Aktualisiert 15.01.2015 15:33

Appell der Touristiker

«Schweizer, macht Ferien in der Schweiz!»

Nach der Aufhebung des Mindestkurses befürchten der Schweizer Tourismusverband und die Maschinenindustrie das Schlimmste. Dafür freuen sich europäische Exporteure.

von
D. Pomper
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«Dank der 1,20-Untergrenze konnten wir die herausfordernde Situation im Tourismus entlasten. Jetzt aber könnte es gewissen Unternehmen ans Lebendige gehen. Und damit meine ich nicht nur eine Handvoll von ihnen», sagt Barbara Gisi, Direktorin des Schweizer Tourismusverbands.

«Dank der 1,20-Untergrenze konnten wir die herausfordernde Situation im Tourismus entlasten. Jetzt aber könnte es gewissen Unternehmen ans Lebendige gehen. Und damit meine ich nicht nur eine Handvoll von ihnen», sagt Barbara Gisi, Direktorin des Schweizer Tourismusverbands.

Keystone/Maxime Schmid
«Hält eine deutliche Überbewertung des Schweizer Frankens länger an, ist das für viele Unternehmen existenzbedrohend», sagt Ivo Zimmermann von Swissmem. Die Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie exportiert 80 Prozent ihrer Erzeugnisse, 60 Prozent davon nach Europa.

«Hält eine deutliche Überbewertung des Schweizer Frankens länger an, ist das für viele Unternehmen existenzbedrohend», sagt Ivo Zimmermann von Swissmem. Die Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie exportiert 80 Prozent ihrer Erzeugnisse, 60 Prozent davon nach Europa.

Keystone/Laurent Gillieron
Auch die Pharmabranche ist auf den europäischen Markt angewiesen.

Auch die Pharmabranche ist auf den europäischen Markt angewiesen.

Keystone/Sandro Campardo

Als Barbara Gisi, Direktorin des Schweizer Tourismusverbands, heute von der Aufhebung des Mindeskurses erfuhr, fiel sie aus allen Wolken: «Ich habe Adrenalin durch meine Adern fliessen gespürt. Der Mindestkurs war für unsere Branche sehr wichtig, für einzelne Unternehmen gar überlebenswichtig.» Dessen Aufhebung sei seitens der SNB zu leichtfertig erfolgt. «Dank der 1.20-Untergrenze konnten wir die herausfordernde Situation im Tourismus entlasten. Jetzt aber könnte es gewissen Unternehmen ans Lebendige gehen. Und damit meine ich nicht nur eine Handvoll», sagt Gisi.

Daniela Bär von Schweiz Tourismus pflichtet bei: «Heute ist ein schwarzer Tag für den Schweizer Tourismus. Die Schweiz ist mit einem Schlag viel teurer geworden.» Auch sei das Timing denkbar schlecht: «Jetzt ist die Buchungszeit für die Sommerferien. Doch der Kunde weiss nicht, was er am Schluss zahlen muss.» Kurzfristig rechnet Bär mit einem Buchungsstopp aus dem Nahmarkt. Deshalb hofft sie auf den inländischen Markt: «Schweizer, macht Ferien in der Schweiz!»

Gewerbeverband hatte gewarnt

Auch bei Swissmem, dem Verband der Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie, zeigt man sich überrascht und enttäuscht: «Der Entscheid widerspricht diametral dem, was die SNB in der jüngsten Vergangenheit zugesichert hat», sagt Sprecher Ivo Zimmermann. Die Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie exportiere 80 Prozent aller Erzeugnisse, 60 Prozent davon nach Europa. «Das ist unser wichtigster Markt. Je nach Entwicklung des Schweizer Frankens wird die Wettbewerbsfähigkeit unserer Unternehmen massiv beeinträchtigt», befürchtet Zimmermann. Bereits bei der Untergrenze von Fr. 1.20 hätten viele Firmen zu kämpfen. Die Margen, die vergleichsweise knapp seien, würden wegschmelzen. «Hält eine deutliche Überbewertung des Schweizer Frankens länger an, ist das für viele Unternehmen existenzbedrohend», sagt Zimmermann.

Hans-Ulrich Bigler, Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbands SGV, gibt zu bedenken: «Wir haben die Schweizer Unternehmen bereits bei der Einführung des Mindestkurses gewarnt, dass der Kurs von 1.20 nicht auf alle Zeiten gelten wird. Stattdessen haben wir sie darauf hingewiesen, sich mittels Strategien auf diesen Tag vorzubereiten.» Für die Exportwirtschaft werde das jetzt nicht einfach werden. Insbesondere die Pharma-, Maschinen- und Tourismusindustrie seien betroffen. Man müsse jetzt einen kühlen Kopf bewahren und die Entwicklungen abwarten.

Schmerzgrenze liegt bei 1.15

Für Chefökonom der Economisuisse Rudolf Minsch ist nun ausschlaggebend, wie sich der Schweizer Kurs entwickeln wird: «Es besteht die Gefahr, dass der Schweizer Franken so stark wird, dass er grosse Schäden verursachen wird. Die Industrie kann mit einem Kurs von 1.15 leben. Je stärker der Franken wird, desto schwieriger wird es. Bei Parität würde es sehr grosse Schwierigkeiten geben und wohl auch in verschiedenen Branchen zu grösseren Arbeitsplatzverlusten kommen.» Unter Druck geraten dürften nicht nur der Tourismus und die Maschinenindustrie sondern auch Schweizer Zulieferer. Beim Einkauf von Komponenten und Material würden günstigere ausländische Zulieferer bevorzugt. Der Einkaufstourismus würde noch mehr boomen.

«Ein Kurs unter 1.15 wäre schlecht für die gesamte Wirtschaft. Im Gegensatz zu 2011 haben wir allerdings den Vorteil, dass der Schweizer Franken nicht mehr die einzige sichere Währung ist», sagt Minsch. Denn der US Dollar sei erstarkt und viele setzten auf dessen Aufwertung. Deshalb sollte es eigentlich nicht zu einem surrealen Überschiessen des Schweizer Franken kommen.

Deutsche Exporteure reiben sich die Hände

Doch es gibt auch Gewinner der Aufhebung des Mindestkurses: «Die Situation der ausländischen Firmen, die in die Schweiz exportieren, verbessert sich», sagt Ralf Bopp, Direktor der Handelskammer Deutschland Schweiz. Das bedeute auch, dass die Schweizer Einkäufer vom günstigen Euro profitieren würden. «Zu den Gewinnern gehören die ausländischen Anbieter von Maschinen, Elektronik, industriellen Anlage, die Zulieferindustrie», sagt Bopp. Ob eine Schweizer Firma unter der Aufhebung des Mindestkurses aber tatsächlich leiden werde oder ausländische Anbieter jetzt wirklich profitierten, hänge auch davon ab, ob in den Verträgen ein festgelegter Kurs vereinbart worden sei oder nicht.

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