Aktualisiert 19.08.2009 08:35

PiraterieSchweizer Reeder im Bann der Seeräuber

Auch die Schweiz ist von Piraterie betroffen. Die Reeder müssen neuerdings für jede Fahrt Kidnapping- und Lösegeldversicherungen abschliessen. Und die Schweizer Hochseeflotte rüstet sich mit Stacheldraht und Feuerwehrschläuchen, um Piratenangriffe abzuwehren.

von
Elisabeth Rizzi

Der Frachter Arctic Sea ist befreit. Damit hat eine Serie von spektakulären Piraterie-Angriffen ihren neusten Höhepunkt gefunden. Piraterie bereitet auch in der Schweiz zunehmend Kopfzerbrechen. «Das Thema hat im letzten Jahr eine neue Dimension erreicht. Dass Piraten der westlichen Welt Lösegeld entlocken wollen, hat es bis dato nicht gegeben», sagt ein Schweizer Reeder, der nicht persönlich genannt werden will.

Deutlich gestiegene Prämien

Die früher üblichen Überfälle im asiatischen Raum hätten sich auf ein Entern und Ausrauben der Schiffe beschränkt. Erst seit Beginn der Angriffe vor Somalia 2008 sei es für die Reeder nötig geworden, Lösegeld- und Kidnapping-Versicherungen abzuschliessen. Und diese sind teuer. zwischen 30 000 und 60 000 Dollar müssen die Reeder pro Passage für die Deckung hinblättern. Auch die Prämien für Schiffs-Transportversicherungen seien deutlich angestiegen. Insbesondere würden einzelne Versicherer für bestimmte Strecken – allen voran den Golf von Aden – höhere Versicherungskosten in Rechnung stellen. Bei einer Deckungssumme von zwei bis drei Millionen Dollar mache sich diese Steigerung stark bemerkbar.

Rund zwei Drittel der zusätzlichen Versicherungskosten müssen die Reeder zwar selbst tragen: Wegen der rezessionsbedingt fallenden Frachtpreise ist es schwierig geworden, diesen Aufwand auf die Kunden überzuwälzen. Dennoch sei dies letztlich billiger, als die Route zu wechseln, sagt der Schweizer Reeder.

Stacheldrahtzäune auf Schiffen

Entsprechend wappnet sich die Schweizer Hochseeflotte mit ihren 35 Schiffen, die für die zwei Dutzend in der Schweiz tätigen Reedereien fahren. «Unsere Schiffe ergreifen Massnahmen, um schwerer enterbar zu werden», sagt Michael Eichmann, Stabschef beim Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL).

Die Schiffe würden beispielsweise mit Stacheldrahtzaun ausgerüstet. Zudem würden Feuerwehrschläuche an den möglichen Enterstellen platziert, um Piraten bei einem Angriff mit einem Hochdruckstrahl wegzuspülen. Im September berät zudem das eidgenössische Parlament darüber, ob Soldaten zur Bewachung eingesetzt werden sollen. Auch fahren die Schweizer Schiffe nicht allein, sondern unter europäischer Bewachung. Dies geschieht im Rahmen des letzten Jahr lancierten EU-Piratenbekämpfungsprogramms Atalanta. Dadurch habe sich die Sicherheitslage deutlich verbessert.

Angst vor Kostenlawine

Die Schweizer Assekuranz ist beim Thema Piraterie bislang mit einem blauen Auge davongekommen: Es sind hauptsächlich ausländische Versicherungen, die Lösegeld-, Kidnapping- sowie Schiffsversicherungen anbieten. Dennoch macht die Entwicklung auf den Weltmeeren dem Schweizerischen Versicherungsverband Sorgen. «Seit einem Jahr diskutiert die Fachkommission Transportversicherung regelmässig über mögliche Massnahmen», sagt Reto Frei, Leiter Transport-Versicherung bei der Bâloise und Kommissions Co-Präsident.

Im Zentrum steht dabei die Angst, dass eine Veränderung der internationalen Rechtslage sich auf die von den Schweizern angebotenen Gütertransportversicherungen auswirken könnte. Würden die internationalen Gerichte eine gerechtere Verteilung der Piraterie-Risiken anstreben, um die Reeder zu entlasten, so könnten nebst Reedereien auch Exporteure und Importeure zur Kasse gebeten werden. Diese würden sich dann auf ihre Deckung bei der Warenversicherung berufen. Dies könnte bei den Schweizer Versicherern wie Axa Winterthur, Zurich oder Bâloise eine Kostenlawine auslösen.

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