Politiker hören nicht auf Wissenschaftler - Schweizer Forscher wollte aus Corona-Taskforce austreten – in Kanada
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Politiker hören nicht auf Wissenschaftler Schweizer Forscher wollte aus Corona-Taskforce austreten – in Kanada

Peter Jüni ist wissenschaftlicher Leiter der Corona-Taskforce in der kanadischen Provinz Ontario. Weil die Politik seines Erachtens nicht auf die Wissenschaft hört, überlegte sich der Schweizer, der Taskforce den Rücken zu kehren.

von
Reto Heimann
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Peter Jüni leitet die wissenschaftliche Taskforce in der kanadischen Provinz Ontario.

Peter Jüni leitet die wissenschaftliche Taskforce in der kanadischen Provinz Ontario.

20min/pst
Aus Frust über die Politik wollte er vor Kurzem aus dieser zurücktreten.

Aus Frust über die Politik wollte er vor Kurzem aus dieser zurücktreten.

St. Michael’s Hospital Toronto
Zwar hat die Regierung Ontarios weitgehende Corona-Massnahmen beschlossen (wie zum Beispiel rigide Ausgangs- und Reisebeschränkungen), aber nicht auf die Empfehlungen der Wissenschaft gehört.

Zwar hat die Regierung Ontarios weitgehende Corona-Massnahmen beschlossen (wie zum Beispiel rigide Ausgangs- und Reisebeschränkungen), aber nicht auf die Empfehlungen der Wissenschaft gehört.

REUTERS

Darum gehts

  • «Der letzte Freitag war einer der schwärzesten Tage in meinem beruflichen und privaten Leben», sagt Epidemiologe Peter Jüni.

  • Aus Frust über die Politiker im kanadischen Ottawa überlegte er sich, seinen Posten als wissenschaftlicher Leiter der Corona-Taskforce niederzulegen.

  • Wissenschaftler der Schweizer Corona-Taskforce haben diesen Schritt schon gemacht.

Ein Schweizer Wissenschaftler, der sich in der Corona-Taskforce engagiert, kritisiert die Politik dafür, zu wenig auf die Wissenschaft zu hören. Aus Frustration und Unverständnis darüber, dass die Politikerinnen und Politiker keine der von der Wissenschaft vorgeschlagenen Massnahmen umsetzen, überlegt er sich den Austritt aus der Taskforce.

Kommt Ihnen diese Geschichte bekannt vor? Zu Recht. Sie hat sich so in der Schweiz schon mehrmals abgespielt – etwa als die renommierten Epidemiologen Christian Althaus und Marcel Salathé der Corona-Taskforce des Bundes den Rücken kehrten.

«Nicht die richtige Zeit für Kompromisse»

Dieses Phänomen ist nicht nur auf die Schweiz beschränkt. Auch in Kanada hadern Wissenschaftler mit der Politik. Mittendrin: der Schweizer Epidemiologe Peter Jüni, der die Corona-Taskforce von Kanadas bevölkerungsreichster Provinz Ontario leitet.

Dieser ist mit der Corona-Politik von Ontario ganz und gar unzufrieden, wie er im Interview mit «CBS Canada» sagt. «Eine Pandemie lässt sich nicht mit politischem Taktieren besiegen. Wenn man sich inmitten eines exponentiellen Anstiegs der Fallzahlen befindet, sind Kompromisse nicht der richtige Weg», so Jüni, der an der Universität Toronto forscht.

«Wir tun nichts»

Anlass für Jünis Ärger ist eine Medienkonferenz von vergangenem Freitag, an der Ontarios Premierminister Doug Ford Massnahmen vorstellte, mit denen er die sprunghaft ansteigenden Corona-Fallzahlen in den Griff bekommen möchte. Darunter: Ausgangs- und Reisebeschränkungen, Homeoffice-Pflicht und weitgehende Polizeikontrollen.

Zu wenig griffige Massnahmen, findet Peter Jüni. Er hätte sich gewünscht, dass Ontario eine Regelung verabschiedet, die es Arbeitnehmern ermöglichen würde, bei Symptomen zuhause zu bleiben und trotzdem den Lohn zu erhalten. «Wir befinden uns in einer Pandemie, die von Ungleichheiten dominiert wird. Und wir tun nichts dagegen», so Jüni.

Rücktritt hätte Vakuum hinterlassen

«Gestern war einer der schwärzesten Tage in meinem beruflichen und privaten Leben», sagte Jüni am Tag nach der Medienkonferenz. «Ich war am Punkt, wo ich zurücktreten wollte.» Er habe die Hoffnung gehabt, dass durch seinen Rücktritt etwas ins Rollen kommen könnte. Dann aber habe er eingesehen, dass er damit bloss ein Vakuum hinterlasse.

Jüni hofft nun, dass die Politik aus den seines Erachtens gemachten Fehlern lernt. «Ich erwarte von der Regierung Ontarios, dass sie zuhört. An einem Gespräch nehmen immer zwei teil – und beide müssen zuhören können und sich ausreden lassen.» Jüni wählt damit eine ähnliche Formulierung wie Christian Althaus, der seinen Austritt aus der Schweizer Corona-Taskforce mit den Worten begründete: «Die Politik muss endlich lernen, der Wissenschaft auf Augenhöhe zu begegnen.»

In Ontario ist das Coronavirus auf dem Vormarsch. Die Provinz vermeldete am Mittwoch 4212 Neuinfektionen mit dem Virus und 32 Tote. Der R-Wert liegt bei 1,2. Ontario hat etwas mehr als 14 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner. Um einen Kollaps des Gesundheitssystems zu verhindern, hat Ontario andere kanadische Provinzen um personelle Unterstützung gebeten.

Hast du oder hat jemand, den du kennst, Mühe mit der Coronazeit?

Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

BAG-Infoline Covid-19-Impfung, Tel. 058 377 88 92

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

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