Kritik an Armee – «Schweizer Luftabwehr könnte im Kriegsfall nur 35 Ziele beschiessen»

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Kritik an Armee«Schweizer Luftabwehr könnte im Kriegsfall nur 35 Ziele beschiessen»

Verteidigungsexperte Peter Hug kritisiert die Strategie der Schweizer Armee, die auf teuren F-35-Jets und einer auf weite Distanzen ausgelegten Luftabwehr beruht. Er fordert, man solle viel mehr auf Luftabwehr mit mittlerer und kürzerer Reichweite setzen. 

von
Reto Bollmann
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Die fünf Flugabwehrsysteme des Typs Patriot könnten im Ernstfall lediglich 35 Ziele abschiessen, danach wären sie ausgeschossen. 

Die fünf Flugabwehrsysteme des Typs Patriot könnten im Ernstfall lediglich 35 Ziele abschiessen, danach wären sie ausgeschossen. 

REUTERS
Bereits 2019 hatte Viola Amherd die geplante bodengestützte Luftverteidigung (Bodluv) vorgestellt.

Bereits 2019 hatte Viola Amherd die geplante bodengestützte Luftverteidigung (Bodluv) vorgestellt.

20min/Simon Glauser
Guy Parmelin hatte als Chef des VBS die ursprüngliche – auf längere Distanzen ausgelegte – Ausführung des Bodluv gestoppt.

Guy Parmelin hatte als Chef des VBS die ursprüngliche – auf längere Distanzen ausgelegte – Ausführung des Bodluv gestoppt.

20min/Simon Glauser

Darum gehts

Die Schweizer Armee steht wieder in der Kritik, – genauer gesagt, das Fehlen einer klaren Verteidigungsstrategie für den Ernstfall. «Unsere Verteidigungspolitik ist konzeptionslos. Seit dreissig Jahren verfügt die Schweiz über keine Armeestrategie mehr, welche die Aufgaben der Armee konkret umschreibt», beklagt Historiker Peter Hug, einer der besten Kenner der Schweizer Sicherheitspolitik, wie die Zeitungen von CH Media schreiben.

Aktuell zeigt sich angesichts des russischen Angriffs auf die Ukraine, welche wichtige Rolle eine funktionierende Luftabwehr in einem bewaffneten Konflikt spielen kann. Die Schweiz hat sich für die Beschaffung moderner F-35-Tarnkappenjets sowie eine bodengestützte Luftabwehr mit grosser Reichweite (sogenannte Bodluv) entschieden.

Abwehrsysteme sehr schnell ausgeschossen

Diese Kombination stösst bei Experten auf Kritik. So betont Hug, dass die geplanten fünf Patriot-Abwehrsysteme im Kriegsfall lediglich 35 Ziele beschiessen könnten – danach wäre man ausgeschossen. «Nach heutigem Beschaffungsplan haben wir danach keine Munition mehr», bemängelt der ehemalige Militär- und ­Sicherheitsexperte der SP.

Zwischen dem 24. Februar und dem 14. März hätten die russischen Streitkräfte mehr als 1800 ballistische Raketen und Marschflugkörper gegen die Ukraine eingesetzt, was die Unzulänglichkeiten des Schweizer Beschaffungsplans illustriere. Hug hält den ursprünglichen Entwurf des Bodluv für zielführender, da dieser kürzere und mittlere Reichweiten viel besser abgedeckt hätte – nur wurde diese Version von Guy Parmelin gestoppt.

F-35 vor allem für Überraschungsangriffe geeignet

Auch die F-35 hält Hug für eine Fehlbesetzung, denn diese seien vor allem für Überraschungsangriffe in feindlichem Gebiet konzipiert und weniger für defensive Aufgaben geeignet. «Deutschland beschafft seine F-35-Jets für die nukleare Teilhabe im Nato-Verbund, das heisst für den Abwurf von Atombomben tief im feindlichen Territorium», so Hug. Dieser Einsatzbereich fällt für die Schweiz offensichtlich weg.

Die F-35-Kampfjets wären durch Beschuss der Flugplätze leicht ausser Gefecht zu setzen, wie man auch am Fall der Ukraine sehen könne. «Die F-35 sind operativ die falschen und zudem finanziell ein Fass ohne Boden.» Eine Verschiebung des Fokus von Jets zugunsten Bodluv wäre darum gemäss Hug sinnvoll. Auch die geplante Bewaffnung der F-35-Jets hält Peter Hug für unzureichend. Die Jets seien die «teuerste und verletzlichste Lösung».

Welche Rolle spielt die Schweiz im europäischen Verbund?

Aus diesen Überlegungen hinaus fordert Hug eine Armee- und Verteidigungsstrategie, welche die Aufgabe der Armee konkret beschreibt. So müsse auch die Frage im Fokus stehen, ob militärische Verteidigung weiterhin autark gedacht werde oder Bereiche europäisiert würden. «Die Schweiz muss wissen, welche Rolle sie im europäischen Verbund spielen will und kann solche Fragen nicht erst auf später – also für den Kriegsfall – herausschieben», so Hug. 

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