Allein glücklich: Schweizer Singles mischen Immo-Markt auf

Aktualisiert

Allein glücklichSchweizer Singles mischen Immo-Markt auf

Die Zahl der Single-Haushalte in der Schweiz schiesst in die Höhe. Das verteuert die Wohnungspreise und kann Gesundheitskosten verursachen, sagen Experten.

von
S. Heusser
Schlange stehen für die Single-Wohnung: Wohnungsbewerber in der Schweiz.

Schlange stehen für die Single-Wohnung: Wohnungsbewerber in der Schweiz.

Immer mehr Schweizer wohnen allein: Ganze 36.4 Prozent der Privathaushalte in der Schweiz waren im Jahr 2010 Single-Haushalte - das heisst, Haushalte in denen nur eine einzelne Person wohnt. Dies schreibt das Bundesamt für Statistik (BFS) in einer neuen Studie. Zum Vergleich: 1980 waren es lediglich 28.9 Prozent. International rangiert die Schweiz aktuell auf Platz drei. Nur in Schweden (47 Prozent) und Deutschland (39 Prozent) liegt der Anteil der Einpersonen-Haushalte höher.

Verändert hat sich auch der Wohnflächenbedarf pro Kopf: Kam eine Person in der Schweiz 1980 mit 34 Quadratmetern aus, bewohnte sie 2010 bereits 48 Quadratmeter. Dass so viele Menschen allein wohnen, sei neu und «der grösste soziale Wandel in den letzten 60 Jahren», sagt der Soziologe Eric Klinenberg in einem ZEIT-Artikel. Doch das veränderte Wohnbedürfnis der Schweizer hat weitreichende Auswirkungen auf Sozialleben und Immobilienmärkte in den Städten.

«Cluster-Wohnungen»: Allein in Gesellschaft

Basel-Stadt führt die Statistik der Schweizer Single-Haushalte an: Beeindruckende 47.8 Prozent aller Stadtwohnungen wurden 2010 von Einzelpersonen bewohnt. Am Wohnungsmarkt der Stadt ging dies nicht spurlos vorbei. So sind die durchschnittlichen Mietzinsen in Basel-Stadt seit dem Jahr 2000 um 17 Prozent angestiegen (schweizweit 18.7 Prozent). Für Regula Küng, Leiterin der Kantons- und Stadtentwicklung Basel-Stadt ist klar: «Die gestiegene Nachfrage nach Wohnungen hat zum Teil damit zu tun, dass immer mehr Menschen in Single-Haushalten wohnen wollen.»

Die besten Tricks zur Wohnungssuche

Trotz der Entwicklung gab der Bundesrat letzte Woche bekannt, auf flankierende Massnahmen verzichten zu wollen. Er will stattdessen bestehende Förderprogramme ausbauen und den gemeinnützigen Wohnungsbau stärken.

Helfen könnten zukünftige Wohnformen, glaubt Küng: «In sogenannten ‹Cluster-Wohnungen› gibt es kleine Privatbereiche, die als eigene Wohnungen funktionieren, aber mit einem grossen Gemeinschaftsbereich verbunden sind.» Dies könne helfen, die ökonomischen und sozialen Folgen einer «Versingelung» abzufedern. «In ‹Cluster-Wohnungen› kann man allein sein, muss aber trotzdem nicht auf Gesellschaft verzichten.»

Depression und Porno-Sucht

Wer in seiner eigenen Wohnung die Beziehungspflege zu anderen Menschen gänzlich unterlässt, läuft hingegen Gefahr, einsam zu werden, sagt Psychologe Thomas Steiner. «Bei längerer Einsamkeit können Depression und Suchtverhalten wie Alkoholismus oder Porno-Sucht die Folge sein.»

Diese Gefahren würden vor allem bei länger andauernder Einsamkeit zunehmen. In diesem Fall wäre dann die Gesellschaft gefragt, den Einsamen zu helfen, da es diesen erfahrungsgemäss kaum möglich sei, sich selber zu helfen. Da aber nur ein kleiner Anteil der Alleinwohnenden sich zu einsamen Menschen entwickle, sei wegen des «Alleinwohn-Trends» nur ein unwesentlicher Anstieg der Gesundheitskosten zu befürchten, sagt Steiner.

Twitter, Skype & Co.

Die Ursachen der Entwicklung sieht der Soziologe Eric Klinenberg vor allem in der erhöhten wirtschaftlichen Sicherheit und dem Ausbau des Sozialstaats: «Dies führt dazu, dass wir nicht mehr auf die Einkommen eines Partners oder einer Partnerin angewiesen sind.» Der Eintritt der Frauen in den Arbeitsmarkt sei eine Zäsur gewesen. Erst dadurch seien Frauen nicht mehr auf ihre Männer angewiesen gewesen. Weiter habe dies einen Einfluss auf Familiengründung, Heiratsalter und Scheidungsraten gehabt. Auch die Kommunikationsrevolution habe dazu geführt, dass die Schweiz heute eine der höchsten Anteile an Einpersonen-Haushalte weltweit besitzt: «Mit Handys, Skype und Twitter kann man allein zu Hause sein und ist doch ständig mit der Welt verbunden», sagt Klinenberg.

Er glaubt nicht, dass der Trend zu einer Zerstückelung der Gesellschaft führt. Im Gegenteil - gerade unsere Vernetzung ermögliche erst die Unabhängigkeit: «Weil wir so starke Bande haben, können wir es uns sozial und wirtschaftlich leisten, allein zu leben.»

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