Aktualisiert 12.02.2020 11:27

UNRWASchweizer Hilfswerk-Chef soll seinen Posten räumen

Spesenexzesse und ein Job für die Geliebte: Die Vorwürfe gegen Pierre Krähenbühl wiegen schwer. Treffen sie zu, müsse er zurücktreten, so ein SVP-Nationalrat.

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dk/pam
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Das UNO-Palästinenserhilfswerk UNRWA steht unter Druck: Ein interner Bericht wirft der Führungsriege um den Schweizer Chef Pierre Krähenbühl «toxisches Arbeitsklima», Amtsmissbrauch und Vetternwirtschaft vor.

Das UNO-Palästinenserhilfswerk UNRWA steht unter Druck: Ein interner Bericht wirft der Führungsriege um den Schweizer Chef Pierre Krähenbühl «toxisches Arbeitsklima», Amtsmissbrauch und Vetternwirtschaft vor.

Keystone/Martial Trezzini
Darunter etwa die Spesenexzesse und die Beschäftigung seiner Geliebten.

Darunter etwa die Spesenexzesse und die Beschäftigung seiner Geliebten.

Gabriele Putzu
Der Schweiz wurde das Treiben von Generalsekretär Krähenbühl zu bunt: Nachdem Aussenminister Cassis das Hilfswerk bereits letztes Jahr kritisierte, hat der Bund kürzlich angekündigt, die jährliche Zahlung an die UNRWA auszusetzen, bis die Vorwürfe geklärt sind.

Der Schweiz wurde das Treiben von Generalsekretär Krähenbühl zu bunt: Nachdem Aussenminister Cassis das Hilfswerk bereits letztes Jahr kritisierte, hat der Bund kürzlich angekündigt, die jährliche Zahlung an die UNRWA auszusetzen, bis die Vorwürfe geklärt sind.

Gabriele Putzu

Das UNO-Palästinenserhilfswerk UNRWA steht unter Druck: Ein interner Bericht wirft der Führungsriege um den Schweizer Chef Pierre Krähenbühl «toxisches Arbeitsklima», Amtsmissbrauch und Vetternwirtschaft vor – darunter die Spesenexzesse und die Beschäftigung seiner Geliebten. (20 Minuten berichtete).

Der Schweiz wurde das Treiben von Generalsekretär Krähenbühl zu bunt: Nachdem Aussenminister Cassis das Hilfswerk bereits letztes Jahr kritisierte, hat der Bund kürzlich angekündigt, die jährliche Zahlung an die UNRWA auszusetzen, bis die Vorwürfe geklärt sind. Die Überweisung von 22,3 Millionen Franken für das laufende Jahr ist jedoch bereits getätigt. Ein Schritt, zu dem sich nun auch Belgien und die Niederlande entschieden haben.

«Milde gesagt ein GAU»

«Eine Situation, so wie sie jetzt vorliegt, ist für alle direkt und indirekt Betroffenen milde gesagt ein GAU», meint Max Schweizer, ehemaliger Diplomat und Präsident des Swiss Diplomats - Zurich Network. Als vor einigen Monaten Bundesrat Ignazio Cassis es wagte, Fragen zur Organisation zu stellen, sei er dafür heftig kritisiert worden. «Zu Unrecht, wie sich jetzt zeigt.»

Die Ernennung von Krähenbühl zum UNRWA-Chef sei 2014 mit einer gewissen Genugtuung aus der Schweiz erfolgt, sagt Schweizer. «Den sogenannt ‹guten Ruf› der Schweiz sehe ich aber nicht in Gefahr: Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer», sagt Schweizer.

Eskapaden schaden dem Ruf des Hilfswerks

Zumindest für Krähenbühl und die über fünf Millionen Flüchtlinge, für die die UNRWA sorgt, sei die ganze Affäre ein «Desaster», sagt Ricardo Bocco, Nahostexperte am Graduate Institute of Geneva. «Krähenbühl hatte bei seinem vorherigen Job beim Roten Kreuz einen ausgezeichneten Ruf – dass er den auf diese Weise ruiniert, kann ich einfach nicht verstehen.» Weil die UNRWA auf internationale Spenden und Beitragszahlungen angewiesen sei, werde sie es nun noch schwerer haben, das nötige Geld aufzutreiben.

