Aktualisiert 16.06.2017 14:09

St. Gallen–Genf

Schweizer Flixbus-Kopie erstmals unterwegs

Bei der Jungfernfahrt des ersten inländischen Fernbusses entpuppt sich der Fahrplan als zu optimistisch. Die Passagiere sind trotzdem zufrieden.

von
Stefan Ehrbar

Wie das Unternehmen Domo Reisen mit Fernbussen die Schweiz erobern will – und was die Passagiere dazu sagen.

Um 6 Uhr fuhr am Donnerstag der erste Schweizer Fernbus in St. Gallen ab. Domo Reisen aus Glattbrugg ZH will ab Ende Jahr ein Bus-Netz mit drei Linien aufbauen und führte deshalb die kostenlose Testfahrt durch.

Das Interesse war bescheiden. Knapp zehn Leute fuhren im Bus mit. Eigentlich hätte er voll sein sollen, doch viele, die Tickets bezogen hatten, entschieden sich offenbar spontan, die Fahrt nicht anzutreten.

Verspätung wegen Morgenverkehr

Der moderne Doppelstock-Bus verfügt über WLAN, grosszügige Sitzabstände und Steckdosen. Als Weltneuheit sollen die Linienbusse rollstuhlgängige Toiletten erhalten.

Für die Strecke zwischen St. Gallen und Zürich rechneten die Planer mit einer Fahrzeit von zwei Stunden – zu wenig, wie der Praxistest zeigte. Der Zürcher Morgenverkehr sorgte für eine erste Verspätung von 15 Minuten.

Zurzeit noch illegal

Nicht nur der Fahrplan ist optimistisch: Domo geht fest davon aus, dass das Bundesamt für Verkehr (BAV) die nötigen Bewilligungen erteilt. Denn innerhalb der Schweiz dürfen Fernbusse zurzeit keine Passagiere befördern. Die Signale des BAV seien positiv, sagt Patrick Angehrn, Leiter des Linienbusverkehrs bei Domo Reisen. Ob das Unternehmen die Konzession für die Linien erhalte, stehe aber nicht fest, sagt BAV-Sprecher Gregor Saladin.

Das Verfahren werde noch einige Monate in Anspruch nehmen, einen Termin für den Entscheid gebe es nicht. Das BAV habe Domo bisher nur erklärt, dass es nichts dagegen habe, wenn die Firma auf eigenes Risiko je eine Gratis-Testfahrt auf den Linien durchführe.

GA wird akzeptiert

Das BAV verlangt von Domo Reisen, dass der Bus ins Tarifsystem integriert wird. Damit werden GA und Halbtaxabo anerkannt. Tickets für den Fernbus sollen auch an Ticketautomaten gelöst werden können.

Domo Reisen plant mit einem Start des regulären Angebots am 10. Dezember. Vorerst will das Unternehmen mit drei Linien starten, die täglich bedient werden. Im Juni 2018 soll die Frequenz verdoppelt werden. Eine Linie führt vom Zürcher Flughafen nach Lugano, eine von Chur nach Sitten und die dritte von St. Gallen nach Genf.

Dreimal so lang wie der Zug

In Rothrist sollen die Passagiere auf die anderen Buslinien umsteigen können. Eine Fahrt von Zürich nach Lugano mit Umsteigen soll über fünf Stunden dauern - mehr als doppelt so lang wie jene mit dem Zug.

Eine Fahrt zwischen Zürich und Bern soll mit Halbtax 11.75 Franken kosten. Die Passagiere sind vom Angebot überzeugt (siehe Video). «Ich bin positiv überrascht, die Fahrt war sehr angenehm», sagt etwa Sandra N. zu 20 Minuten.

20 Busfahrer beschäftigt

Domo will rund 6,5 Millionen Franken in die Flotte investieren, sollte das BAV grünes Licht geben. Er rechne mit etwa 20 Busfahrern und 10 Leuten in der Administration, sagt Fernbus-Leiter Angehrn. Die Busfahrer verdienten übliche Löhne, also ab dem vierten Berufsjahr mindestens 62'000 Franken im Jahr. Im Gegensatz dazu sind die Löhne beim deutschen Fernbus-Riesen Flixbus deutlich tiefer.

Flixbus lässt seine Linien in die Schweiz von ausländischen Unternehmen betreiben. In Deutschland verdient ein Busfahrer durchschnittlich 2000 Euro brutto in Monat. Zwar kündigte Flixbus in der Vergangenheit an, ebenfalls ein Fernbus-Netz mit Start- und Zielort in der Schweiz aufbauen zu wollen.

Die strengen Vorgaben dürften den Appetit aber gedämpft haben. Offenbar hat Flixbus von seinen Schweiz-Plänen Abstand genommen. Eine Anfrage von 20 Minuten blieb bisher unbeantwortet.

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