Doppelbürger gewählt: Schweizer Hauswart will in Kenia aufräumen
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Doppelbürger gewähltSchweizer Hauswart will in Kenia aufräumen

Er hat die Sensation geschafft: Der Doppelbürger Peter «Safari» Shehe wurde in Kenia zum Regierungschef einer Provinz gewählt. Den Einwohnern der ärmsten Region des Landes verspricht er wirtschaftlichen Aufschwung.

von
Simon Städeli

Der 57-jährige Peter Shehe ist zurück von einer langen Tour durch den Süden Kenias: «Ich habe die letzten Wochen nie mehr als zwei Stunden geschlafen und bin völlig erschöpft», sagt Shehe, der in Arbon liebevoll «Safari» genannt wird. Seit gestern ist er zurück in der Schweiz, zur Ruhe kommt der Doppelbürger aber auch hier nicht: Reporter und Fotografen belagern das Haus seiner Freundin in Arbon. Sein Koffer im Zebralook steht noch unberührt im Zimmer.

Shehe merkt man die Müdigkeit nicht an, er gibt gerne Auskunft, genug zu erzählen hat er allemal. Die Abenteuer, die er in den letzten sechs Monaten erlebt hat, klingen unglaublich. Doch die Wahlurkunde bestätigt: Peter Shehe ist frisch gewählter Regierungschef des District Ganze, einer Provinz mit 140 000 Einwohnern im Süden Kenias.

Korruption allgegenwärtig

Schon vor fünf Jahren wollte Safari Shehe diesen Posten, doch die Wahl verpasste er knapp. Nun hat's geklappt: Der Hausabwart aus Arbon gewann mit einem Vorsprung von 500 Stimmen. Seit Oktober tourte er durch die Provinz, die dreimal grösser als der Thurgau ist, und machte Wahlkampf. In zahlreichen Veranstaltungen sprach er in seiner Muttersprache Suaheli zu den Einwohnern und buhlte um Stimmen. Sein Slogan war klar: «Wer mich wählt, sagt der Korruption den Kampf an.» «Für mich ist Korruption ein Fremdwort», sagt er und beginnt von den Missständen in Kenia zu erzählen: «Viele denken ohne einer Zahlung unter der Hand, laufe gar nichts. »

Im Wahlkampf habe er zum Beispiel in einem Dorf versprochen, eine funktionierende Bewässerungsanlage für die bessre Nutzung der Landwirtschaft zu bauen. Dies hätten seine Gegner gehört und am nächsten Tag kiloweise Nahrung vorbei gebracht. «Wer braucht schon eine Bewässerungsanlage, wenn er genug zu essen hat?», fragt Shehe. Am Wahltag selber deckte Shehe dann einen Wahlbetrug auf: Als er in einem Wahlbüro auf null Stimmen kam, sei er misstrauisch geworden. Einer seiner sechs Gegner hatte den Chef des Büros bestochen. Wenig später wurde der Wahlhelfer verhaftet.

«Eine kleine Schweiz aufbauen»

Nun ist der Mann, der seit 22 Jahren in der Schweiz lebt, plötzlich Regierungschef. «Ich habe eine riesige Aufgabe vor mir», sagt Shehe. Tatsächlich: Die Provinz Ganze gilt als die ärmste Region Kenias. «Es gibt im ganzen Gebiet kein einziges Unternehmen», sagt «Safari». Die Leute lebten nur von der Hand in den Mund. Das will er nun ändern. Bis Sonntag bleibt der 57-Jährige noch in der Schweiz und will hiesige Unternehmen ins Boot holen: Schreiner, Ingenieure oder Landwirte, die ihr Know-How in Afrika einsetzen wollen. «Ich wurde nur gewählt, weil ich Schweizer bin», ist sich Shehe sicher. Die Schweiz werde hoch geschätzt - wegen ihrer Demokratie und der florierenden Wirtschaft. «Ich will in Ganze eine kleine Schweiz aufbauen.»

100 Millionen Kenia-Schilling (circa eine Million Schweizer Franken) erhalte er jährlich von der Regierung in Nairobi. Dieses Geld will er anders als seine Vorgänger nachhaltig und für alle einsetzen: In Bildung und Infrastruktur. «Die Leute haben genug von der Selbstbereicherung der Politiker», sagt Shehe. Er ist der allererste Vertreter des Kaoma-Stammes, der in Ganze die Wahl zum Regierungschef geschafft hat – 50 Jahre lang herrschte zuvor der Giriama-Stamm, dem in der Provinz 75 Prozent der Bevölkerung angehört. Dies sieht Shehe als klares Zeichen für eine Veränderung. Fünf Jahre hat er nun Zeit, seine grossen Ziele in die Tat umzusetzen und in Ganze «eine kleine Schweiz» einzurichten.

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