10.07.2015 14:29

Milliardengeschäft

Schweizer kaufen ihre Drogen gerne im Internet

Der Handel mit illegalen Rauschmitteln verschiebt sich von der Strasse ins Netz – auch in der Schweiz. Der Umsatz steigt, die Polizei muss umdenken.

von
G. Brönnimann
Auch Schweizerinnen und Schweizer bestellen Drogen im Internet. Es gibt sogar Schweizer Drogen-Shops im Dark Web.

Auch Schweizerinnen und Schweizer bestellen Drogen im Internet. Es gibt sogar Schweizer Drogen-Shops im Dark Web.

Der Handel mit illegalen Gütern und Dienstleistungen blüht. Kaum je war es bequemer, im Drogengeschäft zu sein. Und zwar sowohl für Käufer als auch für Verkäufer: Die Deals kann man gemütlich auf dem Sofa sitzend abschliessen statt an der Strassenecke. Per E-Mail, Messenger oder auf einschlägigen Portalen im Dark Web (siehe Box) bestellt man die Ware – der Dealer liefert per Post. Oder per Velokurier, wie beim Zürcher Dealer, bei dem man per E-Mail oder Chat-App ins Geschäft kommt. Bezahlt wird meist mit Bitcoins, der derzeitigen Lieblingswährung der Cyberkriminellen.

Die wirtschaftliche Dimension des Internet-Drogenmarktes lässt sich nicht präzise messen. Sicher ist nur: Was vor einigen Jahren noch ein relativ unbedeutender Nischenmarkt war, wurde längst zum Business mit Milliardenumsatz. Allein auf Silk Road, dem Pionier der Dark-Web-Shops, fanden zwischen 2011 und der Schliessung im Juli 2013 über 1'200'000 Deals statt. Mittlerweile gibt es Dutzende von Shops. Wird einer geschlossen, entstehen sofort neue. So geschehen etwa nach der Operation Onymous, einer erfolgreichen Kooperation zwischen Polizeikräften in 17 Ländern (darunter auch die Schweiz), die zur Schliessung mehrerer grosser Umschlagplätze und zu 17 Verhaftungen führte.

«In weiten Kreisen der Bevölkerung bereits verbreitet»

Operation Onymous habe gezeigt, dass Drogenhandel im Internet gang und gäbe sei, sagt Myriam Stucki, Sprecherin des Bundesamts für Polizei (fedpol) zu 20 Minuten: «Von Europol koordinierte Operationen gegen Online-Drogenmärkte haben verdeutlicht, dass die Benutzung des Internets zum Kauf und Verkauf illegaler Substanzen in weiten Kreisen der Bevölkerung bereits verbreitet ist.»

Wie weit, lässt sich nur erahnen. Zuständig bei lokal begangenen Drogendelikten sind jeweils die Kantone – keine der angefragten Kantonspolizeien wollte eine Zunahme der Fälle von Drogenhandel im Internet feststellen. In Zürich habe man zwar Kenntnis von den Fällen des Handels mit Ritalinpillen und Heroin – eine Häufung sei aber nicht festzustellen. Doch der Handel findet statt – wenn auch noch auf kleiner Flamme und hinter verschlossenen Türen statt auf der Strasse. «Die einzigen verlässlichen Daten die wir haben, sind die vom Drogeninformationszentrum (DIZ): Dort gaben dieses Jahr bisher 2 Prozent der Konsumenten an, ihre Ware im Internet bestellt zu haben», sagt Joyce Gubler, Sozialarbeiterin bei der Jugendberatung Streetwork in Zürich.

Schwierige Ermittlungen

Laut «Global Drug Survey 2015» haben 9 Prozent der Schweizer Drogenkonsumenten schon einmal Drogen im Internet gekauft. 5,5 Prozent taten es im letzten Jahr, heisst es in der (nicht repräsentativen) Studie mit über 5000 Teilnehmern aus der Schweiz. Unterdessen gibt es sogar einen Schweizer Online-Shop, der jede erdenkliche Droge anbietet.

Die Arbeit der Ermittler ist nicht einfach: Wird eine Plattform von den Behörden gefunden oder der Koordinationsstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (KOBIK) gemeldet, «dann wird versucht, die territoriale Zuständigkeit aufgrund des Serverstandortes und dessen Betreiber zu ermitteln. Sind genügend Hinweise auf Gesetzesverstösse vorhanden, kann die zuständige kantonale Staatsanwaltschaft dagegen ermitteln», erklärt fedpol-Sprecherin Myriam Stucki. Aufgrund der Zuständigkeit der Kantone könne fedpol selber «in Betäubungsmitteldelikten nur punktuell Unterstützung liefern, wenn diese von den Kantonen im Rahmen kantonaler Verfahren angefordert wird.»

Dark-Web-Shops

Als Dark Web bezeichnet man den Bereich des World Wide Web auf öffentlich zugänglichen Darknets – Netzwerken, die nur mit spezieller Software oder Einstellungen oder Zugangsberechtigungen erreichbar sind. Es ist Teil des so genannten «Deep Web», dem Teil des Webs, der von Suchmaschinen nicht erfasst wird. Das Dark Net besteht sowohl aus kleinen privaten Peer-to-Peer-Netzwerken als auch aus grossen Netzwerken wie dem TOR-Netzwerk.

Laut einer Studie der Universität Portsmouth von 2014 sind über 80 Prozent des Traffics auf dem TOR-Netzwerk für Kinderpornographie, dicht gefolgt von so genannten «Dark Markets», also Supermärkten für so ziemlich alles, was in normalen Supermärkten nicht erhältlich ist, weil es das Gesetz verbietet.

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