Pop-Kultur: Schweizer Musicals lassen Kassen klingeln
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Pop-KulturSchweizer Musicals lassen Kassen klingeln

Die Hochkultur rümpft über Musicals meist die Nase: zu banal und zu oberflächlich. Kommerziell sind Produktionen wie «Ewigi Liebi» oder «Dällebach Kari» aber Überflieger.

von
Sandro Spaeth
Bekannt geworden durch eine Casting-Show: «Ewigi Liebi»-Liebe Hauptdarsteller Daniel Kanedelbauer.

Bekannt geworden durch eine Casting-Show: «Ewigi Liebi»-Liebe Hauptdarsteller Daniel Kanedelbauer.

Das Musical-Rezept ist simpel – aber erfolgreich. Man nehme eine bekannte Handlung oder beliebte Popsongs und verpacke das Ganze in eine süffige Geschichte. Berühmtes Beispiel dafür ist die Abba-Ohrwurm-Produktion «Mamma Mia» oder der als Musical inszenierte Disney-Film «Lion King».

Dieselbe Schiene fahren die erfolgreichen Schweizer Musicals «Ewigi Liebi» oder «Dällebach Kari». Die aneinandergereihten Schweizer Mundarthits in «Ewigi Liebi» sahen und hörten in Zürich 450 000 Personen. Damit sind die Investitionen von 6,5 Millionen Franken laut Szenenkennern mehrfach eingespielt. Und bald klingen die Kassen auch in Bern kräftig weiter, denn das Erfolgsmusical feierte am 4. November im Berner Wankdorf-Areal Premiere. Im Vorverkauf wurden bereits über 25 000 Tickets abgesetzt.

Top oder Flop

Früher fuhr man wegen der erfolgreichen Musicals nach London oder an den Broadway, heute reicht Zürich, Thun oder Walenstadt. Aber: «Es gilt als äusserst schwierig, erfolgreiche Musicals zu machen», sagt Musical-Kenner und Wirtschaftsanwalt Daniel Fischer, der im Moment an einem Buch mit dem Titel «Die Geschichte des Schweizer Musicals» schreibt. Laut Fischer sind die Schweizer Musical-Produktionen finanziell entweder klar top oder klar flop.

In einem Fiasko endete 2006 beispielsweise die Schweizer-Produktion «Die Schwarzen Brüder» in Schaffhausen. Die Vorstellungen waren zwar meist ausverkauft, doch unter dem Strich blieb wegen Fehlkalkulationen ein Minus von 1,4 Millionen Franken. Die Produktionsfirma musste Konkurs anmelden. Diesen Sommer erlebten «Die Schwarzen Brüder» auf der Seebühne in Walenstadt ein Revival. Trotz viel Regen zogen die Initianten eine positive Bilanz. Die Produktion sahen 41 000 Zuschauer – 2012 soll es weitergehen.

Die Erfolgsgeschichte des Musical-Sommers war aber «Dällebach Kari» in Thun, in dessen Produktion die Seebühne 7,5 Millionen Franken investierte. Mit der Rekordzahl von 76 000 Zuschauern, welche die 30 Vorstellungen über die Geschichte des Berner Stadtoriginals sahen, dürften sich die Investitionen mehr als ausbezahlt haben haben. Karis nächste Station ist Zürich: Im März läuft die Produktion mit nahezu gleicher Besetzung als Indoor-Musical im Theater 11 an.

Belächelt – aber finanziell erfolgreich

Obwohl die Musical-Kultur von der Kulturelite nur wenig Anerkennung erhält, beschert sie den Produktionsfirmen Erfreuliches. «Wenn man es hochprofessionell angeht und bekannte Geschichten oder Melodien verwendet, lässt sich auch mit Kultur Geld verdienen», sagt Musical-Experte Fischer. Ähnlich sieht es auch Gesa Schneider von Heller Enterprises. «Kultur ist dann kommerziell erfolgreich, wenn sie ein grosses Publikum anspricht», sagt Schneider – und verweist als Beispiele auf Gunther von Hagens' «Körperwelten» oder Ausstellungen des Malers Picasso.

Populäre Produktionen betrachtet Schneider auch kritisch, da sie vor allem unterhalten würden und wenig zum Denken anregten. Anders als beim Theater ändert sich der Blick des Betrachters auf die Welt beim Musical-Besuch nicht. «Gerade die Form des Musicals würde sich aber eignen, um Innovatives mit Kommerziellem zum verbinden», erklärt Schneider. Damit dürfte sich auch das von Musicals angesprochene Publikumssegment etwas ändern – denn die aktuellen Besucher sind ja bekanntlich nicht das klassische Kulturpublikum.

Musicalpreis «Goldener Scheinwerfer»

Dieses Jahr wird in der Schweiz erstmals der Musicalpreis «Goldener Scheinwerfer» verliehen. Top-Favoriten für die Auszeichnung «Bester Hauptdarsteller» sind Erich Vock und Hanspeter Müller-Drossaart, in der Sparte «Hauptdarstellerinnen» Isabelle Flachsmann. In der Kategorie «Bestes Musical» dürften «Dällebach Kari» und «Ewigi Liebi» das Rennen wohl unter sich ausmachen. Ab dem 5. November kann man auf www.imscheinwerfer.ch seine persönlichen Favoriten wählen. Eine Fachjury bestimmt am 26. November aus den drei Kandidaten mit den meisten Publikumsstimmen die Sieger.

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