Laut Recherche-Netzwerk «Reflekt» – Schweizer Politiker schönen Einträge auf Wikipedia
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Laut Recherche-Netzwerk «Reflekt»Schweizer Politiker schönen Einträge auf Wikipedia

Details werden ausgelassen, statt Fakten wird Werbung für sich selbst betrieben, und häufig sind Mitarbeiter oder Freunde am Werk. Der Recherche-Suchtrupp «Reflekt» wurde gleich bei mehreren Einträgen fündig.

von
Patrick McEvily
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Auf der Internet-Enzyklopädie Wikipedia soll jedermann Informationen zu allem Menschenerdenklichen finden. Auch die Schweizer Politik sollte faktengetreu und neutral beschrieben werden.

Auf der Internet-Enzyklopädie Wikipedia soll jedermann Informationen zu allem Menschenerdenklichen finden. Auch die Schweizer Politik sollte faktengetreu und neutral beschrieben werden.

20min/Simon Glauser
Das ist jedoch nicht immer der Fall. So listen die Journalistinnen und Journalisten des Kollektivs «Reflekt» gleich mehrere Fälle auf, in denen Politikerinnen und Politiker ihre Wikipedia-Einträge selbst bearbeiteten oder von anderen editieren liessen. 

Das ist jedoch nicht immer der Fall. So listen die Journalistinnen und Journalisten des Kollektivs «Reflekt» gleich mehrere Fälle auf, in denen Politikerinnen und Politiker ihre Wikipedia-Einträge selbst bearbeiteten oder von anderen editieren liessen.

imago/imagebroker
Grünen-Präsident Balthasar Glättli ist einer der Politiker, bei dem die Rechercheure und Rechercheurinnen fündig wurden.

Grünen-Präsident Balthasar Glättli ist einer der Politiker, bei dem die Rechercheure und Rechercheurinnen fündig wurden.

20min/Simon Glauser

Darum gehts

  • Auf Wikipedia herrschen Fakten und Neutralität – theoretisch zumindest.

  • Denn bei den Einträgen über Schweizer Politikerinnen und Politiker sind oft Eigeninteressen im Spiel.

  • Viele lassen sich unbequeme Details schönbiegen, einige legen sogar selbst Hand an. Die «Fehler» werden oft schnell korrigiert, doch das Monitoring ist aufwendig.

Ein Suchtrupp des Recherche-Netzwerks «Reflekt» hat 253 Wikipedia-Einträge von Schweizer Politikerinnen und Politikern auf mögliche Fehler, Erfundenes oder Unwahrheiten durchsucht – darunter Mitglieder des National- und Ständerats und der Landesregierung. Die Auswertung zeigt zwar keine flächendeckende Manipulation – geschönt, unterlassen oder übertrieben werde dennoch.

Mitarbeiter von Ignazio Cassis entfernten Infos zu Pro-Tell-Affäre

Wikipedia ist die weltweit bekannteste Internet-Enzyklopädie. Werbung hat darauf nichts zu suchen – eigentlich. Doch in Einträgen von Schweizer Politikerinnen und Politikern zeigen sich öfters Texte mit werberischer Sprache. So liessen sich zwischenzeitlich auf der Seite von FDP-Ständerat Josef Dittli (UR) Passagen finden, die mit dem Nebensatz «Ihm ist zu verdanken» anfingen. Aus einer Einstiegspassage auf der Seite zu Ex-FDP-Chefin Petra Gössi über ihr bisheriges Leben wurde ein politisches Manifest, das ebenso in wahlkampfähnlicher Sprache verfasst war («Petra Gössi setzt sich für einen föderalistischen Staat ein (…)»), gefunden.

Auch unbequeme Teile des eigenen Lebenslaufes werden zuweilen ausgelassen. So zum Beispiel bei Nationalrat Andri Silberschmidt (FDP, ZH). Dass dieser nämlich das Gymnasium nicht abschloss, sondern nach neun Jahren in eine Banklehre wechselte, war nach einer Änderung durch einen persönlichen Mitarbeiter nicht mehr nachzulesen. Sogar bei einem Mitglied der Schweizer Landesregierung wurden die «Reflekt»-Rechercheure und Rechercheurinnen fündig. Im Herbst 2017 machten rund um Ignazio Cassis, den designierten Nachfolger von Didier Burkhalter in den Bundesrat, Nachrichten die Runde, wonach dieser Mitglied im Waffenverein Pro Tell sei. Wenige Tage später trat er nach öffentlicher Kritik aus dem Verein aus. Die Episode war klar nachweisbar und darum auch legitimes Material für einen Wikipedia-Eintrag. Doch die Pro-Tell-Passage wurde rund zwei Wochen später wieder gelöscht. Dahinter steckten Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von Cassis aus dem Bundesamt für Informatik und Telekommunikation.

