Streit ums Poulet: Schweizer schalten beim Chinoise das Hirn aus

Aktualisiert

Streit ums PouletSchweizer schalten beim Chinoise das Hirn aus

Behörden warnen vor Fondue chinoise und verärgern damit Bürger und Beizer. Dass viele beim Zubereiten die Hygieneregeln vergessen, ist wissenschaftlich erwiesen.

von
G. Brönnimann
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Eine prachtvolle Fondue-chinoise-Tafel. Aber Vorsicht: Auf dem Teller ist das Pouletfleisch mit allen anderen Fleischsorten gemischt, es bleibt kaum Platz für andere Zutaten. Es besteht tendenziell die Gefahr der Vermischung von Beilagen und Saucen mit rohem Geflügelfleisch.

Eine prachtvolle Fondue-chinoise-Tafel. Aber Vorsicht: Auf dem Teller ist das Pouletfleisch mit allen anderen Fleischsorten gemischt, es bleibt kaum Platz für andere Zutaten. Es besteht tendenziell die Gefahr der Vermischung von Beilagen und Saucen mit rohem Geflügelfleisch.

Dominique Meienberg
Noch ein schlechtes Beispiel: Pouletfleisch und Rindfleisch aus demselben Teller, und nur ein Speiseteller, wo sich wiederum alles mischen und gegenseitig kontaminieren könnte.

Noch ein schlechtes Beispiel: Pouletfleisch und Rindfleisch aus demselben Teller, und nur ein Speiseteller, wo sich wiederum alles mischen und gegenseitig kontaminieren könnte.

zvg/Angela Bearth
Vorbildlich: Das Fleisch separiert  und kleine, separate Teller für das rohe Pouletfleisch für alle Gäste. So kommt kein rohes Hühnerfleisch mit den Saucen und Beilagen in Kontakt. Alle anderen wichtigen Hygieneregeln finden Sie in der Info-Box des Artikels.

Vorbildlich: Das Fleisch separiert und kleine, separate Teller für das rohe Pouletfleisch für alle Gäste. So kommt kein rohes Hühnerfleisch mit den Saucen und Beilagen in Kontakt. Alle anderen wichtigen Hygieneregeln finden Sie in der Info-Box des Artikels.

zvg/Angela Bearth

Die Warnung des St. Galler Amtes für Verbraucherschutz sorgte für Wirbel: Die Behörden raten «eindringlich davon ab, rohes Geflügelfleisch auf den Tisch zu stellen, sei es für Fondue chinoise, Mongolentopf, Partygrill oder vergleichbare Tafelrunden.» Die weihnächtliche Poulet-Verbannung geriet vielen Lesern in den falschen Hals: «Man sollte uns vor den Behörden warnen!», witzelte etwa José Huertas. Doch es gab auch andere Stimmen. Martina Vogler schrieb: «Das Problem ist nicht das Poulet, sondern der Bürger.»

Damit hat Frau Vogler sogar recht. Denn dass Schweizer beim Fondue-chinoise-Schmaus ihr Hirn ausschalten und die Hygieneregeln gerne vergessen, ist wissenschaftlich erwiesen. ETH-Forscherin Angela Bearth, die in Risikokommunikation im Foodbereich an der ETH Zürich doktorierte, hat eine Studie über das Risikobewusstsein und den praktischen Umgang mit Geflügel in Schweizer Küchen und an Schweizer Tischen veröffentlicht. Resultat: Das Wissen über die Gefahren des Campylobacter-Bakteriums und die Massnahmen für den korrekten hygienischen Umgang für optimale Lebensmittelsicherheit ist bei den meisten vorhanden. Aber ausgerechnet bei speziellen Anlässen – konkret dem Fondue-chinoise-Schmaus – zeigte die Studie, dass die Leute ihr Wissen nicht umsetzen.

Vorsichtige dürfen das Huhn auf den Tisch stellen

Weshalb ausgerechnet beim Weihnachtsschmaus die Hygieneregeln ganz weit hinten im Kopf verstaut werden, ist unklar. «Vielleicht liegt es an der Tradition: Man macht es einfach so, wie man es schon lange aus der Familie gewohnt ist», sagt Bearth. «Dabei wäre es wichtig, dass die Hygieneregeln auch hier eingehalten werden.»

Doch ist es überhaupt nötig, das Hühnerfleisch vom Tisch zu verbannen? Laut Bearth reicht die Einhaltung aller Hygiene-Regeln und das Trennen des Pouletfleisches auf separaten Tellern. Auch das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen BLV bestätigt: «Wenn die Hygieneregeln beachtet werden, kann eine Infektion vermieden werden.» Das Poulet, so das BLV, dürfe dann auch auf den Tisch.

St. Galler Warnung verärgert Handel und Gastro

Bei Detailhändlern ist man nicht erfreut über die St. Galler Warnung über des Schweizers liebsten Weihnachtsschmaus. Die Migros «hält nichts» von den Vorschlägen der festtäglichen Pouletverbannung, wie Sprecherin Martina Bosshard mitteilt. Die Migros halte es für möglich, dass die Warnung die Leute verunsichere und deswegen weniger Fondue chinoise gekauft werde. Bosshard: «Es gibt keinen Grund, auf Pouletfleisch zu verzichten. Wir informieren selber sehr aktiv zu den Hygienemassnahmen.» Auf allen Verpackungen stünden entsprechende Hinweise und das Personal bei den Fleischtheken sei sehr gut geschult.

Coop befürchtet zwar keine Fondue-Panik. Doch auch Sprecher Urs Meier betont, dass das Personal geschult sei und dass überall über die nötigen Massnahmen informiert werde. Meier: «Wir alle wissen, dass man im Umgang mit rohem Geflügel vorsichtig sein muss. Wenn man sich an die einfachen Hygieneregeln hält, steht dem festlichen Chinoise-Genuss nichts im Wege.»

Das Gastro-Gewerbe zeigt sich ebenfalls verstimmt. Es gebe «nichts gegen den Genuss von Geflügel einzuwenden», solange die Hygienerichtlinien beachtet würden, sagt der Branchenverband Gastrosuisse. Dafür gebe es verbindliche Standards in der Branche. «Negative Meldungen rund um die Ernährung bergen immer ein Risiko für Verunsicherung und damit für Umsatzeinbussen – auch im Gastgewerbe», so der Verband weiter.

Die Hygieneempfehlungen für Fondue chinoise

Laut Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen BLV gibt es für ein Fondue chinoise ohne ungewollte Nebenwirkungen zwei grundlegende Regeln zu beachten:

1. Bei der Zubereitung soll ein Schneidebrett und ein Messer für den Salat und Rohkost verwendet werden. Für die Zubereitung von rohem Fleisch und Fisch muss ein anderes Schneidebrett und ein anderes Messer benutzt werden.

2. Beim Essen soll immer ein Teller für das rohe Fleisch und ein anderer für das Gekochte und die Saucen verwendet werden. Grundsätzlich gilt, dass das rohe Fleisch auf keinen Fall in Kontakt mit anderen Lebensmitteln kommen darf.

Die ausführlichen Hygieneempfehlungen des BLV finden Sie hier (PDF).

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