Aktualisiert 02.12.2019 09:25

«Schere geht auf»Schweizer sparen so viel wie noch nie

Schweizer Haushalte können immer mehr sparen – mit Ausnahme der Wenigverdiener. Eine Schere geht auf, warnt ein Experte.

von
jk

Im Video sehen Sie, für welche Dinge ein durchschnittlicher Haushalt wie viel Geld ausgibt. (Video: jk)

Schweizer Haushalte sparen derzeit so viel wie noch nie: So lag der Mittelwert der monatlichen Sparbeträge pro Haushalt zwischen 2015 und 2017 bei 1460 Franken. Zum Vergleich: Zwischen 2006 und 2008 konnten die Haushalte im Schnitt 913 Franken zur Seite legen, wie Zahlen der neuesten Haushaltsbudgeterhebung des Bundesamts für Statistik (BFS) zeigen. Seit der erstmaligen Erhebung im Jahr 2000 ist er kontinuierlich gestiegen. Der Sparbetrag ergibt sich nach Abzug aller Lebenshaltungskosten vom Einkommen.

Grosse Unterschiede gibt es jedoch zwischen den verschiedenen Einkommensklassen. So beliefen sich die monatlichen Sparbeträge der obersten Einkommensklasse (Monatseinkommen ab 13'622 Franken) zwischen 2015 und 2017 auf knapp 4860 Franken. Bei den 20 Prozent der Haushalte mit dem tiefsten Einkommen – dazu zählen Haushalte, die weniger als 4'914 Franken pro Monat verdienen – ist genau das Gegenteil der Fall.

Wie viel Geld können Sie auf die Seite legen? Worauf sparen Sie? Oder haben Sie zu wenig Geld, um etwas auf die Seite zu legen? Wo versuchen Sie, weniger Geld auszugeben und wie kommen Sie über die Runden? Erzählen Sie uns davon! Ihre Angaben werden vertraulich behandelt.

Minus 706 Franken pro Monat

Diese Haushalte gaben in diesem Zeitraum sogar deutlich mehr aus, als sie einnahmen. Sie verzeichneten einen durchschnittlichen negativen Sparbeitrag von 706 Franken. Dieser Wert ist so tief wie nie seit Beginn der Erhebung im Jahr 2006.

Sébastian Mercier vom Verein Schuldenberatung Schweiz sagt: «Die Schere zwischen gut und schlecht Verdienenden geht auf. Die Mittelschicht schmilzt. Die Hälfte dieser Gruppe wird ärmer.» Viele seien gefährdet, sich zu verschulden und setzten sich dabei ernsthaften gesundheitlichen Risiken aus.

Schweizer sind Spar-Weltmeister

Dass die unterste Einkommensklasse nichts sparen kann und gar mehr ausgibt, als sie einnimmt, ist für den Ökonomen Marco Salvi von Avenir Suisse erklärungsbedürftig. «In der tiefsten Einkommensklasse befinden sich üblicherweise viele Junge. Sie sparen oft wenig, weil sie noch nicht erwerbstätig sind und ihre Ausbildungskosten decken müssen. Gleichzeitig aber können sie damit rechnen, später durch eine bessere Entlohnung und allfällige Erbschaften mehr Einkommen zu haben.»

Nicht überraschend sei aber, dass über alle Haushalte gesehen mehr gespart werde. Die Schweizer seien im Sparen sogar noch deutlich besser, als diese Zahlen implizierten, so Salvi: «Ein wesentlicher Teil der Ersparnisse, nämlich die Einzahlungen der Arbeitgeber in die Pensionskasse, sind in dieser Erhebung gar nicht mit einberechnet.» Die Schweizer seien – abgesehen von China – Spar-Weltmeister.

«Sparen heisst investieren»

Dass die Sparbeiträge in den letzten Jahren zunehmen, führt er nebst dem hohen Einkommensniveau auf die Alterung der Gesellschaft zurück. Im Laufe des Lebens wandere man bezüglich Einkommensklasse tendenziell nach oben. So seien viele 50- bis 60-Jährige schliesslich in der obersten oder den zwei obersten Einkommensklassen. «Das ist das Alter, in dem man auf die Pension spart, deshalb sind die Sparbeiträge hier besonders hoch», sagt Salvi.

Die Sparfreudigkeit der Schweizer sei eine ihrer Stärken: «Aus Sicht der Gesellschaft heisst sparen auch investieren. Das Geld liegt ja dann nicht einfach auf der Bank brach, so investiert die Schweiz beispielsweise viel ins Ausland.» Hohe Ersparnisse seien auf jeden Fall besser, als eine Gesellschaft, in der alle auf Pump lebten.

Wird zu viel gespart?

Generell werde in der Schweiz eher zu viel als zu wenig gespart, sagt hingegen Daniel Lampart, Chefökonom beim Schweizerischen Gewerkschaftsbund: «Es liegt nicht nur am Online-Handel, dass immer mehr Ladenfläche an bester Lage leer steht, sondern eben auch an der fehlenden Kaufkraft.» Für die Wirtschaft und die Arbeitsplätze sei es besser, wenn weniger gespart werde, denn so werde der Konsum angekurbelt.

Die steigende Sparquote begründet er mit der grösseren Angst um die eigene Pensionskassen-Rente und der Lohnschere. Die Topverdiener erhielten mehr, als sie ausgeben könnten. «Vor allem bei den Jungen schüren Banken und Versicherer die Angst vor einem Demografiekollaps und einer Krise der Altersvorsorge.» Dabei würden diese gezielt zum privaten Sparen animieren, um das eigene Geschäft voranzutreiben.

So sei es kein Zufall, dass das Credit-Suisse-Sorgenbarometer als grösste Sorge der Schweizer derzeit die Altersvorsorge ausweise. «Doch gerade für Junge, die das Geld eher zum Leben bräuchten, ist die AHV billiger als die 3. Säule.» Zudem würden nicht nur die Privathaushalte zu viel sparen, sondern auch der Bund und zunehmend die Firmen.

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