Umweltkatastrophe: «Schweizer Reederei soll Verantwortung tragen»
Aktualisiert

Umweltkatastrophe«Schweizer Reederei soll Verantwortung tragen»

Während Freiwillige und Einsatzkräfte die Nordseestrände von angeschwemmtem Frachtgut weitgehend gesäubert haben, bleibt die Schweizer Reederei MSC auffällig ruhig.

von
Zora Schaad
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Das niederländische Militär beteiligt sich an den Aufräumarbeiten auf der westfriesischen Insel Schiermonnikoog.

Das niederländische Militär beteiligt sich an den Aufräumarbeiten auf der westfriesischen Insel Schiermonnikoog.

AFP/Remko de Waal
Der Frachter MSC Zoe hatte vergangene Woche auf dem Weg von Antwerpen nach Bremerhaven die Container verloren, unter ihnen zwei mit gefährlicher Ladung.

Der Frachter MSC Zoe hatte vergangene Woche auf dem Weg von Antwerpen nach Bremerhaven die Container verloren, unter ihnen zwei mit gefährlicher Ladung.

Getty Images/David Hecker
«Einer der beiden verlorenen Container enthält deutlich mehr gesundheitsschädliche Chemikalien, als bisher öffentlich bekannt war. Das Havariekommando hat die Gefahreninformationen für die beteiligten Einsatzkräfte entsprechend anpassen müssen», so der Greenpeace-Chemiker Manfred Santen.

«Einer der beiden verlorenen Container enthält deutlich mehr gesundheitsschädliche Chemikalien, als bisher öffentlich bekannt war. Das Havariekommando hat die Gefahreninformationen für die beteiligten Einsatzkräfte entsprechend anpassen müssen», so der Greenpeace-Chemiker Manfred Santen.

Daniel Müller/Greenpeace

Nach der Havarie des Frachters MSC Zoe in der Nordsee ist der grösste Teil der über Bord gegangenen Container auf dem Meeresboden geortet worden. 220 der rund 270 Behälter habe man mit Sonartechnik lokalisiert, teilte das niederländische Ministerium für Infrastruktur und Wasserwirtschaft in Den Haag mit.

Während die Schweizer Reederei MSC beteuert, alle Kosten für Säuberung und Bergung der Strände zu übernehmen und rasch zu handeln, kritisieren Einsatzkräfte, dass das Unternehmen vor Ort auffällig unsichtbar bleibe. Der niederländische Militärkommandant Paul van der Touw, der mit seiner Truppe zum Räumen auf eine Wattenmeerinsel geschickt wurde, äusserte gegenüber Radio SRF den Verdacht, dass sich die Schweizer Reederei die Kosten für eine teure Reinigung sparen wolle, solange all die freiwilligen Helfer die Strände gratis aufräumten. MSC dementiert auf Anfrage von 20 Minuten und hält fest, sie hätten sofort Reinigungsfirmen aufgeboten. Zurzeit sei MSC ausserdem daran, abzuklären, ob die Ladung möglicherweise unzureichend gesichert war.

«Öffentlich hinzustehen ist das Mindeste»

Auch Yves Zenger von Greenpeace wünscht sich von MSC entschlosseneres Handeln: «MSC darf sich nicht wegducken und muss die volle Verantwortung übernehmen. Jetzt öffentlich hinzustehen, wäre das Mindeste. Die Reederei ist in der Pflicht, die Container und das Treibgut zu bergen und fachgerecht zu entsorgen. Das Meer ist keine Müllkippe.»

Zengers deutscher Greenpeace-Kollege Manfred Santen, der als Chemieexperte auf der Ostseeinsel Borkum im Einsatz ist, ist besonders besorgt über die Auswirkungen der Havarie für die Umwelt. «Über kurz oder lang geht jeder Container auf. Das als besonders empfindlich geltende Wattenmeer wird noch Jahre oder Jahrzehnte an den Folgen leiden.»

Gefahrengutcontainer mit giftigen Chemikalien über Bord

Besonders viel Kopfzerbrechen machen dem Chemiker die beiden ebenfalls über Bord gegangenen Gefahrengutcontainer. «Einer der beiden verlorenen Container enthält deutlich mehr gesundheitsschädliche Chemikalien, als bisher öffentlich bekannt war. Das Havariekommando hat die Gefahreninformationen für die beteiligten Einsatzkräfte entsprechend anpassen müssen.»

Das für die Kunststoffproduktion verwendete chemische Gemisch bestehe zu 50 Prozent aus Weichmachern, die das Hormonsystem schädigen, die männliche Fortpflanzungsfähigkeit beeinträchtigen und sogar ungeborene Kinder im Mutterleib gefährden können. «Die Gefahr besteht, dass die Weichmacher wie auch der Mikroplastik nicht nur die Meeresorganismen schädigen, sondern auch in die Nahrungskette des Menschen gelangen.»

Fische könnten Verätzungen erleiden

Von einem zweiten Gefahrengutcontainer mit 1400 Kilo Lithium-Batterien fehlt nach wie vor jede Spur. Säuren und Schwermetalle können aus den Batterien austreten und im Kontakt mit Wasser eine chemische Reaktion auslösen, so Manfred Santen. Auch wenn sich die Säure im Wasser schnell neutralisiere, könnten vorbeischwimmende Fische Verätzungen erleiden.

Suche wegen Sturm unterbrochen

Die Suche nach den Containern der MSC Zoe kann wegen eines Sturms frühestens am Dienstag fortgesetzt werden. In der Nacht zum Dienstag sei mit Windstärken von bis zu elf Beaufort und schlechter Sicht zu rechnen, begründete das deutsche Havariekommando in Cuxhaven die Entscheidung.

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