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Schweizer in Atomaffäre verwickelt

Der 39-jährige Schweizer Urs Tinner sitzt wegen Verdachts auf Beteiligung am Landesverrat in Deutschland in Untersuchungshaft. Er soll das libysche Atomwaffenprogramm unterstützt haben.

In der Schweiz laufen seit Monaten Vorabklärungen im Fall Tinner, aber noch kein Verfahren. Die Verhaftung des Schweizers wurde am Montag von der deutschen Bundesanwaltschaft bekannt gegeben. Sein Name wurde mit Urs T. angegeben. Die Schilderung des Sachverhalts sowie frühere Informationen aus der Schweiz und aus Malaysia machen deutlich, dass es sich um den aus dem St. Galler Rheintal stammenden Urs Tinner handelt.

Tinner wird von den deutschen Behörden dringend verdächtigt, in der Zeit von 2001 bis 2003 Libyen bei der Entwicklung und beim Bau von Gasultrazentrifugen (GUZ) für die Hochanreicherung von Uran zum Zwecke der Herstellung von Atomwaffen unterstützt zu haben. Der seit über 15 Jahren auf dem Gebiet der Vakuumtechnik tätige Tinner sei Mitglied des internationalen illegalen Beschaffungsnetzwerks, das seit den 90er Jahren hauptsächlich von Dubai aus mit der Verbreitung der GUZ-Technologie Geschäfte mache. Gasultrazentrifugen dienen der Uran-Anreicherung zum Bau von Atomwaffen. Der 39-Jährige soll von dem als Mittelsmann dienenden Sri-Lanker Buhary Seyed Abu Tahir beauftragt worden sein, die in Malaysia ansässigen Herstellerfirma der GUZ-Teile zu beraten. Er habe dabei auch libysches Personal im Umgang mit den Teilen geschult.

Das deutsche Frachtschiff «BBC China» war im Herbst 2003 auf Veranlassung des deutschen Wirtschaftsministeriums im Mittelmeer abfangen und zur Landung in Italien gezwungen worden, wo fünf falsch deklarierte Container mit GUZ-Bauteilen entdeckt wurden. Die Container wurden beschlagnahmt und zum Staatsgeheimnis erklärt. Nach Darstellung der deutschen Regierung hatte die Aktion wesentlich dazu beigetragen, dass die libysche Führung den Verzicht auf ihr geheimes Atomwaffenprogramm erklärte.

Urs Tinner und sein Vater Friedrich waren im vergangenen Februar in einem malaysischen Polizeibericht der Weitergabe von pakistanischer Nukleartechnologie an Libyen beschuldigt worden. In dem Bericht wurde auch der im St. Galler Rheintal lebende deutsche Ingenieur Gotthard L. genannt, der zusammen mit einem in Südafrika lebenden Deutschen ebenfalls zu den Beschuldigten im deutschen Verfahren gehört. Das Staatssekretariat für Wirtschaft (seco) nahm auf Grund des malaysischen Polizeiberichts Vorabklärungen im Fall Tinner wegen möglicher Verletzungen des Güterkontrollgesetzes und des Kriegsmaterialgesetzes auf. Der Schlussbericht wurde Ende September der Bundesanwaltschaft (BA) abgeliefert. Dieser Umstand lässt darauf schliessen, dass Verdachtselemente bestehen, wie Othmar Wyss vom seco bestätigte. Nun laufen auch bei der Bundesanwaltschaft Vorabklärungen, aber noch kein formelles Verfahren, wie ein BA-Sprecher sagte.

Im Vordergrund steht Artikel 7 des Kriegsmaterialgesetzes, der Handlungen bezüglich der Förderung der Vermittlung von Kernwaffen unter Strafe stellt. Bei vorsätzlicher Tatbegehung droht eine Zuchthausstrafe von bis zu zehn Jahren sowie eine Busse von bis zu fünf Millionen Franken. Die Familie Tinner hatte den Vorwurf unrechtmässiger Handlungen zurückgewiesen, aber bestätigt, dass Friedrich Tinner den «Vater» der pakistanischen Atombombe, Abdul Qadeer Khan, kenne. Am Montag war von der Familie zunächst keine Stellungnahme erhältlich. (dapd)

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