«Zu extrem»: Schweizer Segelprofi kritisiert America's Cup
Aktualisiert

«Zu extrem»Schweizer Segelprofi kritisiert America's Cup

Noch immer warten die Fans auf ein richtiges Rennen am America's Cup. Der Schweizer Segelprofi Christian Scherrer, der den Pokal mit Alinghi gewonnen hat, stellt die aktuelle Austragung in Frage.

von
S. Compagno

Wie schon am Sonntag segelte Team New Zealand auch am Dienstag alleine auf dem Kurs des 34. America's Cup in der San Francisco Bay. Während der italienische Herausforderer Luna Rossa aus Protest gegen kurzfristige Regeländerungen am Sonntag nicht segeln wollte, war das schwedische Artemis-Team nicht dazu in der Lage. Die Schweden hatten im Mai bei einem schweren Trainingsunfall erlitten, bei dem der britische Olympiasieger Andrew Simpson ums Leben kam. Gleichzeitig wurde ihr Katamaran schwer beschädigt.

Artemis baut fieberhaft an einem neuen Boot – nach Auskunft von CEO Paul Cayard soll es in frühestens zehn Tagen einsatzbereit sein. Da das Reglement keine Forfait-Siege vorsieht, musste Team New Zealand also auch dieses Geisterrennen fahren. Am Donnerstagabend könnte es gar zu einer Premiere in der 162-jährigen Geschichte des America's Cup kommen: ein Matchrace zwischen Artemis (kann nicht) und Luna Rossa (will nicht) – ganz ohne Teilnehmer. Der Protest des italienischen Herausforderers ist nach wie vor hängig.

«Technologisch herausragend»

Der Schweizer Profi-Segler Christian «Blumi» Scherrer hat viermal am America's Cup teilgenommen, 2003 gewann er ihn mit Alinghi. Heute segelt der 43-jährige Winterthurer weiterhin Hochsee- und Grand-Prix-Regatten und baut mit seiner Firma «bluboats» elegante Sportyachten für Binnengewässer.

Oracle-Crash beim America's Cup

Die aktuelle, von Oracle-Boss Larry Ellison und seinem CEO Russell Coutts in eine völlig neue Dimensionen geführte Ausgabe betrachtet er kritisch: «Technologisch sind die Katamarane herausragend. Das sind ‹Hammer-Geräte›. Aber es stellt sich schon die Frage, ob man bei der Konzeption zu weit gegangen ist.» Der America's Cup sei kein Wettbewerb, wer die verrücktesten Boote baue, sondern ein Wettkampf, in dem mehrere Yachten gegeneinander segeln sollen, so Scherrer: «Und das ging offensichtlich in die Hose.» sein knappes Urteil zum 34. America's Cup: «zu extrem!»

Yachten «fliegen» dank Tragflächen

Zu extrem sind die Kosten für die Hightech-Katamarane: Die Budgets liegen jenseits der 100-Mio-Dollar-Grenze. Deshalb haben sich auch nur drei Herausforderer gemeldet. Zu extrem ist auch der Parcours in der San Francisco Bay: Er ist eng, viel enger als in den bisherigen Austragungen, dazu durch die Wind- und Strömungsbedingungen in der Bucht sehr schwierig zu segeln. Vor allem in Kombination mit solchen Katamaranen. Zu extrem ist aber auch das Konzept der Boote.

Und dafür wiederum ist Herausforderer Team New Zealand verantwortlich: Die Kiwis brachten als erste Tragflächen an ihrem Katamaran an. Sie heben die Yacht ab rund 30 Knoten praktisch vollständig aus dem Wasser. Mit dieser Konstruktion nutzten die Neuseeländer eine Lücke im Regelwerk und zwangen die Konkurrenz nachzuziehen.

«Pushen bis ans Limit»

«Das Reglement beabsichtigte sicher nicht, die Boote fliegen zu lassen», sagt Scherrer. »Aber so läuft es im America's Cup: Du gibst den Designern und den Seglern ein Regelwerk – und dann wird gepusht bis ans Limit.» Und manchmal auch darüber hinaus – wie der Tod von Andrew Simpson zeigt.

Die erste Wettfahrt am Sonntag, die Tea New Zealand wegen des Boykotts von Luna Rossa alleine bestreiten musste. (Quelle: YouTube.com/America's Cup)

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