Boom - Schweizer futtern so viel Chips wie noch nie
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Boom Schweizer futtern so viel Chips wie noch nie

Die Schweizer Bevölkerung stürzt sich seit der Pandemie auf Pommes-Chips. Doch der Boom und die Unwetter bringen die Chips-Produzenten in Bedrängnis. Zweifel muss nun mehr Kartoffeln aus dem Ausland importieren.

von
Fabian Pöschl
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Der Pommes-Chips-Konsum in der Schweiz hat im Vorjahr und auch im ersten Halbjahr 2021 zugenommen.

Der Pommes-Chips-Konsum in der Schweiz hat im Vorjahr und auch im ersten Halbjahr 2021 zugenommen.

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Für die Pommes-Chips-Produzenten ist die Krise wie ständig Fussball-EM.

Für die Pommes-Chips-Produzenten ist die Krise wie ständig Fussball-EM.

TAMEDIA AG
Zweifel legt einen Umsatzrekord auf den nächsten hin.

Zweifel legt einen Umsatzrekord auf den nächsten hin.

TAMEDIA AG

Darum gehts

  • Corona hat zu einem Pommes-Chips-Boom geführt.

  • Die Nachfrage ist so gross, dass nun auch überschüssige Kartoffeln zu Chips werden.

  • Die Psychologin sagt, warum wir nicht mehr aufhören können mit dem Chips-Konsum.

Homeoffice, Quarantäne, Shutdown: In der Corona-Pandemie sind wir zu Hause geblieben. Manch einer pfiff auf eine ausgewogene Ernährung. Die Folgen der Pandemie lassen sich darum auch auf einigen Hüften ablesen. Für die Produzenten von Pommes-Chips sind das goldene Zeiten.

Der Schweizer Marktleader Zweifel Pomy-Chips verkaufte im ersten Halbjahr noch mehr Chips als im gleichen Zeitraum 2020, wie ein Sprecher zu 20 Minuten sagt. Schon im letzten Jahr war der Umsatz von Zweifel mit 262,6 Millionen Franken so hoch wie noch nie zuvor.

Auch Intersnack mit den Marken Chio und Tyrrell’s verzeichnet seit Beginn der Pandemie höhere Verkäufe, wie es auf Anfrage heisst. Die Chips von Stedy Gwürz verkaufen sich seither über 40 Prozent besser, wie Inhaber Valentin Stettler sagt.

Nun werden auch Frites-Kartoffeln zu Pommes-Chips

Der Pommes-Chips-Boom freut auch den Handel, der im vergangenen Jahr 16 Prozent mehr Chips verkaufte (siehe Box). Coop spüre eine «hohe Nachfrage nach salzigen Snacks» in diesem und letztem Jahr. Ähnlich tönt es bei Aldi Suisse und Lidl Schweiz.

Auch bei der Migros steigen die Chips-Verkäufe noch immer. Im ersten Halbjahr waren es in den Migros-Filialen 8 Prozent mehr verkaufte Chips und im Onlineshop plus 66 Prozent. Ein Sprecher nennt als Grund etwa die Fussball-EM, die viele mit Freunden zu Hause gesehen und dabei Chips geknabbert hätten. Pommes-Chips essen ist für viele aber auch ein Weg, um mit dem Stess klarzukommen, den Corona verursacht, wie die Psychologin im Interview sagt (siehe Interview ganz unten).

11 Millionen Kilo Pommes-Chips

2020 ass die Schweizer Bevölkerung 11 Millionen Kilo Pommes-Chips. Das sind im Vergleich zum Vorjahr 16 Prozent mehr. Klarer Marktführer ist Zweifel Pomy-Chips. Gut jede zweite verkaufte Packung im Land ist von Zweifel.

