Bild dir deine Meinung: Schweizer Kokain und deutscher Neid
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Bild dir deine MeinungSchweizer Kokain und deutscher Neid

Gleich zwei grosse deutsche Zeitungen berichten Bemerkenswertes über die Schweiz. Die eine drischt das Klischee von Geldwäsche, Sex und Drogen, die andere räumt mit Vorurteilen auf.

von
P. Dahm
Ins «La Stanza» gehen die Anzugträger, schreibt der «Bild»-Reporter. Doof nur, dass er als einziger einen trägt (Mitte).

Ins «La Stanza» gehen die Anzugträger, schreibt der «Bild»-Reporter. Doof nur, dass er als einziger einen trägt (Mitte).

Wer sich derzeit bei der grössten deutschen Zeitung über das kleine Nachbarland im Süden informiert, muss den Eindruck haben, dass hierzulande alles um das goldene Kalb tanzt. Es geht um den «Bild-Report aus Zürich, der Stadt des Geldes». Der Titel: «Sex und Drogen im Steuerparadies».

Das Blatt hat einen Reporter in die Limmatstadt geschickt, wo «Geld gewaschen und gebunkert» werde, das aus «Waffendeals» und «von Despoten» komme. Der Grund für die Stippvisite: Weil Deutschlands Vorzeige-Manager Uli Hoeness in der Schweiz Millionen deponiert haben soll, nimmt das Blatt Zürich höchstselbst in Augenschein.

Der Autor schreibt: «Ich, der Bild-Reporter, bin in Europas Zentrum für Steuerflüchtlinge unterwegs.» Er spricht einen helvetischen Banker an, dessen Name er in «Stephan Alpenzeller» ändert. (Wie er es wohl fände, wenn man einen deutschen Aktienhändler «Hans Wurst» nennen würde?)

«Einige Banker nehmen das Kokain direkt vom Tresen»

Der Herr «Alpenzeller» erzählt, Hoeness sei nicht der letzte Steuerflüchtling gewesen. Ein namenloser Amerikaner sagt, die US-Regierung meine es ernst mit ihrer Ankündigung, strikter gegen hiesige Banken vorzugehen.

Weil das nichts Neues ist, besucht der Reporter die «Banker-Bar La Stanza» und das «Banker-Puff Aphrodisia». Ein anonymer Kellner verrät: «Einige Banker nehmen das Kokain direkt vom Tresen.» Weiter stellt «Bild» fest: In Zürich gibt es Luxus-Läden und Edel-Hotels. Aha!

Ganz anders die «Süddeutsche Zeitung». Sie erklärt, «warum die Schweiz Europas liebster Prügelknabe ist». Statt Plattitüden zu bedienen, versucht der Autor, die Deutschen in die Lage der Eidgenossen zu versetzen. Mit Blick auf die Ventilklausel heisst es: «Mal angenommen, jedes Jahr würden 800'000 Wirtschaftsflüchtlinge aus allen Teilen der Europäischen Union in Deutschland Lohn und Brot suchen - wie gelassen würde die Politik reagieren? Wie verhalten wären die Schlagzeilen der Bild?»

«Weil sie manches besser macht»

Der Artikel verweist auf die Folgen des deutschen Zuzugs auf «Wohnungsmarkt, Schulen und Infrastruktur» und brandmarkt Brüssels Empörung als scheinheilig: «In der Schweiz scheint man einen famosen Prügelknaben gefunden zu haben, dem man eigene Fehler und Versäumnisse ankreiden kann.» Die Steuerflucht in der EU sei ein hausgemachtes Problem. Hiesige Banken «haben deren Geld nicht gestohlen und nach Zürich geschafft. All die Zahnärzte, Anwälte und Mittelständler sind freiwillig gekommen.»

Die gute wirtschaftliche Lage in der Schweiz erzeuge Neid: «Nicht nur, weil es sich die Eidgenossen zuweilen nicht verkneifen können, dem Ausland diese Tatsache unter die Nase zu reiben; sondern auch, weil die Nachbarn zugeben müssen, dass es der Alpenrepublik vielleicht deshalb besser geht, weil sie manches besser macht.»

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