Massengräber in Kanada - Schweizer Missionare waren am Missbrauch indigener Kinder beteiligt
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Massengräber in KanadaSchweizer Missionare waren am Missbrauch indigener Kinder beteiligt

Kinder der Urbevölkerung wurden in Zwangsinternate gesteckt und missbraucht. Tausende starben an Tuberkulose. Katholische Missionare aus der Schweiz waren Teil des Systems.

von
Patrick McEvily
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Die kanadischen Behörden haben in den vergangenen Wochen, an zwei Standorten ehemaliger Schulen für indigene Kinder, Massengräber freigesetzt. 

Die kanadischen Behörden haben in den vergangenen Wochen, an zwei Standorten ehemaliger Schulen für indigene Kinder, Massengräber freigesetzt.

AFP
Rund um die Internate, in den Provinzen Saskatchewan und British Columbia (hier im Bild), wurden mehrere hundert Massengräber gefunden. 

Rund um die Internate, in den Provinzen Saskatchewan und British Columbia (hier im Bild), wurden mehrere hundert Massengräber gefunden.

REUTERS
In den sogenannten «Residential Schools» sollten die Kinder der indigenen Bevölkerung an die weisse Mehrheitsgesellschaft assimiliert werden. Viele wurden physisch und sexuell missbraucht. Tausende starben an Tuberkulose. 

In den sogenannten «Residential Schools» sollten die Kinder der indigenen Bevölkerung an die weisse Mehrheitsgesellschaft assimiliert werden. Viele wurden physisch und sexuell missbraucht. Tausende starben an Tuberkulose.

AFP

Darum gehts

  • Die Nachrichten über neu entdeckte Massengräber erschütterten Kanada in jüngster Zeit.

  • In sogenannten Residential Schools wurden jahrzehntelang indigene Kinder misshandelt.

  • Ein Schweizer Historiker zeigt nun, wie katholische Missionare nach Nordamerika auswanderten und dort Teil des Systems wurden.

Mehrere Berichte über Massengräber offenbarten in den vergangenen Wochen, wie grausam die Behörden in Kanada jahrzehntelang mit indigenen Kindern umgingen. Vor Schuleinrichtungen, in der Provinz British Columbia sowie in der Provinz Saskatchewan, wurden insgesamt fast 1000 Gräber gefunden. Noch immer ist das ganze Ausmass des Schreckens nicht erkennbar, ehemalige Schulgelände im ganzen Land werden untersucht. Die Stimmen mehren sich, die eine rigorose Aufarbeitung des Themas fordern. Die Tamedia-Zeitungen berichten nun über die Arbeit eines Historikers, der aufzeigt, wie Schweizer Missionare Teil des Systems waren.

«Töte den Indianer, aber rette den Menschen»

Der Luzerner Historiker Manuel Menrath schätzt, dass ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts rund 150’000 Kinder in Kanada von ihren Eltern getrennt und in Internate (sogenannte «Residential Schools») gesteckt wurden. Dort verboten die Schulbehörden ihnen ihre Muttersprache und Bräuche. Die Kinder sollten so an die weisse Mehrheitsgesellschaft assimiliert werden. Es kam zu sexuellem und physischem Missbrauch und offenbar verstarben Tausende von ihnen an Tuberkulose – die jüngsten waren erst sieben Jahre alt. Die Nachwirkungen dieses dunklen Kapitels der kanadischen Geschichte sind bis heute spürbar. Überlebende leiden oftmals an Alkohol- und Drogenmissbrauch, Depressionen oder suizidieren sich gar.

Überlebende der Residential Schools haben Menrath erzählt, wie sie von Schweizern missioniert wurden. Ihre Geschichte hat der Historiker aufgearbeitet. Die Missionare kamen aus Klöstern wie Engelberg und Einsiedeln und wurden in Nordamerika Teil des repressiven Systems. «Töte den Indianer, aber rette den Menschen» sei ein Leitspruch gewesen. Der Mönch Martin Marty sei beispielsweise aus Einsiedeln nach Kanada ausgewandert, um dort den berühmten Häuptling Sitting Bull zu «bekehren», heisst es in Menraths Buch «Mission Sitting Bull».

Laut dem Historiker bestand ein Zusammenhang zwischen den Geschehnissen in der Schweiz und der Emigration nach Nordamerika. Viele Schweizer Katholiken versuchten mit der Auswanderung den Kämpfen in der Heimat zu entkommen, wo die liberalen Kräfte im Zuge des Sonderbundkriegs mehrere Klöster schlossen. In den USA und Kanada zeugen mehrere Klostergründe, wie das St. Meinrad im Bundesstaat Indiana, von dieser Geschichte.

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