Initiative lanciert: Schweizer Preise sollen deutlich fallen
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Initiative lanciertSchweizer Preise sollen deutlich fallen

Eine neue Initiative will der Hochpreisinsel Schweiz an den Kragen. Sie fordert diskriminierungsfreies Einkaufen für alle.

von
D. Vollenweider
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Ein gestreiftes Langarmshirt aus der Basic-Kollektion von H&M kostet im Schweizer Online-Shop 24.95 Franken ...

Ein gestreiftes Langarmshirt aus der Basic-Kollektion von H&M kostet im Schweizer Online-Shop 24.95 Franken ...

Screenshot www.hm.com
... und im deutschen 14.99 Euro. Das entspricht bei aktuellem Wechselkurs einer Preisdifferenz von 8.50 Franken.

... und im deutschen 14.99 Euro. Das entspricht bei aktuellem Wechselkurs einer Preisdifferenz von 8.50 Franken.

Screenshot www.hm.com
Bei Zara werden die Euro-Preise zwar mit einem Kleber mit den Schweizer Preisangaben überklebt, doch wer den Kleber abkratzt, fühlt sich betrogen: Eine Winterjacke kostet in einer Schweizer Zara-Filiale 139 Franken, in den Nachbarländern müsste man lediglich 100 Euro bezahlen.

Bei Zara werden die Euro-Preise zwar mit einem Kleber mit den Schweizer Preisangaben überklebt, doch wer den Kleber abkratzt, fühlt sich betrogen: Eine Winterjacke kostet in einer Schweizer Zara-Filiale 139 Franken, in den Nachbarländern müsste man lediglich 100 Euro bezahlen.

20 Minuten

Schweizer sollen zu denselben Preisen einkaufen können wie Konsumenten in den Nachbarländern, egal, ob sie die Ware online beziehen oder in Geschäfte gehen. So lautet die Forderung der Initiative für faire Preise, die am Dienstag lanciert wird. Das Recht soll sowohl für Konsumenten als auch Unternehmen gelten. «Die Fair-Preis-Initiative sagt Generalimporteuren und ausländischen Lieferanten den Kampf an, die ihre Marktmacht missbrauchen, um die eigenen Vertriebssysteme vor Wettbewerb zu schützen», sagt Prisca Birrer-Heimo, SP-Nationalrätin und Präsidentin der Stiftung für Konsumentenschutz (SKS). Konkret heisst das: Die Initianten wollen einen Artikel in der Verfassung verankern, der festhält, dass Schweizer Konsumenten und Unternehmen Produkte von ausländischen Firmen diskriminierungsfrei kaufen können. Wie genau der Staat eingreifen soll, wird am Dienstag an der Medienkonferenz erklärt. Zusammen mit verschiedenen Akteuren aus der Politik und dem Gewerbe hat SKS die Volksinitiative lanciert. Ihnen bleiben nun 18 Monate Zeit, um 100'000 Unterschriften zu sammeln.

Dass Konsumenten in der Schweiz noch immer mehr bezahlen als im Ausland, zeigt schon ein kurzer Blick auf die Preisetiketten einiger Modeketten (siehe Bildstrecke). Beim spanischen Label Zara werden die Euro-Preise zwar mit einem Kleber mit den Schweizer Preisangaben überklebt, doch wer den Kleber abkratzt, fühlt sich betrogen: Eine Winterjacke kostet in einer Schweizer Zara-Filiale 139 Franken, in den Nachbarländern müsste man lediglich 100 Euro bezahlen. Beim aktuellen Wechselkurs entspricht das einem Aufpreis von rund 30 Franken oder 27 Prozent. Ein gestreiftes Langarmshirt aus der Basic-Kollektion von H&M kostet im Schweizer Online-Shop 24.95 Franken, im deutschen 14.99 Euro. Das entspricht bei aktuellem Wechselkurs einer Preisdifferenz von 8.50 Franken oder einem Plus von 52 Prozent. H&M erklärt auf Anfrage, dass die Preisgestaltung auf verschiedenen Faktoren basiere: «Die Währung, die lokale Konkurrenz, die lokalen Steuern, die Marktsituation und das Kostenniveau in jedem Land sind wichtige Aspekte.» Zara-Inhaber Inditex erklärt die Preisschwankungen ähnlich.

