Grosse Einkaufstour: Schweizer Medtech vor dem Ausverkauf

Aktualisiert

Grosse EinkaufstourSchweizer Medtech vor dem Ausverkauf

Nach der Übernahme von Synthes durch Johnson & Johnson bahnt sich eine Übernahmewelle an. Die Spekulationen brodeln. Die Schweiz verkauft eine Zukunftsbranche.

von
Hans Peter Arnold
Der US-Konzern Medtronic - hier der Europa-Sitz waadtländischen Tolochenaz - gilt als möglicher potenzieller Käufer von mehreren Unternehmen der Schweizer Medizinaltechnik-Szene.

Der US-Konzern Medtronic - hier der Europa-Sitz waadtländischen Tolochenaz - gilt als möglicher potenzieller Käufer von mehreren Unternehmen der Schweizer Medizinaltechnik-Szene.

Die Schweiz ist nicht nur die Heimat der namhaften Pharmakonzerne Novartis und Roche; Helvetia gilt auch als Mekka der Medizinaltechnik. Nach dem Verkauf von Synthes für 20 Milliarden Franken an Johnson & Johnson (J&J) schleichen sich die Amerikaner an weitere Schweizer Medtech-Firmen heran.

Läuft die Schweiz damit Gefahr, ausgerechnet in der als Zukunftsbranche geltende Medtech-Industrie Arbeitsplätze zu verlieren? Synthes-Firmengründer Hansjörg Wyss wehrt sich. Im Zentrum des Deals sei nicht die bestmögliche Rendite, sondern die beste Lösung für das Unternehmen und den Standort Schweiz gestanden, beteuerte er im Interview mit dem Schweizer Fernsehen. Bereits vor mehr als zehn Jahren habe er sich mit der Zukunft des Unternehmens befasst.

Trotzdem - die Entscheide werden letztlich nicht mehr von einem Schweizer Unternehmen, sondern irgendwo im Ausland - im Fall von J&J in New Brunswick (New York) gefällt.

«Dahinter steht ein globaler Trend»

Es sei möglich, dass nach Synthes einige weitere Schweizer Unternehmen übernommen würden, meint Grégoire Biollaz, Analyst bei Credit Suisse. «Das ist aber kein typisch schweizerisches Phänomen, vielmehr steht dahinter ein globaler Trend.» Die Medizinaltechnik-Unternehmen müssten grösser werden. Dadurch erlangten sie eine bessere Verkaufsposition gegenüber Grossabnehmern wie Spitälern, die einen wachsenden Preisdruck ausüben würden. Vor allem: Die höheren Volumen führen zu tieferen Herstellungskosten und damit fetteren Margen.

Weitere Kandidaten

Häufig als Kandidaten für den Verkauf werden heute Nobel Biocare genannt. Nobel Biocare gilt als Weltmarktführerin für ästhetische Dentallösungen. Das Unternehmen konzentriert sich auf die Entwicklung und Produktion von Dentalimplantaten, Kronen, Brücken sowie Veneers (Keramikschalen).

Ein möglicher Übernahmekandidat ist schliesslich auch Ypsomed, das in Solothurn und Burgdorf Injektionsspritzen herstellt. Das Unternehmen des Beinahe-Milliardärs Willy Michel kämpft seit Jahren mit einem gefährlichen Klumpenrisiko. Viele Aktionäre witterten Ungemach, als sie mitbekamen, dass Sanofi Aventis als grösster Kunde selber Injektionsspritzen herstellen wollte.

Neue Kursphantasien

Ein möglicher Verkauf von Nobel Biocare kann gemäss Grégoire Biollaz

nicht ausgeschlossen werden. Eine Übernahme des Baselbieter Dentaltechnikherstellers Straumann sei jedoch aufgrund der Aktionärsstruktur wenig wahrscheinlich. Bei Ypsomed würde die Verkaufsentscheidung ebenso beim Mehrheitsaktionär liegen.

Auf jeden Fall sorgen diese Übernahmespekulationen für Kursphantasien. Schliesslich können die Aktionäre im Fall einer Übernahme von einer netten Prämie profitieren.

Sulzer Medica

Bereits vor acht Jahren machte die Schweizer Medizinaltechniksparte Furore. Nach Qualitätsproblemen musste Sulzer Medica saniert werden. Das Unternehmen wurde in Centerpulse umfirmiert und schliesslich an den US-Konzern Zimmer verkauft. Im selben Jahr verkaufte Mathys in Grenchen die Unternehmenssparte Osteosynthese an Synthes. Der Teil Orthopädie mit heute rund 500 Mitarbeitenden verblieb im Familienbesitz.

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