Bocco: «Falls im September in Gaza, Libanon und Jordanien Kliniken und Schulen für Hunderttausende wegen Sparmassnahmen nicht öffnen können, wird die Region zur tickenden Zeitbombe.» Trotzdem befürwortet Bocco den UNRWA-Zahlungsstopp der Schweiz, bis Klarheit herrscht. «Ein kleiner Teil unserer Steuergelder finanziert die internationale Entwicklungshilfe. Da will man schon, dass das Geld verantwortungsbewusst ausgegeben wird.»

«Intransparente Geldverschwendung bei der UNRWA»

SVP-Nationalrat Erich von Siebenthal, der auch als Präsident der parlamentarischen Gruppe Schweiz-Israel amtet, bedauert die Eskapaden Krähenbühls: «Sollten sich die Vorwürfe erhärten, muss er zurücktreten.» Für von Siebenthal zeigen die neusten Berichte über die Missstände bei der UNRWA, dass die Schweiz ihre Zahlungen nicht nur vorläufig sistieren, sondern auch längerfristig kürzen muss. «Wir müssen jetzt genau hinschauen.» Er hat dazu eine Motion eingereicht (siehe Box).

Flüchtlinge brauchen Hilfe der Schweiz

SP-Nationalrat Carlo Sommaruga dagegen verteidigt das Hilfswerk: «Wir können nicht die Palästinenser bestrafen und ihnen die Hilfe streichen, nur weil ein Schweizer möglicherweise Fehler begangen hat.» Sommaruga betont, dass palästinensische Flüchtlinge seit 70 Jahren auf eine Entschädigung und eine Rückkehr in ihr Land warteten. «Sie brauchen die Hilfe der Schweiz.» Die Strategie des UNRWA hält er für richtig, sagt aber: «Wenn eine für alle akzeptable Friedenslösung auf dem Tisch liegt, bei der es die UNRWA-Flüchtlingslager nicht mehr braucht, bin ich offen dafür – bisher haben die Kritiker eine solche aber nie geliefert.»

Im Fall Krähenbühl müsse man nun erst den Untersuchungsbericht der UNO abwarten, sagt Sommaruga. «Wenn er tatsächlich Vetternwirtschaft betrieben hat, muss das Hilfswerk die Konsequenzen ziehen – aber das ist eine Angelegenheit der Vereinten Nationen, nicht der Schweiz», so Sommaruga.

Die Motion

SVP-Nationalrat Erich von Siebenthal fordert den Bundesrat dazu auf, die Beiträge an die UNRWA zu senken. Er findet, die UNRWA solle nur noch Steuergeld bekommen soll, wenn sie ihre Mittel nicht mehr für die Erhaltung von Flüchtlingslagern, etwa im Libanon, verwendet. Die Logik: Diese Strategie verhindere eine Lösung im Nahostkonflikt, weil die palästinensischen Flüchtlinge in die Heimat zurückkehren wollten, statt sich in den Nachbarstaaten zu integrieren. «Beharrt die UNRWA auf ihrer Strategie und der intransparenten Geldverwendung, muss die Schweiz die Gelder kürzen oder ganz streichen», sagt von Siebenthal.

Langjährige Erfahrung beim IKRK

Der Genfer Pierre Krähenbühl (53) übernahm Anfang 2014 die Leitung des Hilfswerks der Vereinten Nationen für palästinensische Flüchtlinge (UNRWA). Im Aussendepartement jubelten damals die Diplomaten: Seine Ernennung sei eine Bestätigung für das Engagement der Schweiz in den Vereinten Nationen. Krähenbühl verfügt über langjährige Erfahrung in der Entwicklungsarbeit: Als Direktor für operationelle Einsätze übersah er die Aktivitäten des Roten Kreuzes in 80 Ländern. Zu den Anschuldigungen äusserste sich Krähenbühl bisher nicht. Eine UNRWA-Sprecherin sagte, dass man zuerst die Untersuchung abwarten wolle.

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