Ungleiche Einkommen: Schweizer sind so reich wie nie zuvor
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Ungleiche EinkommenSchweizer sind so reich wie nie zuvor

In der Schweiz leben über 12'000 Personen mit einem Jahresgehalt von mehr als einer halben Million Franken. Das sind über sieben Mal mehr als vor 30 Jahren.

Gut betucht: Eine Frau im Pelzmantel in St. Moritz.

Gut betucht: Eine Frau im Pelzmantel in St. Moritz.

Die Schweiz ist so reich wie nie zuvor - rund 170'000 Franken erwirtschaftete jede berufstätige Person in der Schweiz vergangenes Jahr im Schnitt. Das zeigt eine neue Analyse des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB). Um auf die 170'000 Franken zu kommen, hat der SGB das Bruttoinlandprodukt - es entspricht der Schweizer Wirtschaftsleistung - durch die theoretische Anzahl an Vollzeitstellen geteilt.

Trotz des grossen Betrags sind die Gewerkschafter unzufrieden: Die Einkommen seien sehr unterschiedlich verteilt. In den letzten 20 Jahren hätten aber Topverdiener, Aktionäre und Arbeitgeber ein immer grösseres Stück des gestiegenen Wohlstandes für sich beansprucht, sagte SGB-Chefökonom Daniel Lampart am Dienstag vor den Medien in Bern. Viele Berufstätige würden dagegen nahezu leer ausgehen.

Berufstätige mit tiefen Einkommen nur mit 3 Prozent mehr Lohn

Die Zahl der «Lohnmillionäre» sei seit den 1980er Jahren von rund 200 auf heute über 2500 gestiegen. Die Löhne der Topverdiener (oberste 10 Prozent) hätten in den letzten zehn Jahren um 15 Prozent zugenommen. Berufstätige mit tiefen Einkommen (unterste 10 Prozent) hätten hingegen nur 3 Prozent mehr Lohn als noch vor zehn Jahren.

Und diese geringen Lohnfortschritte würden durch die Steuer- und Abgabepolitik zu einem grossen Teil zunichte gemacht. Denn von den Steuersenkungen in den letzten Jahren hätten vor allem die Gutverdienenden profitiert. Die Abgaben, insbesondere die Kopfprämien der Krankenkassen-Versicherungen, würden hingegen Haushalte mit tiefen und mittleren Einkommen besonders stark belasten.

Nach Abzug von Steuern, Prämien und Mieten bleibe heute vielen Haushalten nur wenig mehr Geld übrig als vor über zehn Jahren, so Lampart.

Sorgen bereitet den Gewerkschaftern auch, dass die Stressbelastung von Berufstätigen und die Arbeitsplatzunsicherheit gestiegen sind. Zudem würden viele unfreiwillig nur Teilzeit arbeiten und die Lage älterer Arbeitnehmer werde zunehmend schwierig. Auch von der Lohngleichheit von Frauen und Männern sei die Schweiz noch immer weit entfernt.

«Wirtschaftspolitische Wende»

«Die Schweiz braucht eine wirtschaftspolitische Wende», forderte SGB-Präsident Paul Rechsteiner. Der Gewerkschaftsbund wolle am Kongress vom kommenden Donnerstag und Freitag die Weichen stellen gegen die «wirtschafts- und sozialpolitischen Fehlentwicklung».

Grossen Handlungsbedarf sieht Rechsteiner bei den Prämienverbilligungen. Hier brauche es eine substanzielle Aufstockung. Der SGB-Kongress werde dazu einen konkreten Vorschlag verabschieden. Die Prämienverbilligungen hätten mit der Prämienentwicklung nicht Schritt gehalten. In verschiedenen Kantonen seien die Verbilligungen sogar gekürzt worden.

Rechsteiner wiederholte zudem bereits früher gemachte Forderungen des SGB nach mehr Gesamtarbeitsverträgen (GAV) und nach Kontrolleuren, welche die Lohndiskriminierung von Frauen in Firmen überprüften. (sda)

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