Aktualisiert 07.11.2017 07:17

Fluch der Bescheidenheit

Schweizer nehmen sich Mittelmass zum Vorbild

Schweizer wollen vor allem mit Bescheidenheit glänzen. Das fängt schon in der Schule an.

von
S. Schreier / B. Zanni

Schweizer Schüler wollen keine Streber sein. Denn: Wer einer ist, wird ausgeschlossen. Wie die Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm in der «Aargauer Zeitung» schreibt, ist die Angst vor dem Wort «Streber» gar so gross, dass gewisse Schüler gar absichtlich schlechtere Noten schreiben. Schüler, die den Klassenclown machen, Goals schiessen oder als Erste die neusten Yeezy-Adidas von Kanye West tragen, sind beliebter als die, die in Französisch eine Sechs schreiben.

Besonders bei den Jungen hat der Begriff «Streber» einen negativen Charakter. «Knaben gelten dann als cool und männlich, wenn sie demonstrativ wenig für die Schule arbeiten und wenn sie bei guten Noten so tun, als hätten sie gar nichts dafür tun müssen», sagt Stamm auf Anfrage. Wer als Streber abgestempelt wurde, habe zwei Optionen: «Entweder bleiben sie ihrem Ehrgeiz treu oder sie müssen sich als uncoole Einzelgänger akzeptieren.»

Für Mädchen ist «Streber» kein Schimpfwort

Lerncoach Phil Theurillat weiss, warum Streber oftmals ausgeschlossen werden: «Sie sind unbeliebt, weil sie durch ihre guten Noten auffallen und darum nicht zum Mainstream gehören. Die Mitschüler werden dann neidisch.» Dies könne bis zum Mobbing führen.

Dass sich Schüler lieber am Mittelmass orientieren als zu brillieren, hängt auch mit der Schweizer Kultur zusammen. «Für die Schweizer soll eigentlich alles immer das Beste sein. Wenn es aber um einen selbst geht, stellt der Schweizer gern sein Licht unter den Scheffel», weiss Wolfgang Koydl, Kenner der Schweizer Kultur und Buchautor. Frage man jemanden etwa, ob er Ski fahre, antworte er: «Ein bisschen.» Etwas später würde sich dann aber herausstellen, dass die Person bis vor einem Jahr noch Profi-Skirennfahrer war.

Auch im Sport zeigen sich die Schweizer bescheiden

Natascha Badmann pflichtet ihm bei. «Im Sport zeigt sich besonders deutlich, wie bescheiden die Schweizer sind», sagt die Profi-Triathletin, die mit ihrem Partner Toni Hasler auch als Sportcoach tätig ist. Viele Sportler trauten sich kaum, sich vor einem Wettkampf in der Öffentlichkeit richtig siegesbewusst zu zeigen. «Sie haben Angst, nach einer allfälligen Niederlage das Image eines Bluffers zu haben.» Gerade für Schweizer Sportler sei mentales Training deshalb eine der wichtigsten Voraussetzungen, um erfolgreich zu sein.

Badmann erlebte am eigenen Leib, dass Sportler anderer Nationen beim Selbstbewusstsein Meilen voraus sind. Einst habe sie einer Amerikanerin für ihre starke Laufleistung gratuliert. «Diese schaute mich nur komisch an und meinte: ‹Ja, ich weiss.›» Ähnliches erlebte sie bei ihren eigenen Siegen: «Nachdem ich den Ironman Hawaii zum sechsten Mal gewonnen hatte und mich nicht besonders in den Vordergrund drängte, fanden die Amerikanerinnen, ich sei wahnsinnig bescheiden.»

«Schweizer können sich nicht verkaufen»

Für Selbstmarketing-Expertin Petra Wüst ist klar: «Schweizer wollen sich nicht verkaufen müssen. Sie erwarten, ihre Leistungen würden für sich selbst sprechen.» Laut Wüst ist ein gesundes Mass zwischen Angeberei und übertriebener Bescheidenheit nötig: «Sich selbst zu verkaufen bedeutet eigentlich nichts anderes, als über Positives zu sprechen.» Sei das über die eigenen Fähigkeiten oder bisherige Erfolge. So habe man sich bereits verkauft.

Die Bescheidenheit ist laut Koydl eigentlich eine gute Eigenschaft. Negativ sei der Neid: «Man kann Schweizer auch ‹Neidgenossen› nennen», sagt er scherzhaft. Der Neid komme daher, dass früher die Gemeinschaften eher klein und ländlich geprägt waren. Jeder habe alles von den anderen gewusst. Dementsprechend gross sei die Missgunst gewesen, sobald einer den anderen übertroffen habe. Daraus ist laut Koydl die typisch schweizerische Bescheidenheit entstanden: «In einer solchen Gemeinschaft will man nicht auffallen.»

«TV-Serien haben die Nerds in den USA cool gemacht»

Herr Schwendimann*, warum werden Schüler durch gute Leistungen zum Aussenseiter?

Überdurchschnittliche Leistungen können Neid erzeugen. Ausserdem werden in den Medien oft begabte Personen als soziale Aussenseiter portraitiert. Es gibt zu wenige positive Rollen für begabte und leistungsbereite Kinder und Jugendliche in den Medien.

Warum ist die Angst davor, ein Streber zu sein, in der Schweiz grösser als beispielsweise in den USA?

Im englischsprachigen Raum werden Streber als «Nerds» bezeichnet. Dieser Begriff war ursprünglich auch negativ behaftet. In den letzten Jahren haben sich die Nerds jedoch zu einer Sub-Kultur entwickelt. Unter anderem durch die Präsenz von erfolgreichen Nerds in TV-Serien wie «The Big Bang Theory». Zudem fördert das wettkampforientierte System der USA Spitzenleistungen einiger weniger. Das Schweizer Bildungssystem ist hingegen darauf ausgelegt, allen Lernenden eine Ausbildung auf hohem Niveau zu bieten.

Wie können Lehrer reagieren, wenn sie merken, dass ein Schüler absichtlich schlechtere Leistungen erbringt?

Die Lehrpersonen sollen das Gespräch mit den betroffenen Lernenden suchen, um zu besprechen, wie man die Situation verbessern kann. In der Klasse kann der Lehrer zudem Aktivitäten gestalten, die die Zusammenarbeit der Schüler mit unterschiedlichen Begabungen fördern. Falls es zu Mobbing kommt, ist es wichtig, dass die Lehrperson so früh wie möglich interveniert und einen Dialog zwischen den involvierten Personen führt.

*Beat Schwendimann ist Leiter der Arbeitsgruppe Pädagogik des Dachverbandes der Lehrerinnen und Lehrer (LCH).

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