Skype-Gründer: «Schweizer sind zu träge für Start-ups»

Aktualisiert

Skype-Gründer«Schweizer sind zu träge für Start-ups»

Er hat in über 100 Firmen investiert und war 2009 pleite. Der dänische Unternehmer Morten Lund erklärt, was es für den Erfolg eines Start-ups braucht.

von
K. Wolfensberger

Herr Lund, ist die Schweiz ein guter Ort für Start-ups?

Grundsätzlich ist jedes Land gut für Jungunternehmen. Ich glaube aber, die Schweiz hat ein Problem. Es gibt hier zu viel Geld, fast gar keine Arbeitslosigkeit. Das ist grundsätzlich gut, aber schlecht für Start-ups. Denn es macht die Leute träge. Die besten Start-ups entstehen dort, wo die Leute wissen, es geht um alles oder nichts.

Wo haben die Gründer Nachholbedarf?

Die Schweizer verkaufen sich zu schlecht. Auch wir Dänen sind darin nicht besonders gut – ganz im Gegensatz zu den Amerikanern. Sie sind die besten Verkäufer. Bei der Schweiz ist wohl die Tradition als Finanzplatz das Problem. Höchstes Prinzip ist Diskretion und Verschwiegenheit. So wird man nie zum extrovertierten Verkäufertyp.

Wie schlimm sind Misserfolge für Jungunternehmer?

Eigentlich überhaupt nicht. Alles was man heute braucht, um eine Firma zu gründen, ist eine Garage und ein bisschen Computer-Hardware. Wenn man pleitegeht: Pech! Man sollte es einfach erneut versuchen. Risikokapitalgeber sind heute gerne bereit, in verrückte Ideen zu investieren. Früher war das anders. Ging eine Firma pleite, bedeutete dies viel grössere Verluste, zum Beispiel an Infrastruktur. Ganze Fabriken standen dann leer. Heute kann man in seiner Garage einfach wieder eine neue Firma gründen.

Sie selbst sind ja schon gescheitert. Nach ihrem Grosserfolg mit Skype haben sie sich als Medienunternehmer versucht. Sie gaben in Dänemark eine Gratiszeitung heraus und sind gescheitert – Warum?

Unser Geschäftsmodell war super. Das Problem war die Finanzkrise. Niemand wollte mehr Geld für Anzeigen ausgeben. Das hat uns fertiggemacht. Sonst hätten wir alle anderen Zeitungen einfach weggefegt. Wir waren kurzzeitig sogar die Nummer eins im Anzeigenverkauf. Dann ging uns einfach irgendwie die Luft aus. Wir mussten sagen: ‹Fuck, das wars!›

Ist es nicht etwas zu einfach, nur der Finanzkrise die Schuld zu geben?

Ich möchte die Schuld nicht abschieben. Wir hatten halt keine Kriegskasse für schwierige Zeiten. Und es geschieht in der Geschäftswelt, dass äussere Umstände zu unvorhergesehenen Problemen führen. Niemand sah die Finanzkrise kommen. Und plötzlich verdienten wir halt nichts mehr.

Sind Gratiszeitungen trotzdem ein gutes Geschäftsmodell? – 20 Minuten ist damit sehr erfolgreich.

Hm, schwierig zu sagen. Die Zukunft ist definitiv online und nicht Print. Auch im Gratisbereich. Ich denke nicht, dass die Printzeitungen überleben. Junge Leute nehmen in Zukunft immer lieber das Smartphone als die gedruckte Zeitung zur Hand. Und ich bin froh, bin ich nicht mehr in der Medienbranche tätig (lacht).

Wo engagieren Sie sich in Zukunft eher? In der Finanzbranche?

Ja. Deshalb bin ich auch an Tradeshift beteiligt, einem sozialen Netzwerk für Unternehmen, mit dem das Austauschen von Rechnungen in digitaler Form ermöglicht wird. Ich bin ebenfalls an verschiedenen Mikrofinanz-Unternehmen beteiligt. Muhammad Yunus, der Gründer der Grameen Bank, ist mein grosses Vorbild. Mein aktuelles Lieblingsprojekt ist allerdings Airhelp.

Airhelp?

Eine Firma, die ich 2013 mitgegründet habe. Wir helfen verärgerten Fluggästen beim Einfordern von Entschädigungen für Verspätungen und Annullationen. Dazu haben wir ein System entwickelt, das Airlines im Namen der Passagiere verklagt. Falls die Fluggesellschaft die Beschwerde anerkennt, vermittelt Airhelp das Entschädigungsgeld an den Passagier – abzüglich einer Bearbeitungsgebühr, die 25 Prozent der Entschädigung beträgt.

Wie kamen Sie auf diese Idee?

So, wie man es erwarten würde. Ich sass am Flughafen, mein Flug hatte Verspätung und ich war furchtbar wütend. Als mich die Airline dann mit einem billigen Voucher abspeisen wollte, war mir klar: Hier muss man Gegensteuer geben.

Ist es in den aktuellen Zeiten nicht schwierig, Erfolg zu haben, auch wenn die Idee gut ist?

Schauen Sie: Die aktuelle Krise verwenden die Unternehmen doch einfach als Ausrede, um möglichst viele Leute zu entlassen. Seien wir ehrlich. In jeder Firma gibt es eine Menge Angestellte, die es nicht wirklich braucht. In Krisenzeiten sagt sich das Management dann: Jetzt ist der ideale Zeitpunkt diese Personen zu entlassen. Die Krise ist die beste Ausrede für Entlassungen.

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