Mode, Kosmetik und Nahrungsmittel

Solche Preisunterschiede existieren nicht nur in der Modebranche: Auch die Bereiche Kosmetik und Nahrungsmittel sind betroffen. Eine 400-ml-Flasche Nivea Body Milk kostet bei Migros derzeit – obwohl bereits mehrere Preissenkungen vorgenommen wurden – 4.70 Franken, im deutschen Nivea-Online-Shop 3.99 Euro. Beim derzeitigen Wechselkurs entspricht das einem Aufpreis von 33 Rappen oder knapp 7 Prozent. Eine Schachtel Raffaello von Ferrero (230 Gramm) kostet im Coop 4.20 Franken, im deutschen Supermarkt Rewe 2.99 Euro. Die Pralinen sind damit umgerechnet rund 90 Rappen oder 27 Prozent teurer.

Das führt dazu, dass Konsumenten ins nahe Ausland ausweichen – oder die Ware online in Euro einzukaufen. Doch viele Online-Shops versuchen das inzwischen zu unterbinden, indem Schweizer Nutzer direkt auf die Schweizer Version der Website umgeleitet werden und dort Schweizer Preise vorfinden. Auch dagegen wollen die Initianten vorgehen. «Der Online-Einkauf muss diskriminierungsfrei sein», sagt Roger Zäch, Berater des Initiativ-Komitees und emeritierter Professor für Privat-, Wirtschafts- und Europarecht der Universität Zürich.

Konsumenten können ausweichen, Firmen nicht

Während Konsumenten ins Ausland ausweichen können, haben Schweizer Firmen diese Möglichkeit meist nicht. «Das ist ein grosses wirtschaftliches Problem», so Zäch. Unternehmen müssen beim Einkauf ihrer Produkte – sei es im Detailhandel oder in der Industrie – deutlich mehr bezahlen. «Sie verlieren damit an Wettbewerbskraft gegenüber der Konkurrenz im Ausland.» Das sei mit ein Grund, weshalb Schweizer Unternehmen ihre Betriebe auslagern müssten.

Wirtschaftsprofessor Reiner Eichenberger glaubt, die Initiative könnte viel bewegen: «Wenn das Parlament und der Bundesrat bis zur Abstimmung keine wirksamen Massnahmen gegen die Preisinsel ergreifen und keinen überzeugenden Gegenvorschlag vorlegen, hat die Initiative auch gute Chancen beim Volk.»

Herr Eichenberger*, wo zahlen die Schweizer derzeit am meisten drauf?

Besonders gross und zugleich ärgerlich sind die Preisunterschiede bei vielen Markenprodukten. Die Unterschiede sind um so grösser, je kleiner ihr Wert ist und je seltener die Konsumenten die Produkte brauchen. Bei der ersten Kategorie von Produkten lohnt es sich für die Konsumenten nicht, die Produkte extra im Ausland einkaufen zu gehen. Bei der zweiten Kategorie haben die Kunden wenig Information, wo das Produkt günstig zu kaufen ist.

Was können wir dagegen tun?

Die Kunden können einerseits die überteuerten Produkte einfach nicht kaufen. Oft gibt es in der Schweiz genau so gute Nicht-Markenprodukte, die nur einen Bruchteil kosten. Bei ihnen ist der Preisunterschied zumeist viel kleiner. Die Konsumenten können aber auch ganz beruhigt im Ausland einkaufen.

Ist diese Initiative der richtige Ansatz oder sollte der Staat nicht in die Marktwirtschaft eingreifen?

Der Staat sollte die Reaktionen der Konsumenten möglichst wenig behindern. Heute wird der grenzüberschreitende Versandhandel durch die Gebühren der Zollkontrolle und die Mehrwertsteuererhebung massiv behindert. Da müsste es unbedingt weitere Vereinfachungen geben. Der Staat hat auch bei manchen Produkten, insbesondere Fleisch und Wurst, die Importregeln drastisch verschärft und so den Auslandeinkauf unattraktiver gemacht.

*Reiner Eichenberger ist Professor für Finanzwirtschaft an der Universität Freiburg

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