Sämtliche Einträge wurden nach kurzer Zeit wieder von der Wikipedia-Community «korrigiert». Doch auch Politiker und Politikerinnen, die sich ansonsten korrekt verhalten, mit Blick auf die Community-Regeln von Wikipedia, treten zuweilen ins Fettnäpfchen. So hat Grünen-Präsident Balthasar Glättli zwar vorbildhaft angegeben, dass er Teile seines Eintrags selbst verfasst hat. Doch auch bei ihm kam es zwischenzeitlich zur Löschung einer vermeintlich heiklen Passage. Wie Kollege Andri Silberschmidt hat nämlich auch Glättli einen Schul- bzw. Studienabbruch in seiner Vita – 2015 nämlich. Im ursprünglichen Wikipedia-Eintrag war diese nachgetragen, bevor der Zusatz im November 2015 plötzlich verschwand. Glättli erklärte daraufhin, es sei durch ein Versehen zur Löschung gekommen.

Persönliche Mitarbeiter, Agenturen oder der eigene Ehemann

Gewichtiger als Einträge über die eigene Schulkarriere dürften jedoch politisch relevante Verbindungen einzelner Akteure und Akteurinnen sein, die transparent gemacht werden – oder eben nicht. Im Eintrag der Waadtländer FDP-Politikerin Isabelle Moret wurde so gemäss «Reflekt» nämlich eine Passage zwischenzeitlich gelöscht, in der zu lesen war, dass Moret Mitglied der Informationsgruppe Erfrischungsgetränke ist: einem Lobbyverein für Süssgetränke-Hersteller.

Hinter den Einträgen zu Schweizer Politikern und Politikerinnen stehen oft die gleichen Handvoll User und Userinnen. Einer davon ist Thomas Hämmerli, seines Zeichens Filmemacher aus Zürich. Hämmerli ist auf Wikipedia als Editor tätig – gemäss «Reflekt» besonders häufig auf Seiten von Politikerinnen und Politikern aus dem links-grünen Spektrum. Unwahres oder Erfundenes fanden die Rechercheure und Rechercheurinnen in seinen Einträgen nicht, dafür aber häufig leicht wertende Formulierungen, wie diese hier zu einer Nationalrätin der GLP: «2018 wurde sie mit auffällig vielen Panaschierstimmen gewählt.» Hämmerli, der eine eigene Agentur betreibt, arbeitete zudem früher mit der langjährigen Zürcher Nationalrätin Min-Li Marti (SP) zusammen. Auch ihren Eintrag hat er editiert. Hämmerli erklärt auf Anfrage von «Reflekt», keine Gegenleistungen für seine «Dienste» zu verlangen.

Häufig gäbe es zudem Konstellationen, die eigentlich nicht mit dem Ethos von Wikipedia vereinbar wären. Da zum Beispiel, wo Angestellte die Einträge über ihre Chefs schreiben oder editieren. Andere Beispiele für persönliche Verbandelungen seien Einträge von Agenturen, an der betroffene Politiker oder Politikerinnen selbst beteiligt sind. Im Fall einer SVP-Nationalrätin aus dem Kanton Baselland hat mutmasslich sogar der eigene Ehemann unter mehreren Pseudonymen an Einträgen mitgewirkt. Auch Parteikollegen und -kolleginnen sollen gemäss «Reflekt» zuweilen nachhelfen.

Die Ergebnisse der ganzen Recherche haben die unabhängigeren Journalistinnen und Journalisten von «Reflekt» auf einer eigenen Webseite publiziert, die – wie könnte es anders sein – als Wikipedia-Eintrag daherkommt.

Wie entsteht ein Wikipedia-Eintrag?

Jede Internet-Nutzerin und -Nutzer kann am weltweiten Lexikon mitschreiben. Der Beitrag zu Schlagworten wird dann von Wikipedia-Nutzern und -Nutzerinnen gemeinschaftlich erweitert, aktualisiert und bei Bedarf korrigiert. Wie «Reflekt» schreibt, ist Praxis, sich Editier-Hilfe von Dritten zu holen, in der Wikipedia-Community umstritten. Viele forderten, dass das sogenannte «bezahlte Schreiben» ganz verbannt werde. Abstimmungen innerhalb der Community hätten jedoch eine zweigeteilte Meinung zum Thema ergeben. Bis es zu tatsächlichen Änderungen im Verhaltenskodex der Plattform kommt, raten die Rechercheure und Rechercheurinnen von «Reflekt» Politikerinnen und Politikern, Änderungswünsche zu ihren Beiträgen in den Diskussionsseiten, die jedem Eintrag beigefügt sind, transparent zu machen.

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