Neue Studie: Schweizer konsumieren täglich über 22 Kilo Kokain
Aktualisiert

Neue StudieSchweizer konsumieren täglich über 22 Kilo Kokain

Die Uni Lausanne hat das Abwasser der grössten Schweizer Städte auf Drogenrückstände untersucht. Nirgends wird so viel konsumiert wie in Zürich – ausser bei einer Substanz.

von
lüs

Welche Drogen werden in welcher Menge konsumiert? Aufschluss darüber gibt das Abwasser – denn mit ihrem Urin scheiden Konsumenten auch die Stoffe aus, die beim Abbau der Drogen entstehen. Forscher der Universität Lausanne haben in Zusammenarbeit mit dem Wasserforschungsinstitut Eawag in 13 grossen Schweizer Städten Abwasserproben entnommen. Die Zeitung «Le Temps» berichtete über die die Resultate der Studie. Am meisten Drogen werden in den bevölkerungsreichsten Städten konsumiert.

Allein in Zürich werden täglich 1,7 Kilogramm reines Kokain konsumiert – in allen Städten zusammen sind es an jedem Tag durchschnittlich 8,8 Kilogramm reines Kokain. Da das im illegalen Schwarzhandel erhältliche Pulver höchstens zu 40 Prozent rein ist, dürften täglich gar 22 Kilogramm konsumiert werden. Auf das ganze Jahr hochgerechnet, werden in den grossen Schweizer Städten also über acht Tonnen Kokain verbraucht.

Bei Ecstasy/MDMA haben die Forscher für die Städte einen täglichen Verbrauch von 367 Gramm errechnet. Auch bei dieser Substanz liegt die Stadt Zürich auf dem ersten Platz der Rangliste. Auffällig ist hier jedoch, dass noch vor den Metropolen Basel und Genf die Stadt St. Gallen auf Platz 2 auftaucht.

Eine regionale Besonderheit zeigt sich in Bezug auf Metamphetamine – besser bekannt als Crystal Meth: Hier liegt Zürich nur auf dem zweiten Platz, deutlich hinter Neuenburg. Laut den örtlichen Behörden gibt es in Neuenburg eine Szene von 200 bis 300 Meth-Konsumenten. Der Konsum der Substanz befindet sich schweizweit noch auf einem so tiefen Niveau, dass dies reicht, um die Stadt mit nur 35'000 Einwohnern an die Spitze der Rangliste zu hieven.

Die Forscher haben ihre Proben sieben Tage in Folge entnommen – und konnten so feststellen, wie der Konsum der einzelnen Substanzen innerhalb einer Woche schwankt. Dabei bestätigte sich, dass Ecstasy und Kokain vor allem im Ausgang genommen werden – am Wochenende sind die Werte im Abwasser deutlich höher als unter der Woche. Dies ist beim Ecstasy noch viel deutlicher der Fall als beim Kokain. Bei einer schnell und stark abhängig machenden Droge wie Heroin hingegen zeigt sich dieser Effekt nicht: Gespritzt wird die Droge an Wochentagen genauso oft wie am Wochenende.

Die Wissenschaftler der Uni Lausanne möchten ihre Abwassermessungen gern fortsetzen. «Auf lange Sicht kann dieses Vorgehen dazu beitragen, die Effekte der Drogenprävention zu evaluieren», sagt Pierre Esseiva, Kriminologieprofessor an der Uni Lausanne, zu «Le Temps». Zudem könne man so das Aufkommen neuer Substanzen frühzeitig erkennen. Ein Manko hat die Abwassermethode jedoch: Sie lässt keine Rückschlüsse auf die genaue Zahl, das Alter, Geschlecht und den sozialen Status der Drogenkonsumenten zu und sagt nichts über ihre Beweggründe, zu Drogen zu greifen.

Herr Bücheli*, die Messungen der Uni Lausanne legen nahe, dass in der Schweiz täglich 22 Kilo Kokain konsumiert werden. Was sagen Sie dazu?

Das scheint mir relativ plausibel. Es ist zwar unklar, wie viele Konsumenten hinter dieser Zahl stehen. Wenn man – als Schnitt zwischen Schwerabhängigen und Gelegenheitskonsumenten – von einem Gramm pro Person ausgeht, wäre dies mit 22'000 Konsumenten ein Prozent der Bevölkerung der Städte, in denen die Proben entnommen wurden.

Nimmt der Kokainkonsum in der Schweiz zu?

In der Partyszene war er in den letzten Jahren rückläufig, insgesamt ist er aber stabil. Kokain wird vermutlich häufiger ausserhalb des Nachlebens genommen als früher. Das zeigt sich auch daran, dass der Kokaingehalt im Abwasser am Wochenende weniger stark ansteigt als etwa bei einer reinen Partydroge wie Ecstasy.

Davon wird gemäss den Messungen pro Tag 367 Gramm genommen – ist das viel?

Das wären bei einem Durchscnittsgehalt von 120 Milligramm über 3000 Pillen. Dieser Wert scheint mir im Vergleich zu dem, was wir im Nachtleben beobachten, eher tief. (lüs)

*Alexander Bücheli ist Projektmitarbeiter von Safer Nightlife Schweiz.

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