Tierhaltung: Schweizer Hühner haben 14 Zentimeter zum Leben
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TierhaltungSchweizer Hühner haben 14 Zentimeter zum Leben

Wie haben die Rinder, Schweine und Hühner gelebt, die bei uns auf dem Teller landen? Bio, konventionelle Haltung und EU-Standards im Vergleich.

von
Nikolai Thelitz
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So werden Legehennen nach nach Schweizer Gesetz, den Anforderungen von Bio Suisse, und den EU-Richtlinigen gehalten.

So werden Legehennen nach nach Schweizer Gesetz, den Anforderungen von Bio Suisse, und den EU-Richtlinigen gehalten.

So ergeht es den Mastrindern...

So ergeht es den Mastrindern...

...und so den Schweinen. Doch warum der Vergleich? Und was stellen die Grafiken genau dar?

...und so den Schweinen. Doch warum der Vergleich? Und was stellen die Grafiken genau dar?

Der Think-Tank Sentience Politics will die Massentierhaltung in der Schweiz per Volksinitiative abschaffen. «In der Schweiz werden jedes Jahr bis zu 50 Millionen Rinder, Schweine und Hühner aus ökonomischen Gründen in grossen Gruppen auf engem Raum gehalten», sagt Projektleiterin Meret Schneider. Die meisten Tiere würden in ihrem Leben weder Gras noch Sonnenlicht sehen.

«Grossdetaillisten zeigen in der Werbung ein braunes Huhn allein auf einer Wiese, das ist schlicht und einfach eine Lüge», sagt auch Biobauer Kurt Brunner im «Tages-Anzeiger». Legehennen würden in Ställen zu Tausenden gehalten. In konventionellen Betrieben hätten sie auf der Sitzstange 14 Zentimeter Platz, in Bio-Betrieben 16 Zentimeter, auf Höfen mit Demeter-Label seien es 20 Zentimeter. «Das ist für alle zu wenig.»

Anders sieht dies Bauernpräsident Markus Ritter (CVP):«Es ist vermessen, hierzulande von Massentierhaltung zu sprechen, wir haben eines der strengsten Tierschutzgesetze der Welt.» Die Behauptung, dass Nutztiere in der Schweiz die Sonne nie zu Gesicht bekämen, ist laut Ritter falsch. «83 Prozent der Kühe haben regelmässigen Auslauf auf die Weide. Hühner tanken im Wintergarten Sonnenlicht.»

Wer hat Recht? 20 Minuten hat überprüft, wie viel Platz die Tiere haben, wie viele Tiere pro Hof gehalten werden und ob sie Sonnenlicht sehen und Gras fressen können. Dabei wurden die gesetzlichen Vorgaben in der Schweiz mit den Richtlinien von Bio Suisse und den EU-Regelungen verglichen.

Bei den Legehennen bestätigt sich, was Biobauer Brunner sagt: Auf der Stange gibt es bei der konventionellen Zucht 14 Zentimeter pro Huhn, bei Bio-Betrieben 16 Zentimeter. Die EU schreibt 15 Zentimeter vor. Hier aber ist im Gegensatz zur Schweiz die Käfighaltung erlaubt. Diese Käfige müssen seit 2012 «ausgestaltet» sein. Das heisst: Es braucht ein Nest und Einstreu zum Picken und Scharren. Mindestfläche pro Huhn: 750 Quadratzentimeter, das sind 0,075 Quadratmeter – das entspricht etwa der Grösse eines 13-Zoll-Laptops.

Das Freiland-Huhn auf der Weide gibt es in der Schweiz gemäss Zahlen des Schweizer Tierschutzes in über 70 Prozent der Betriebe. Die Vorstellung aber, dass diese Hühner mit ein paar wenigen Artgenossen über die Wiese flattert, ist falsch. Die Schweizer Vorschriften erlauben 18'000 Tiere pro Betrieb. Strenger ist hier Bio Suisse. Nach diesem Standard dürfen in einem Stall höchstens 2000 Hühner leben. Die EU kennt keine Beschränkungen. In Ungarn gibt es Höfe mit über 100'000 Masthühnern.

Rund 10 Prozent der Hühner in der Schweiz leben laut dem Sachbuch «Natura 7/8» in konventioneller Bodenhaltung ohne Auslauf, 20 Prozent in BTS-Bodenhaltung («besonders tierfreundliche Stallhaltung») mit Aussenklimabereich (Ritters «Wintergarten»).

Ein Fünftel der Stallfläche muss mit Einstreu ausgelegt sein. Gemäss dem Tierschutzgesetz müssen «Räume, in denen sich die Tiere überwiegend aufhalten, durch Tageslicht beleuchtet werden» – das gilt auch für Schweine und Rinder.

Weniger gut geht es den Hühnern für die Fleischproduktion: Nur rund 15 Prozent der Schweizer Masthühner haben Auslauf.

Auch bei den Rindern gibt es grosse Unterschiede: Bei der konventionellen Tierhaltung braucht ein Mastrind eine Stallfläche von 3 Quadratmetern. Auslauf oder Einstreu wird nicht verlangt. Seit 2013 müssen die Spaltenböden aber mit Gummi ausgelegt werden.

Bio-Rinder erhalten Einstreu und Auslauf auf der Weide oder in einem Laufstall oder Wintergarten für mindestens 26 Tage im Sommer und 13 Tage im Winter. Insgesamt braucht es das ganze Jahr mindestens 6,5 Quadratmeter pro Tier, plus Auslauf im Sommer. Auch Labels wie IP-Suisse oder Naturafarm haben oft Vorschriften für Auslauf und Einstreu für Rinder.

So freuen sich Kühe über Auslauf

Die Kühe des Aargauer Bauern Reto Pfister freuen sich, nach dem Winter wieder auf die Weide zu dürfen. (Video: Facebook/Dein Bauer: Die Familie Pfister)

Die Kühe des Aargauer Bauern Reto Pfister freuen sich, nach dem Winter wieder auf die Weide zu dürfen. (Video: Facebook/Dein Bauer: Die Familie Pfister)

Laut einer Umfrage des Schweizer Tierschutzes haben 50 Prozent der Mastrinder und 80 Prozent der Milchkühe Auslauf. In der EU gibt es keine Regelung für Rinder über 6 Monate. Je nach Land variieren die Zahlen stark: In Frankreich haben nur je 10 Prozent der Mastrinder und Milchkühe Auslauf, in Schweden je 80 Prozent.

Wer in der Schweiz Schweine hält, muss laut Gesetz ebenfalls nicht für Auslauf oder Einstreu sorgen. Pro Tier braucht es eine Liegefläche von 0,9 Quadratmetern. Bio-Betriebe schreiben mindestens 1,65 Quadratmeter, Einstreu und Auslauf vor. In der EU muss ein Schwein nur 0,65 Quadratmeter Liegefläche haben.

Beim Auslauf für Schweine ist die Schweiz eine Ausnahme: 62 Prozent der Tiere dürfen hier ins Freie. In anderen europäischen Ländern bewegen sich die Werte zwischen 5 und 10 Prozent.

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