Aktualisiert 15.01.2015 14:57

Harsche internationale Reaktionen

«Schweizer Schock» – «Jordan entlassen?»

Der überraschende Entscheid der Schweizer Nationalbank hat weltweit ein Erdbeben an den Börsen ausgelöst. So reagiert die internationale Presse.

von
gbr
1 / 4
SP-Ständerat Roberto Zanetti, Präsident der ständerätlichen Wirtschaftskommission, sagt: «Ferien in der Schweiz werden nun für ausländische Touristen um 20 Prozent teurer. Dieses einfache Beispiel zeigt, wie fatal die Aufhebung des Mindestkurses für den ganzen Werkplatz Schweiz ist.»

SP-Ständerat Roberto Zanetti, Präsident der ständerätlichen Wirtschaftskommission, sagt: «Ferien in der Schweiz werden nun für ausländische Touristen um 20 Prozent teurer. Dieses einfache Beispiel zeigt, wie fatal die Aufhebung des Mindestkurses für den ganzen Werkplatz Schweiz ist.»

Keystone/Gian Ehrenzeller
CVP-Präsident Christophe Darbellay: «Unsere Exportindustrie ist im Moment zwar fit. Aber das ist ein Schock, der nicht unterschätzt werden darf.»

CVP-Präsident Christophe Darbellay: «Unsere Exportindustrie ist im Moment zwar fit. Aber das ist ein Schock, der nicht unterschätzt werden darf.»

Keystone/Lukas Lehmann
SVP-Nationalrat Thomas Matter: «Das ist ein sehr mutiger Schritt von der SNB, Hut ab!»

SVP-Nationalrat Thomas Matter: «Das ist ein sehr mutiger Schritt von der SNB, Hut ab!»

Keystone/Lukas Lehmann

Die Schweizer Nationalbank (SNB) hob am Donnerstag überraschend den Euro-Mindestkurs von 1,20 Franken auf, der seit September 2011 galt. Die Devisenkurse reagierten extrem und die Schweizer Börse erlebte einen massiven Abtaucher. Auch die internationalen Finanzmärkte sind stark betroffen.

Die Reaktionen lassen nicht auf sich warten – und sie fallen nicht nur freundlich und verständnisvoll aus. «Thomas Jordan entlassen?», titelt die «Financial Times» auf ihrem Finanzblog und zitiert aus einer Einschätzung von JP Morgan.

Die Investmentbank hält fest, der Entscheid der SNB wäre ohne den Gewinn von 38 Milliarden Franken von letzter Woche gar nicht möglich gewesen, denn: «Die SNB wäre durch die Entkoppelung bankrott gegangen, hätte sie diesen Profit nicht gemacht.» Das Überraschende sei aber die Art des Vorgehens der SNB: «Sie hat das einfach nicht abgesprochen.»

«Extrem und absolut unerwartet»

Deshalb kommt der FT-Autor zu folgender Einschätzung: «Ja, das Vorgehen ist nachvollziehbar – aber ist es die Art des Vorgehens? Jordan hat noch im Dezember gesagt, dass die Verteidigung des Frankenkurses von 1,20 Franken gegen den Euro ‹absolut nötig› sei. Da gibt es viel böses Blut. Wie es Sebastien Galy von der Société Générale sagt: Der Schaden wird sehr wahrscheinlich gross sein, denn der Markt war strukturell genau nicht auf diesen Fall ausgerichtet.»

«Das ist extrem und absolut unerwartet, die Nationalbank hat den Markt nicht vorbereitet», bemängelt auch Alexandre Baradez, Chief Market Analist bei IG Frankreich, gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. «Das verbreitet Panik bei allen Anlageklassen. Und es führt zu einer Wiederbelebung von möglichen Fehlentscheiden der Zentralbanken, und zwar genau zu dem Zeitpunkt, wo die Zentralbanken doch die Aktienmärkte am Laufen halten.»

Experten sehen Schweizer Wirtschaft in Gefahr

Auch für die Schweizer Wirtschaft zeichnen erste Artikel ein eher schwarzes Bild. Philip Inman vom «Guardian» schreibt: «Die Industrie im Norden der Schweiz wird den Schlag wohl als Erstes zu spüren bekommen, weil deren Exporte nach Deutschland und in andere Länder der Eurozone teurer werden.» Finanzexperte Julien Manceaux von ING Financial Markets sagt dagegen, dass die gleichzeitige Zinssenkung «den Appetit auf Franken als sichere Anlage limitieren und so einen negativen Schock auf die Schweizer Wirtschaft verhindern wird». Doch auch Manceaux ist nicht sicher, wie lange das der Fall sein wird: «Ob das nach dem Treffen der EZB am 22. Januar noch der Fall sein wird, bleibt abzuwarten.» «Guardian»-Autor Larry Elliott schreibt zwar, es sei wohl klar, dass die SNB darüber informiert sei, dass die EZB nächste Woche ein Quantitative-Easing-Programm verkünde, kommt aber trotzdem zum düsteren Schluss: «Wenn die SNB die am Donnerstag angekündigte Politik weiterführt, wird sie die Wirtschaft zerstören. Es wird nicht allzu lange dauern, bis sie wieder aktiv Euro kauft.»

Auch die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» zitiert mehrheitlich kritische Stimmen. «Es passiert nicht jeden Tag, dass eine Notenbank einfach einer Währung den Boden unter den Füssen wegzieht», sagt Chris Beauchamp, Marktanalyst bei IG Markets. Es herrsche «Angst, dass etwas Grösseres bevorsteht». Laut VP-Bank setze die SNB gar ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel. Die Bank bezweifelt, dass Schweizer Unternehmen mit den aktuellen Eurokursen klarkommen, und erwartet, dass der Franken mittelfristig wieder abgewertet werde. Sie empfiehlt, Aktien nicht in Panik zu verkaufen.

Zudem schreibt die FAZ, dass auch die Goldinitiative eine Rolle gespielt haben dürfte: «Die Bevölkerung zeigt gegenüber dem Aufbau hoher Euro-Fremdwährungsbestände Skepsis. Dies war ein Nebeneffekt der Verteidigung des Frankens. Letztlich habe die SNB damit auch ein Legitimationsproblem gehabt», so die Zeitung.

Glaubwürdigkeit der SNB ein Thema

Auch die Wirtschaftswebsite Marketwatch thematisiert das Vorgehen der SNB: Sie nennt es einen «Schock-Entscheid» und zitiert Vasileios Gkionakis, Währungsstratege bei UniCredit: «Das ist eine ganz deutliche Abweichung von der bisherigen Rhetorik, ‹die Untergrenze mit der grössten Entschlossenheit› zu verteidigen. Ich mache mir mittelfristig Sorgen um die Glaubwürdigkeit der SNB ... der Sprachwechsel kam sehr abrupt.»

«Für den Markt war das ein Erdbeben», sagt George Buckley, Ökonom der Deutschen Bank, gegenüber Bloomberg. Mit der Aufgabe des Mindestkurses habe die Schweizer Nationalbank «ihr wichtigstes Werkzeug im Werkzeugkasten zum Schutz der Wirtschaft gegen die Schuldenkrise der Eurozone weggeworfen», schreibt das Wirtschaftsportal.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.