Auch die Kartoffelbauern freuen sich, dass ihr Produkt so beliebt ist. Im Herbst reichte gar die Erntemenge nicht mehr aus, um den Markt zu versorgen. Die Pommes-Chips-Produzenten griffen deshalb teilweise auf Frites-Kartoffeln zurück. Die blieben wegen der geschlossenen Restaurants übrig und hätten sonst vernichtet werden müssen, heisst es auf Anfrage bei der Vereinigung der Schweizerischen Kartoffelproduzenten (VSKP).

Zweifel muss mehr Kartoffeln importieren

Doch die Kartoffelproduzenten treiben auch Sorgen um. Wegen der Unwetter entstehen Ernteausfälle. «Viele Felder stehen noch immer unter Wasser, weil die Böden durch den vielen Regen so gesättigt sind», sagt Niklaus Ramseyer von der VSKP.

Dadurch gebe es einen «massiven Pilzbefall wie wir ihn seit Jahren nicht mehr erlebt haben». Ramseyer geht deshalb von einer verhältnismässig tiefen Ernte aus. Wegen den Ernteverzögerungen aufgrund der nassen Witterung sind teilweise auch Zusatzimporte nötig, wie es bei der Branchenvereinigung Swisspatat heisst.

So bestätigt ein Zweifel-Sprecher, dass die Firma Kartoffeln etwa aus Italien, Portugal und Deutschland importieren muss. Zweifel wirbt mit Swissness. In normalen Zeiten stammen 95 Prozent der Kartoffeln von Schweizer Bauern. Auf der Verpackung schreibt die Firma, von welchem Bauern die Kartoffeln kommen. Bei den importierten Kartoffeln werde Zweifel das wie üblich deklarieren, sagt ein Sprecher.

«Gestresste Menschen sehnen sich nach ungesunden Lebensmitteln»

Mandana Bahrami ist Psychologin und arbeitet als wissenschaftliche Assistentin an der Kalaidos-Fachhochschule am Institut für Wirtschaftspsychologie.

Mandana Bahrami ist Psychologin und arbeitet als wissenschaftliche Assistentin an der Kalaidos-Fachhochschule am Institut für Wirtschaftspsychologie.

Kalaidos

Warum essen wir in der Krise mehr Chips?

Mandana Bahrami: Die Corona-Krise und die damit einhergehenden Konsequenzen, wie Arbeitslosigkeit, Isolation und eingeschränkte körperliche Gesundheit, ist für viele Menschen mit erhöhtem psychologischem Stress verbunden. Die meisten Menschen essen unter Stress mehr und sehnen sich nach ungesunden Lebensmitteln, die viel Zucker, Salz, Fett und Kalorien enthalten. Aus evolutionärer Sicht ist dies nachvollziehbar: Diese Inhaltsstoffe versprechen einfache und schnelle Energiezufuhr. Sie geben uns ein gutes Gefühl, nicht zuletzt auch durch die Sensorik – das knusprige Gefühl im Mund.

Was ersetzen wir damit?

Die Leute haben durch das Homeoffice mehr Zeit zuhause verbracht und dadurch auch mehr zuhause gegessen, als die Restaurants geschlossen waren. Ich kann mir denken, dass im hektischen Alltag nicht alle Lust und Zeit hatten zweimal zu kochen und vielleicht eine Mahlzeit durch Chips ersetzt haben. Das geht schneller und stillt unser Belohnungsgefühl sofort.

Was sind dabei die Gefahren?

Stress mit Essen zu verarbeiten ist eine Strategie, die zur Gewohnheit werden kann. Hinzu kommt, dass verarbeitete Lebensmittel wie Chips vom Geschmack und den Inhaltsstoffen her so designt sind, dass sie unsere evolutionären Bedürfnisse triggern und den Konsum maximieren. Dies kann uns dazu verleiten, solche Lebensmittel impulsiv zu kaufen und mehr davon zu konsumieren, als wir eigentlich möchten oder uns vorgenommen haben, respektive nicht mehr aufhören können damit.

Was sind gesündere Alternativen?

Günstig ist, es einen alternativen Weg zu finden, um Stress abzubauen, beispielsweise durch Bewegung oder eine andere Form von Entspannung.

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