Aktualisiert 01.06.2010 15:48

HörgeräteSchweizer Preise lassen Ohren klingeln

Das lässt hellhörig werden: In der Schweiz kostet das gleiche Hörgerät bis zu zehn Mal so viel wie im nahen Ausland. Nun droht den Herstellern Ungemach.

von
Werner Grundlehner

Gute Geschäfte mit schlechtem Gehör: In den vergangenen zehn Jahren hat sich der Verkauf von Hörgeräten auf 73 000 Geräte oder 200 Millionen Franken verdoppelt. Dabei trägt immer noch erst jeder fünfte Hörgeschädigte ein Hörgerät. Das Marktpotenzial beträgt demzufolge 1 Milliarde Franken – falls jeder Hörgeschädigte auch ein Gerät kaufen würde. Die Hörgeräte-Hersteller und die Akustiker reiben sich die Hände, nirgends sind Hörgeräte so teuer und nirgends schiesst der Staat so viel Geld ein, wie in unserem Land. Die Anzahl der Akustiker-Geschäfte – die meist zu ausländischen Ketten gehören – haben sich von 2004 bis 2009 von 290 auf 400 erhöht.

Däne lanciert Billigmodell

Diese Preisspirale will Christian Stromsted brechen: Der Däne ist CEO von Sonetik. Das Unternehmen verkauft seit kurzem ein günstiges Gerät für 400 Franken – das ist bis zu zehn Mal weniger als die Geräte sonst kosten. Die «Geräte ab Stange» sind mittlerweile in 100 Verkaufsstellen in der Schweiz zu kaufen – 60 davon sind Apotheken der Amavita-Netzes.

Sonetik wurde 2007 von erfahrenen Hörgeräte-Experten gegründet. «Aus Rücksicht auf die Investoren darf ich keine Verkaufszahlen nennen. Nur so viel: Wir haben bereits mehrere tausend Gerät abgesetzt», so Stromsted. «Sonetik hat keine Pläne, die Preise zu verändern», fügt er an. Nächstes Jahr, wenn das neue Modell auf dem Markt sei, werde die Preispolitik nochmals überprüft. Hörgeräte kosten in der Produktion rund 50 Franken, so bleibe dem Unternehmen trotz Vertriebskosten und Zwischenhandel eine ansehnliche Marge.

«Mehr als neues Produkt»

Mit dem qualitativen Anlaufen des Hörgeräte-Verkaufs ist Amavita gemäss, Peter Lüscher, Marketingverantwortlicher der Apothekenkette zufrieden. «Denn es ist mehr als ein Produkt und umfasst auch die Schulug unserer Mitarbeiter und Hörtests». Mit dem Umsatz sei Amavita noch nicht ganz zufrieden, gewisse Verkaufsstandorte würden noch geprüft. «Aber ganz klar, wir müssen Aufbauarbeit leisten. Man ist sich noch nicht gewohnt für ein Hörtest und ein Hörgerät in die Apotheke zu gehen», so Lüscher. Ein Vorteil sei zudem, dass sich das Bundesamt für Sozialversicherung bald dazu entschliessen werde, auch die Geräte von Sonetik gemäss gängiger Praxis in die Rückerstattung zu integrieren. «So wird unser Produkt im Vergleich noch günstiger - faktisch gratis».

Junge hören schlecht

«Die günstigen Geräte sind ein gutes Einsteigermodell, beispielsweise für ältere Leute mit einem Hochtonverlust, aber sie eignen sich nicht für alle Hörgeschädigten», sagt Erwin Gruber; Zentralsekretär von pro audito, der Organisation für Menschen mit Hörproblemen. Die Hörgerätehersteller zielen aber nicht nur auf ältere Leute. Immer mehr junge Erwachsene haben durch ständige (zu laute) Musikbeschallung via Kopfhörer oder im Club Hörprobleme. Wer seinen Ohren nicht mehr traut, kann diese bei einem Akustiker oder in einer Apotheke kostenlos. Die Wahl des Testortes kann die zukünftigen Kosten jedoch stark beeinflussen. Denn während Apotheken Hörgeräte für 400 Franken anbieten, kosten sie im Fachgeschäft schnell 2500 Franken, dazu kommen noch die Kosten für die Geräteeinstellung sowie die Anpassungen über die folgenden Jahre. Bis zu 695 Franken zahlt der Staat an ein Hörgerät, zudem erhält der Akustiker für Wartung und Anpassung eine Dienstleistungspauschale.

IV kann nicht mehr so viel zahlen

Dass die IV an Krücken geht, ist auch eine Folge der hohen Beiträge an die Hörgeräte. Innerhalb der medizinischen Hilfsmittel machen Hörgeräte und Rollstühle mit 140 Millionen Franken im Jahr 2009 die Hälfte des gesamten Kostenblocks aus. Die hohen Margen der Hörgerätehersteller sind denn auch dem Staat ein Dorn im Auge: Die Ausschreibung medizinischer Hilfsmittel soll jetzt gesetzlich verankert werden und der Bund soll seine Marktmacht besser ausspielen und für tiefere Hörgerätepreise sorgen. Die Gesundheitskommission des Ständerates hat dem Vorschlag bereits zugestimmt. Die Initiative im Parlament gefährde sein Geschäftsmodell nicht, sagt Sonetik-CEO Stromsted. Der Vorstoss führt seiner Ansicht nach jedoch nur dazu, dass die Kostenbeiträge der IV reduziert würden. «Für den Endnutzer sehe ich keine günstigeren Preise, weil Akustiker und Hersteller an ihren hohen Margen festhalten werden.

Der Markt schreckt auf

Der Vorstoss von Sonetik hat auch etablierte Hersteller wie Sonova (ehemals Phonak) auf den Plan gerufen. Der Schweizer Produzent von Hörgeräten will nun nach Marktlancierungen in Belgien, den USA, Deutschland und Frankreich auch bald in der Schweiz Hörgeräte «ab Stange» verkaufen. Geplant sind Verkaufsstandorte in stark frequentierten Lagen, beispielsweise in Einkaufszentren. Auf grosse Preisnachlässe darf der Sonova-Kunde aber nicht hoffen. Das Gerät wird nur unwesentlich günstiger sein, als vergleichbare Geräte. «Das ist ein Servicegeschäft, wer immer noch meint, unsere Branche sei eine reine Produktindustrie, hat nichts begriffen», gab Sonova-CEO Valentin Chapero der «Handelszeitung» zu Protokoll.

Preisabsprachen?

«Wir sind zudem froh, dass der ehemalige IV-Direktor Alain du Bois-Reymond das Thema Preisabsprachen unter Hörgeräteherstellern thematisiert hat», sagt Erwin Gruber von pro audito. Er hebt den Warnfinger: «Wenn die Kosten für die Hörgeschädigten immer höher werden, nimmt die Zahl derer zu, die sich das nicht mehr leisten können und daher schlecht in der Gesellschaft integriert sind.» Genau das: Mit dem Tarifvertrag 2010/2011 zahle die IV künftig 40 Prozent weniger an die Gerätekosten, ohne dass die Branche aber zu Preisnachlässe bereit sei. Das führt dazu, dass es immer schwieriger, respektive teuerer wird, sich Gehör zu verschaffen.

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