Aktualisiert 19.02.2020 09:40

CoronavirusSchweizer in China fühlen sich im Stich gelassen

Ein Sprecher des EDA hat in einer Pressekonferenz gesagt, dass man mit Auslandschweizern in Kontakt stehe. Doch viele sagen nun, dass sie nie kontaktiert wurden.

von
juu

Die Situation in der unter Quarantäne stehenden Stadt Wuhan, Opferzahlen und aktuelle Meldungen: Alles zum Ausbruch des Coronavirus. (Video: Tamedia)

Am Freitagnachmittag teilte ein Sprecher des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA) in einer Pressekonferenz mit, dass die Botschaften im Kontakt mit den Auslandschweizern stehen würden, um herauszufinden, ob diese bleiben oder ausreisen wollten. «Das EDA bietet Unterstützung und konsularische Hilfe», hiess es da. Mehrere Auslandschweizer meldeten sich seither bei 20 Minuten und dementieren diese Aussagen.

«Bei mir hat sich niemand gemeldet, weder das EDA noch das Bundesamt für Gesundheit (BAG)», sagt der Solothurner R. S.*, der derzeit in Sanya ist. Er wolle China umgehend verlassen, doch bereits drei gebuchte Flüge seien kurze Zeit später wieder annulliert worden. «Bis Ende März wurde jeder Flug von Peking in die Schweiz gecancelt. Ich weiss nicht mehr weiter», so S. Nach aktuellem Stand gibt es in der Region rund um Sanya mittlerweile 162 Infizierte und vier Tote.

«90 Prozent von uns haben niemals eine Nachricht erhalten»

In einer WeChat-Gruppe, in der rund 370 Auslandschweizer untereinander kommunizieren, ist die Empörung ebenfalls gross: «90 Prozent von uns haben niemals eine Nachricht vom EDA bekommen», heisst es darin. Weitere Schweizer schliessen sich dieser Aussage mit traurigen Emojis an. «Irgendwie hoffe ich, dass die Medien das erfunden haben. Die andere Option, dass unsere Verwaltung (EDA und BAG) ein reiner Witz ist, macht mir zu fest Angst», so ein Schweizer aus der Gruppe.

Laut ihm sind Schweizer auf dem chinesischen Festland (etwa Peking und Shanghai) sich selbst überlassen. «Die Leute hier wurden nicht vom EDA oder BAG kontaktiert, da einige Flüge noch gehen.» Ähnlich sehe es wohl auch in der Region um Hongkong aus.

Schweizer hätte nach Hause gekonnt – Frau sollte aber bleiben

Lediglich in Wuhan und der Region Hubei würde sich das EDA einmal pro Woche melden. «Konkrete Vorschläge werden da aber nicht gemacht», so der Mann. Dies bestätigt auch ein derzeit in der Region Wuhan lebender Schweizer. Man werde nur gefragt, ob man grundsätzlich ausreisen möchte. Genaue Pläne, wann, wo und wer alles mit zurück in die Schweiz dürfe, würden noch nicht bestehen.

Das grosse Problem sei, dass die meisten Familie in China hätten. «Die können beziehungsweise wollen nicht einfach weg. Ein Schweizer in Wuhan hätte evakuiert werden können, seine chinesische Frau sollte aber dort bleiben», sagt der Mann aus der WeChat- Gruppe.

Peking und Shanghai wäre für Schweizer noch zumutbar

Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) betont, dass die Kollegen vor Ort alles Mögliche unternehmen, um die Auslandschweizer zu unterstützen. Viele Schweizer hätten sich auch bereits beim EDA für die Unterstützung bedankt. Sprecher Georg Farago sagt auf Anfrage von 20 Minuten, dass die Botschaft und die Generalkonsulate laufend mit den Staatsangehörigen in Kontakt stehen würden. «Und zwar per Rundbrief, E-Mail und Telefon.» Mit «hilfsbedürftigen» Schweizer Staatsangehörigen sei der Austausch besonders intensiv. Das EDA erinnert zudem, dass es in der Eigenverantwortung jeder Schweizer Bürgerin und jedes Schweizer Bürgers liegt, Massnahmen zur einer möglichen Ausreise zu treffen, wenn sie das wünschen.

Wegen der Rückreise verweist Farago auf das Auslandschweizergesetz (ASG) und den darin enthaltenen zentralen Grundsatz der Eigenverantwortung. Der Bund werde Schweizer Staatsangehörige dann subsidiär unterstützen, wenn ihnen nicht zugemutete werden könne oder sie nicht in der Lage seien, sich selbst oder mithilfe Dritter zu helfen. «Das ist zurzeit aufgrund der Lage in Peking und Shanghai nicht der Fall», sagt Farago.

«Transportmittel sind nicht nur Flüge»

Doch was, wenn wie im Fall von R. S.* aus Sanya kein Flugzeug mehr Richtung Heimat fliegt? «Schweizer Staatsangehörige, die das Land verlassen möchten, müssen sich zuerst selbständig über die lokalen oder alternativen Transportmöglichkeiten informieren und die verfügbaren kommerziellen Transportmittel nutzen, womit nicht nur Flüge gemeint sind», sagt Farago.

Betreffend der Behauptung, dass Schweizer, die Familie in China haben, nur allein evakuiert werden, verweist er an die Rückreise vom 2. Februar. «Von der organisierten Ausreise von Wuhan nach Südfrankreich konnten fünf Schweizer Staatsangehörige mit ihren engsten ausländischen Familienangehörigen profitieren», so der Mediensprecher.

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