Halbleiter-Mangel – Statt 80 Rappen 300 Franken – Schweizer Firmen leiden unter Chipmangel

Aktualisiert

Halbleiter-Mangel Statt 80 Rappen 300 Franken – Schweizer Firmen leiden unter Chipmangel

100 Wochen Wartezeit für Chips sind jetzt normal. Inoffizielle Händler machen laut einem Insider das Geschäft ihres Lebens. Nun will Europa selbständiger produzieren.

von
Fabian Pöschl
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Wer Computer-Chips braucht, muss derzeit lange warten oder viel bezahlen.

Wer Computer-Chips braucht, muss derzeit lange warten oder viel bezahlen.

AFP
Schweizer Unternehmen zahlen laut einem Insider statt 80 Rappen nun 300 Franken für einen Chip.

Schweizer Unternehmen zahlen laut einem Insider statt 80 Rappen nun 300 Franken für einen Chip.

REUTERS
100 Wochen Wartezeit seien jetzt normal.

100 Wochen Wartezeit seien jetzt normal.

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Darum gehts

  • Der Computer-Chip-Mangel lässt die Preise explodieren.

  • Statt 80 Rappen kostet ein Chip jetzt bis zu 300 Franken.

  • Es drohen weitere Produktionsausfälle.

  • Der IT-Experte vermutet dahinter geopolitische Machtspiele zwischen China und den USA.

Der Halbleiter-Mangel hat immer schlimmere Folgen in den globalen Lieferketten. Millionen Autos, iPhones und andere Elektronikprodukte können nicht gebaut werden. Tausende Unternehmen in Europa mussten die Maschinen wochenlang abstellen oder Produktionen weitgehend verschieben, weil die Chips zur Produktion fehlen, wie ein Mitarbeiter aus der Halbleiterindustrie zu 20 Minuten sagt, der anonym bleiben möchte.

«Wartezeiten von 100 Wochen sind mittlerweile normal», sagt der Informant. Um Ausfälle zu verhindern, würden die Produzenten aufkaufen, was es noch an Chips gibt. Das treibt die Preise ins Absurde. «Schweizer Unternehmen bezahlen nun bis zu 300 Franken für einen Chip, der vorher 80 Rappen gekostet hat», so der Insider.

Zwischenhändler verkaufen die Chips an die Höchstbietenden

Händler ohne offizielle Lizenz zum Zwischenverkauf hätten sich in den letzten Monaten eine goldene Nase verdient, «die Rolle dieses Graumarkts war noch nie so dominant», sagt der Informant. Sie hätten übriggebliebene Chips der letzten Jahre von grossen chinesischen Auftragsfertigern aufgekauft, zum Teil die Seriennummern abgeschliffen, damit die Chips nicht rückverfolgbar sind, und dann gewartet, bis sie Unsummen damit verdienen können.

Der Meistbietende bekomme die Chips. Doch schon bald sei auch der Graumarkt ausgetrocknet. «Jetzt wird es immer schlimmer», sagt der Insider. Wenn es bis zum Jahreswechsel nicht mehr Chips gibt, werde es zu zahlreichen weiteren Produktionsausfällen kommen.

Autokäufer müssen nun auf autonome Fahrsysteme verzichten

Laut dem Schweizer IT-Guru Röbi Weiss fehlen vor allem hochkomplexe Chips, welche als Prozessoren oder im Kommunikationsbereich Anwendung finden. Diese kommen vor allem bei Smartphones, Spielkonsolen oder im Auto zum Einsatz. «Bei manchen Autos fehlen deshalb nun gewisse Extras wie autonome Fahrsysteme», so Weiss.

Den Grund für den Mangel erklärt Weiss mit der immer komplexeren Produktion für die immer leistungsfähigeren Chips. Die Chip-Industrie sei auf eine Handvoll spezialisierte Zulieferer angewiesen, die den Markt dominieren. «Wenn die einen Ausfall oder Engpässe haben, stockt die ganze Lieferkette», so Weiss.

Retourkutsche von China gegen die USA?

Das war zuletzt bei asiatischen Silizium-Herstellern der Fall, als sie die Produktion stark reduzierten. Die spezialisierten Firmen begründeten dies mit den aktuell hohen Energiepreisen. Doch Weiss vermutet, dass sich vor allem China damit an den USA rächt. Denn die USA verboten unter Ex-Präsident Trump etwa dem taiwanesischen Chip-Giganten TSMC Lieferungen von Spezial-Know-how in die Volksrepublik (siehe Box).

Chips als strategisches Gut

Die USA sehen Computer-Chips mittlerweile als strategisches Gut an. Ex-US-Präsident Donald Trump drohte dem taiwanesischen Chip-Riesen TSMC mit Sanktionen, sollte er Chips an den chinesischen Hersteller Huawei verkaufen. Dieser soll nun dank Subventionen der USA ein modernes Werk in Arizona bauen.

Viele grosse Firmen wie Apple entwerfen seit einiger Zeit eigene Chips, um weniger abhängig von den Lieferketten zu sein, so Weiss. Er fordert, dass es auch in Europa mehr unabhängige Lieferketten beziehungsweise Produktionswerke geben sollte. Denn zu solchen Engpässen könne es immer wieder kommen, zuletzt etwa vor zehn Jahren nach einer Überschwemmung in einem Gebiet in Japan, wo sich zahlreiche Fabriken für Fotokameras befinden, oder bei der Lieferung von Speicherbausteinen.

Europa will unabhängiger werden

Mehr europäische Produktionen könnte es bald geben, wie es auf Anfrage bei Swico heisst, dem Verband der Schweizer ICT-Anbieter. «Wir erwarten nächstes Jahr einen Chip-Act von der EU-Kommission, damit die Produktion in Europa geschieht», sagt Swico-Geschäftsführerin Judith Bellaiche zu 20 Minuten. Der Verband bleibe eng am Ball, damit die Schweizer Industrie den Trend aus der EU nicht verpasse.

Trotz der hohen Komponenten-Preise hätten sich die Endkundenpreise für die fertigen Produkte aber noch nicht verändert. «Das sind Hochpreisgeräte wie Smartphones oder PCs, deshalb hat es noch keinen grossen Einfluss», so Bellaiche.

Auch kämen Wartezeiten für neue Geräte aufgrund der hohen Nachfrage immer wieder vor, da sei die Verzögerung wegen des Chip-Mangels nicht wesentlich. «Die Hersteller sind bemüht, ihre Lieferkette so zu organisieren, dass sie die Nachfrage in der Schweiz in einer vernünftigen Zeit decken können. Bisher waren alle Gerätekategorien noch erhältlich», sagt Bellaiche.

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