Aktualisiert 07.12.2017 07:24

Digitalisierung und OutsourcingSchweizer fürchten trotz Aufschwung um ihren Job

Die Schweizer Wirtschaft brummt. Aber das Zittern um die Jobs hält wegen Digitalisierung und Outsourcing an. Was macht das mit den Menschen?

von
Isabel Strassheim
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Die Schweizer Wirtschaft wächst dank starker Ausfuhren, vor allem auch nach Deutschland: Containerbahnhof in Frankfurt am Main.

Die Schweizer Wirtschaft wächst dank starker Ausfuhren, vor allem auch nach Deutschland: Containerbahnhof in Frankfurt am Main.

Frank Rumpenhorst
Der in diesem Jahr erstarkte Euro hilft den Schweizer Exportbranchen.

Der in diesem Jahr erstarkte Euro hilft den Schweizer Exportbranchen.

Keystone/Walter Bieri
Rudolf Minsch, Chefökonom von Economiesuisse, ist auch für 2018 optimistisch. Er erwartet, dass das Wachstum auf 2,2 Prozent anziehen wird. 2017 dürfte es bei 1 Prozent liegen.

Rudolf Minsch, Chefökonom von Economiesuisse, ist auch für 2018 optimistisch. Er erwartet, dass das Wachstum auf 2,2 Prozent anziehen wird. 2017 dürfte es bei 1 Prozent liegen.

Keystone/Walter Bieri

Der Motor läuft: Die Schweizer Wirtschaft wächst dieses Jahr um rund ein Prozent. Und 2018 soll die Konjunktur dank der starken Exporte noch stärker in Schwung kommen. Trotz Aufschwung – bei den Angestellten und Arbeitern ist die Angst um den Job ständiger Begleiter. Denn Digitalisierung und Outsourcing gehen weiter. Ein Teil der Banker, Industriearbeiter oder Chirurgen wird nach und nach durch Roboter und Computer ersetzt oder ins Ausland verlagert.

«Wir haben eine sehr hohe Dynamik, jedes Jahr fallen rund zehn Prozent der Stellen weg, zugleich werden zehn Prozent neue Stellen geschaffen», sagt Rudolf Minsch, Chefökonom des Wirtschaftsverbands Economiesuisse, zu 20 Minuten. «Für die einzelnen Arbeitnehmer ist das sehr anstrengend.»

Die Jobunsicherheit ist allgegenwärtig, auch wenn die Arbeitslosigkeit abnehmen dürfte. Economiesuisse geht davon aus, dass kommendes Jahr erstmals seit 2012 die Arbeitslosenquote unter 3 Prozent fällt. Momentan liegt sie im Schnitt bei 3,2 Prozent. Aber sichere Jobs bedeutet das eben nicht mehr. Gleichzeitig wechseln viele den Job und orientieren sich neu. «Weiterbildung und Flexibilität sind absolut notwendig», sagt Minsch.

Die entscheidende Frage in punkto Jobangst sind Ausbildung, Werdegang und Alter. Aber auch die individuelle Grundhaltung spielt eine Rolle. Wie gehen Menschen mit der permanenten Jobunsicherheit um?

Die Fortschritts-Enthusiasten: Zwar lässt auch sie die Frage nicht kalt, ob ihre Stelle in den nächsten zwei, drei Jahren nicht plötzlich nach Polen ausgelagert oder durch einen Algorithmus ersetzt wird. Aber sie können sich für den Wandel begeistern und fokussieren darauf, dass die Digitalisierung auch neue Jobs schafft. Selbstverständlich im Fall der Fälle auch für sie. Die Energie und Offenheit für neue Wege gibt ihnen ihr Enthusiasmus.

Die Digitalisierungs-Ignoranten: Stellenabbau? Kündigung? Bei mir und hier doch nicht. Die Nachrichten über Jobstreichungen nehmen die Naiven schon zur Kenntnis. Aber die eigene Branche, die eigene Firma sehen sie nicht davon bedroht. Die Vorstellung, dass ihre Funktion auch von einem Roboter ausgeübt werden kann, erscheint ihnen wie Science Fiction. Das mag naiv erscheinen, ist aber auch ein gesunder Selbstschutz: Die Angst setzt erst dann ein, wenn die Bedrohung konkret wird.

Die Pflichtgeplagten: Wer gerade ein Haus gebaut hat und auf hohen Hypotheken sitzt, dazu vielleicht noch kleine Kinder hat, für den kann sich die Job-Unsicherheit sehr leicht zur massiven Existenzangst steigern. Die Flexibilität ist zudem stark eingeschränkt: Die Kinder wollen betreut werden, und niemand möchte das neue Haus gleich wieder verkaufen, um womöglich eine neuen Job an einem entfernten Ort anzunehmen. Ist die Familie zudem auf zwei Einkommen in bestimmter Höhe angewiesen, wird der Spielraum noch kleiner und die Angst noch grösser.

Die Anpassungsfähigen: Sie finden die Unsicherheit spannend. Denn die Vorstellung, über Jahre hinweg denselben Job zu machen, macht ihnen ebenso Angst. Weiterbildung, Stellenwechsel, Umzug planen sie ohnehin ein und richten auch ihr Leben entsprechend aus. Ihre Einstellung: Neue Jobs gibt es immer und selbstverständlich auch für sie. Auch der Umstieg in eine ganz andere Branche oder auch Abstieg in eine niedrigere Funktion oder einfachere Tätigkeit wäre für sie kein Weltuntergang.

Die Zukunfts-Skeptiker: Die Jobunsicherheit lässt sie zittern, jede neue Meldung zu einem Stellenabbau verstärkt ihre Angst. Statt rational damit umzugehen und verschiedene Optionen durchzuspielen, sehen sie schwarz. Den Unternehmen ist sowieso nicht zu trauen und die nächste Wirtschaftskrise steht bestimmt auch schon vor der Tür. Und sie sind sich sicher: Die Technologie dient nur dazu, den Menschen in der Arbeitswelt überflüssig zu machen. Indizien dafür sehen sie überall: Roboter erobern die Altersheime und Chatbots übernehmen die Aufgabe von Kundenberatern.

Herr Kissling, Sie leiten das Institut für Arbeitsmedizin, was macht die Jobangst mit uns?

Die Unsicherheit um den eigenen Arbeitsplatz kann extreme Ängste auslösen. Und kann zu gesundheitlichen Beschwerden oder Schlafstörungen führen. Für den Einzelnen stellt sich natürlich die Frage der Arbeitsmarktfähigkeit – bekomme ich wieder einen neuen Job.

Und wenn es düster aussieht, was hilft dann?

Ich darf mich nicht als Opfer fühlen. Wenn ich an den Rahmenbedingungen nichts ändern kann, muss ich damit umgehen können. Das heisst: Eigenverantwortung aufbauen und schauen, dass es mir gut geht.

Wie das?

Wir können lernen, gut mit Krisen umzugehen. Entscheidend sind drei Dinge: Sport, Entspannungsmethoden und positive Denkmuster. Auch Pessimisten können sich eine optimistische Lebenseinstellung zulegen.

Für einige sind Job und Einkommen entscheidend.

Ideal ist es natürlich, wenn man sich das Leben auch anders vorstellen kann. Das ist natürlich schwieriger, wenn man für eine Familie verantwortlich ist.

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