Aktualisiert 22.07.2015 11:50

Riskanter Trend

Schweizer lassen sich Narben-Tattoos ritzen

Narben als Körperschmuck: Mehrere Tattoo-Studios bieten Cutting an – und finden trotz schmerzhafter Prozedur willige Kunden. Ärzte warnen vor den Risiken.

von
B. Zanni
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Das Cutting ist einen Tag alt.  Um die Narbenbildung zu fördern, kann man die Wunde die nächsten Tage mit einer Zahnbürste und Zitronensäure reizen.

Das Cutting ist einen Tag alt. Um die Narbenbildung zu fördern, kann man die Wunde die nächsten Tage mit einer Zahnbürste und Zitronensäure reizen.

Stechwerk Tattoo & Piercing
Tattoos lassen sich entfernen. Ziernarben bleiben ewig.

Tattoos lassen sich entfernen. Ziernarben bleiben ewig.

Stechwerk Tattoo & Piercing
Beliebt beim Cutting sind einfache geometrische Figuren, Geburtsdaten und Namen.

Beliebt beim Cutting sind einfache geometrische Figuren, Geburtsdaten und Namen.

Stechwerk Tattoo & Piercing

Beim sogenannten Body Cutting werden mit dem Skalpell Sujets in die beiden obersten Hautschichten geritzt – etwa geometrische Figuren, Geburtsdaten und Namen. Nach dem Eingriff reizt man die Wunde einige Tage mit einer Zahnbürste und Zitronensäure. Ziel ist eine Wunde, die Narben hinterlässt. Der Körperschmuck wird auch in der Schweiz immer beliebter. In den Tattoo-Studios haben sich in den letzten Jahren Dutzende Kunden ein Motiv in die Haut schnitzen lassen.

«Pro Jahr machen wir rund 30 Cuttings», sagt Christian Schmalholz, Geschäftsführer von Stechwerk Tattoo und Piercing, das in Zürich und Winterthur ein Studio führt. Tony Fenu, Geschäftsführer eines 2ndSkin Tattoo & Piercing Studios, erhält in der Woche bis zu 15 Anfragen. «Vor allem kleine Dinge wie Röschen und Diamanten an Wade oder Unterarm sind beliebt», sagt Fenu. Danny, Geschäftsführer von Rock the Body in Baden, stellt fest: «2004 war das Cutting in der Tattoo-Szene noch ein Tabu. Jetzt ist es schon fast Mainstream.» Die Nachfrage habe sich in den letzten Jahren verdoppelt.

Heilungsprozess schreckt ab

Beim Berner Piercing- und Tattoostudio El Mundo heisst es, dass die Angestellten noch häufiger zum Skalpell greifen könnten, wären die Kunden «mutiger». «Wenn wir erklären, dass der Heilungsprozess langsamer und schmerzhafter ist als bei einem Tattoo, überlegen es sich einige Kunden anders», sagt Inhaber Mathias Schranz. Oliver Ané vom Basler Ableger fällt auf, dass sich mehr Männer als Frauen cutten lassen. «Das liegt wohl daran, dass Narben bei einem Mann als cooler gelten als bei einer Frau», vermutet er.

Für die Studiobetreiber ist klar, warum sich die Kunden freiwillig unters Messer legen. «Sie wollen sich von anderen abheben», sagt Schranz. Auch die geschockten Reaktionen der Betrachter könnten eine Motivation sein. Andere wiederum fühlten sich durch den Schmerz «lebendiger» und «vom Stress befreit». Oliver Ané glaubt, dass der Reiz in der Unvergänglichkeit liegt. «Heute kann man alles Materielle verlieren und selbst Tattoos entfernen. Eine Ziernarbe kann mir aber niemand mehr wegnehmen», sagt er.

So sieht ein ausgeheiltes Narben-Tattoo aus

Parlamentarier trägt Cutting

Den Körperschmuck tragen vor allem 20- bis 50-Jährige. «Unsere Kunden reichen vom Strassenwischer über den Banker bis hin zum Millionär», sagt Ané. Auch ein Parlamentarier soll ein Cutting tragen. «Die Ziernarben sind vor allem bei Leuten beliebt, die nach aussen einen seriösen Eindruck machen wollen», sagt Schranz. Deshalb würden sie ein Cutting auf der Brust oder dem Rücken knalligen Tattoos an den Armen vorziehen.

Laurence Imhof, Fachärztin Dermatologie an der Dermatologischen Klinik des Universitätsspitals Zürich, bezeichnet das Cutting als risikoreich. «Wird nicht unter absolut hygienischen Bedingungen gearbeitet, besteht eine grosse Infektionsgefahr», sagt Imhof.

Ausserdem warnt sie vor wulstiger, überschiessender Narbenbildung, die Juckreiz und chronische Schmerzen verursachen kann. Gemäss Imhof kann sich in seltenen Fällen gar ein weisser Hautkrebs entwickeln, wenn eine Narbe ständig irritiert wird. Auch sei möglich, dass durch die Skarifizierung bestimmte Hauterkrankungen wie eine Schuppenflechte ausgelöst werden können.

Schmerzhafte Prozedur

Das Cutting, auch Skarifikation genannt, hat seinen Ursprung bei nordamerikanischen, afrikanischen und asiatischen Stammeskulturen. Tattoo-Studios verlangen in der Regel Volljährigkeit, eine gesunde Verfassung, keine Hautkrankheiten und das Unterzeichnen einer Einverständniserklärung. Im Piercing- und Tattoostudio El Mundo führen die Angestellten mit den Kunden zusätzlich ein Vorgespräch. «Wir behalten uns vor, von einem Cutting abzuraten», sagt Mathias Schranz. Die Anbieter sind sich einig, dass die Hautschnitzereien nicht schmerzhafter sind als das Stechen eines Tattoos. «Das Skalpell ist so scharf, dass man die Einschnitte fast nicht spürt», sagt Oliver Ané vom Basler Ableger. Wer befürchtet, dass der Eingriff wehtun könnte, muss selber vorsorgen. Das Gesetz verbietet den Tattoostudios den Einsatz anästhetischer Mittel. Nach dem Eingriff schmerzt die Hautstelle laut Schranz wie eine gröbere Schürfung. Ein kleines Cutting kostet rund 200 bis 300 Franken.

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