Alpwirtschaft: Schweizer nehmen ihren Nachbarn die Kühe weg
Aktualisiert

AlpwirtschaftSchweizer nehmen ihren Nachbarn die Kühe weg

Schweizer Bauern erhalten einen Zustupf, wenn ihre Kühe den Sommer auf Schweizer Alpen verbringen. Das bringt das Nachbarland Liechtenstein in Not.

von
Valeska Blank
1 / 4
Die neue Agrarpolitik des Bundes hat dazu geführt, dass weniger Schweizer Vieh auf Liechtensteiner Alpen den Sommer verbringen.

Die neue Agrarpolitik des Bundes hat dazu geführt, dass weniger Schweizer Vieh auf Liechtensteiner Alpen den Sommer verbringen.

Keystone/Arno Balzarini
Das stellt die Alpbesitzer vor Probleme: Ohne Vieh lohnt sich die Bewirtschaftung nicht mehr.

Das stellt die Alpbesitzer vor Probleme: Ohne Vieh lohnt sich die Bewirtschaftung nicht mehr.

Keystone/Arno Balzarini
Jede vierte Kuh auf einer Liechtensteiner Alp stammt aus der Schweiz.

Jede vierte Kuh auf einer Liechtensteiner Alp stammt aus der Schweiz.

Keystone/Arno Balzarini

370 Franken – so viel erhalten Schweizer Bauern seit vergangenem Jahr pro Kuh, die sie während des Sommers an mindestens hundert Tagen auf die Alp schicken. Die Bedingung: Es muss eine Schweizer Alp sein. So sieht es die Agrarpolitik 2014-2017 des Bundes vor.

Während die Schweizer Landwirte von diesem finanziellen Zustupf profitieren, ist er für die Alpwirtschaft des Nachbarlands Liechtenstein ein Problem. Denn jede vierte Kuh, die im Sommer auf einer Liechtensteiner Alp weidet, kam bisher aus der Schweiz. «Im letzten Sommer ist der Anteil der Schweizer Kühe in unseren Bergen wegen des neuen Alpungsbeitrags sicher um die Hälfte zurückgegangen», sagt Franky Willinger, Landwirt und Präsident Alpgenossenschaft Triesenberg in Liechtenstein, zu 20 Minuten.

Vorteil für Bauern und Alpbesitzer

Das Ländle selbst mit seinen gut 100 landwirtschaftlichen Betrieben verfügt über zu wenig Kühe, um eine flächendeckende Bewirtschaftung seiner Alpweiden selbst zu stemmen. Darum waren die Liechtensteiner Alpbesitzer auf Tiere aus dem Ausland angewiesen. «Durch das Weiden der Tiere werden Flächen offen gehalten, die sonst innert kürzester Zeit verbuschen würden», erklärt Jörg Beck, Geschäftsführer des Schweizerischen Alpwirtschaftlichen Verbands (SAV).

Das Weiden ist aber nicht nur ein Vorteil für die Alpbesitzer, sondern auch für die Bauern: «Rund ein Drittel des jährlichen Futters fressen meine Tiere während des Sommers auf der Alp», so der Landwirt Willinger, «ohne Sömmerung könnte ich mir die Jahresration an Futter gar nicht leisten.»

«Nicht egal»

Für die Alpbesitzer geht es nicht zuletzt auch um Geld. Sie erhalten sowohl in Liechtenstein als auch in der Schweiz seit Jahren sogenannte Sömmerungsbeiträge. In Liechtenstein beliefen sich diese staatlichen Zahlungen im Jahr 2013 auf knapp 590'000 Franken. Der Haken: Die Sömmerungsbeiträge werden reduziert, wenn eine gewisse Anzahl Tiere auf der Alp unterschritten wird.

In der Alpwirtschaft arbeiten die Schweiz und Liechtenstein schon jahrzehntelang zusammen. «Schon wegen dieser langen und guten Zusammenarbeit kann es uns nicht gleichgültig sein, wenn die Liechtensteiner Alpen ums Überleben kämpfen», sagt SAV-Geschäftsführer Beck. Trotzdem müsse es wohl jedem klar sein, warum die Schweizer Landwirte ihre Kühe aus den Liechtensteiner Alpen abziehen. «Auf den Alpungsbeitrag von 370 Franken pro Tier kann im heutigen Umfeld kein Bauer verzichten – auch hier geht es um die Existenz.»

Aus für Alpwirtschaft?

Die Liechtensteiner Regierung in Vaduz muss sich nun grundsätzlich mit der Sömmerung in den Alpen Gedanken machen. Die Bewirtschaftung der Alpen im Inland sei kurz- und mittelfristig nicht mehr gesichert, heisst es. Sogar eine völlige Aufgabe der Alpwirtschaft steht im Raum.

Deine Meinung