Aktualisiert 11.05.2016 14:27

Von Winterthur nach SyrienSchweizer Lehrling (18) zieht in den Dschihad

Ein Schweizer konvertiert und reist kurz darauf nach Syrien, um sich dort dem IS anzuschliessen. Wie zwei weitere IS-Teens kommt er aus Winterthur.

von
Annette Hirschberg
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Der Schweizer Sandro (Name geändert) war bis vor Kurzem ein ganz normaler Teenager. Im Herbst konvertierte der 18-Jährige zum Islam. Bereits anfangs Februar reiste er über die Türkei nach Syrien, um für die Terrormiliz Islamischer Staat zu kämpfen.

Der Schweizer Sandro (Name geändert) war bis vor Kurzem ein ganz normaler Teenager. Im Herbst konvertierte der 18-Jährige zum Islam. Bereits anfangs Februar reiste er über die Türkei nach Syrien, um für die Terrormiliz Islamischer Staat zu kämpfen.

Neu nennt er sich Abu Malik und stellt eine Kalaschnikow als Profilbild auf Facebook. Seinen Freunden erzählt er, was die westlichen Medien schrieben, sei alles falsch. Sein Facebook-Profil hat er mittlerweile wieder gelöscht.

Neu nennt er sich Abu Malik und stellt eine Kalaschnikow als Profilbild auf Facebook. Seinen Freunden erzählt er, was die westlichen Medien schrieben, sei alles falsch. Sein Facebook-Profil hat er mittlerweile wieder gelöscht.

Der 18-jährige Schweizer Sandro*, der wie die IS-Jugendlichen E.L. und V.L. aus Winterthur kommt, ist in den Dschihad gezogen. Das hat 20 Minuten von Freunden des 18-Jährigen erfahren, sein ehemaliger Lehrmeister bestätigt es. Die Eltern wollen sich dazu nicht äussern. Der Schweizer mit italienischen Wurzeln konvertierte im letzten Herbst zum Islam, flog Anfang Februar in die Türkei und reiste von dort aus nach Syrien ins vom «Islamischen Staat» beherrschte Gebiet. Damit wird schon der dritte Fall eines Winterthurer Teenagers öffentlich, der die Schweiz mit dem Ziel verliess, sich dem IS anzuschliessen.

Unter den Winterthurer Jugendlichen sorgt der Fall des 18-Jährigen für Aufregung. Ein halbes Dutzend Teenager, die meisten mit Migrationshintergrund, erzählen 20 Minuten, wie es dazu kam. Sandro habe irgendwann nach den Sommerferien angefangen, sich zu verändern. «Er konvertierte zum Islam, hörte auf zu trinken und zu rauchen, liess sich einen Bart wachsen, ging in die Moschee und betete fünfmal am Tag», erzählt ein Mädchen.

Er war ein «Vorzeige-Lehrling»

Dies alles sei innert weniger Wochen passiert. Seine Freunde verstehen die Welt nicht mehr. «Er war so ein netter Typ, immer lustig drauf, hat viel gelacht, ein richtig guter Freund», sagt einer der jungen Männer. Er kann immer noch nicht verstehen, wie aus dem lebenslustigen Sandro der Kämpfer Abu Malik werden konnte. «Er hat die falschen Leute kennengelernt», sagt ein anderer.

Der ehemalige Lehrmeister von Sandro weiss von dessen Vater, dass der 18-Jährige zum IS gegangen ist. Auch er kann dies kaum glauben. Sandro sei ein Vorzeige-Lehrling gewesen. «Alle mochten ihn – unser ganzes Team und die Kunden.» Von vielen Seiten habe Sandro Komplimente erhalten. «Er war ein aufgeweckter Typ, wusste anzupacken, hatte gute Noten in der Schule und war auch nicht naiv», so der Lehrmeister, der anonym bleiben möchte.

«Er hat beim IS Halt gefunden»

Offenbar führte eine Verletzung beim Fussball zur Veränderung. Sandro landete im Spital, musste operiert werden. Bis zur Genesung konnte er nicht mehr arbeiten und sass viele Wochen lang zu Hause herum. «In dieser Zeit muss etwas passiert sein», so der Lehrmeister. Als er wieder fit gewesen sei, sei er nur noch kurz arbeiten gekommen. «Dann brach er die Lehre ab, obwohl ich wirklich versucht habe, ihn zu halten.»

Zu Hause habe deswegen dicke Luft geherrscht, wissen Sandros Kollegen. «Irgendwann warf ihn der Vater raus, weil er so extrem geworden war», erzählt ein Mädchen. Dann sei es nicht mehr lange gegangen und er sei in Richtung Syrien verschwunden. «Er suchte Halt und hat ihn beim IS gefunden.»

«Die IS-Rekrutierungen müssen aufhören»

Seinen Eltern soll er gesagt haben, er ginge für ein paar Tage nach Mekka, «aber er kam nie zurück». Das sei Anfang Februar gewesen. Mittlerweile kämpfe Sandro irgendwo in Syrien für den IS. «Er postete ein Bild von sich mit einer Kalaschnikow auf Facebook und beschrieb uns seinen Alltag», so einer der Jungs.

Die Jugendlichen wollen die IS-Rekrutierungen nicht mehr hinnehmen. Denn sie kennen auch die Winterthurer Jugendlichen V.L. (16) und E.L. (15), die kurz vor Weihnachten in Richtung Türkei verschwanden. Sie wollen darum nicht mehr länger zusehen. «Es soll niemand mehr nach Syrien gehen, das muss aufhören», sagt einer der Teenager. Ob die Behörden von Sandros Dschihad-Reise Kenntnis haben, ist unklar. Isabelle Graber, Sprecherin des Nachrichtendiensts des Bundes, sagt auf Anfrage: «Wir äussern uns nicht zu einzelnen Fällen.»

*Name geändert.

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