertungen von Lobeshymnen bis hin zu Lästereien. Unterm Strich zählt das Bahnunternehmen zu den eher beliebten Brötchengebern: Es erhält 3,4 von 5 möglichen Punkten.

«Kununu hilft uns»

Auch wenn die Kommentare zum Teil offensichtlich von Frust geleitet sind, werden sie bei Schweizer Arbeitgebern ernst genommen. So etwa beim Detailhändler Manor: «Kununu-Feedbacks sind uns sehr wichtig – sie helfen uns, die Sicht unserer Mitarbeitenden besser zu verstehen und Veränderungen anzustossen», sagt Sprecherin Elle Steinbrecher. Manor pflegt sein Kununu-Profil aktiv und versucht, jede Rückmeldung individuell zu beantworten. Das scheint sich auszuzahlen: Manor erhält von den Usern 3,2 Punkte.

Viele Firmen nutzen das Portal für die Personalsuche. Die Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ) – mit 3,5 Punkten auch bei den populären Arbeitgebern – fordern Bewerber etwa dazu auf, nach dem Vorstellungsgespräch ein Feedback auf Kununu zu schreiben. Zudem werden potenzielle Mitarbeiter auf der VBZ-Jobseite per Banner auf das Bewertungsportal hingewiesen. «Aus unserer Sicht sind die Bewertungen wichtig für den Rekrutierungsprozess», sagt Sprecherin Linda Bornhövd.

Firmen zahlen für Profil

Kununu ist das grösste Arbeitgeber-Bewertungsportal im deutschsprachigen Raum und gehört zum Karriere-Netzwerk Xing. Im Jahr 2012 hat Kununu 1,9 Millionen Umsatz gemacht. Die Einnahmen kommen von Bezahlprofilen: Laut «Welt» bezahlen rund 700 Unternehmen für den Kununu-Auftritt – und zwar bis zu 1095 Euro im Monat, je nach Umfang des Profils. Ein Schweizer Unternehmen, das anonym bleiben möchte, bestätigt gegenüber 20 Minuten, für Kununu im Jahr 8200 Euro zu bezahlen.

Dass sich viele Firmen das Profil etwas kosten lassen, ist nicht verwunderlich. Gemäss einer Studie des deutschen Branchenverbands Bitkom lesen mittlerweile 25 Prozent der Internet-User die Kommentare über Arbeitgeber im Netz. In der Schweiz gibt es keine entsprechenden Erhebungen.

Wie eine Anfrage bei Sunrise (2,8 Punkte auf Kununu) zeigt, lassen sich aber auch Schweizer von negativen Kommentaren beeinflussen: «Es gab vereinzelt Fragen von Bewerbern, die über die Gründe einiger Bewertungen Bescheid wissen wollten», erklärt Sprecher Tobias Kistner. Sunrise antworte darauf immer transparent und offen.

Nicht so gut wie Hotelportale

Social-Media-Experte Manuel Nappo von der Hochschule für Wirtschaft Zürich hält ein solches Vorgehen für richtig. «Portale wie Kununu sind für Arbeitgeber ein wichtiger Stimmungsbarometer und müssen unbedingt Teil des Monitorings im Web sein.» Positiv sei auch, dass kritische Feedbacks ein Unternehmen dazu bewegen können, Missstände zu bereinigen.

Andererseits müsse man Kununu & Co mit gesundem Menschenverstand betrachten. Diese Seiten seien lange nicht so gut entwickelt wie Hotel-Bewertungsportale. Auch harsche Kritik mache ein Unternehmen für einen Bewerber noch lange nicht zum No-Go, so Nappo: «Nörglerische Kommentare werden schnell als das erkannt, was sie sind: Blosse Nörgelei.»

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