Konsumklima: Schweizer sparen, statt zu konsumieren
Aktualisiert

KonsumklimaSchweizer sparen, statt zu konsumieren

Sie sind die wichtigste Konjunkturstütze. Doch nun schlägt die Eurokrise auch den Konsumenten aufs Gemüt. Experten befürchten trotzdem keinen Absturz der Schweizer Wirtschaft.

von
Balz Bruppacher
Schweizerinnen und Schweizer legen Geld zur Seite, statt es auzugeben.

Schweizerinnen und Schweizer legen Geld zur Seite, statt es auzugeben.

Diese Nachricht kommt unerwartet: Der Index der Konsumentenstimmung, der vom Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) vierteljährlich erhoben wird, sank im Juli auf minus 17 Punkte. Das sind neun Punkte weniger als im April und entspricht dem tiefsten Stand seit letztem Oktober. Überraschend ist das Stimmungstief deshalb, weil andere Indikatoren auf ein anhaltend gutes Konsumklima hindeuten. So zum Beispiel die Autoverkäufe. Bis Ende Juli wurden 10 Prozent mehr Autos verkauft als in der Vorjahresperiode. Auch Bankökonomen hatten mit einer weiteren Zunahme der Konsumentenstimmung gerechnet.

Die Konsumlaune ist deshalb von Bedeutung, weil der private Konsum die mit Abstand wichtigste Komponente des Bruttoinlandprodukts (BIP) ist. Die Konsumentinnen und Konsumenten steuern etwa 60 Prozent zur Wirtschaftsleistung bei. Die Konjunkturexperten gehen davon aus, dass der private Konsum zusammen mit der Bauwirtschaft auch in diesem Jahr dafür sorgt, dass die Schweizer Wirtschaft weiterhin wächst. Trotz Krebsgang der Exporte und Krise im Tourismus.

Noch kein Alarmzeichen

Bringt die sinkende Konsumentenstimmung diese Prognosen nun ins Wanken? Noch handelt es sich nicht um ein Alarmzeichen, sagt der Seco-Ökonom Bruno Parnisari. Denn die Konsumentenstimmung gibt das subjektive Empfinden der 1200 befragten Haushalte wieder und sagt nichts darüber aus, wie sich die Konsumenten tatsächlich verhalten. Direkte Rückschlüsse von der Konsumentenstimmung auf das Wirtschaftswachstum sind auch aus einem anderen Grund nicht zulässig: Ob der private Konsum insgesamt wächst oder schrumpft, hängt nicht bloss vom Konsumverhalten des Einzelnen ab, sondern auch von der Zahl der Konsumenten. Und diese wächst bekanntlich mit der Zuwanderung.

Der Blick auf die Details der jüngsten Konsumentenbefragung zeigt, dass sich vor allem zwei Einschätzungen gegenüber dem April deutlich verschlechtert haben. Zum einen beurteilen die Haushalte die Entwicklung der Wirtschaft in den kommenden 12 Monaten deutlich kritischer. Dieser Teilindex sank innerhalb von drei Monaten um 18 auf minus 20 Punkte. Parnisari vermutet, dass die Unsicherheit über die internationale Entwicklung und vor allem die Eurokrise zu diesem Stimmungsumschwung führten. «Die Leute realisieren, dass die Schweiz sich nicht abkoppeln kann, sondern im gleichen Boot sitzt», sagt der Seco-Ökonom. Diese Interpretation wird durch den Vergleich mit der Konsumentenstimmung in den Nachbarländern untermauert. Der Schweizer Index verläuft fast parallel zu jenen in Deutschland, Frankreich, Österreich und Italien oder zum gesamten Index der EU.

Angst um Arbeitsplatz

Der zweite Teilindex, der sich deutlich verschlechtert hat, betrifft die Entwicklung der Arbeitslosigkeit. Deutlich mehr Haushalte (Indexanstieg von 49 auf 62 Punkte) als noch im April befürchten, dass die Zahl der Arbeitslosen in den nächsten 12 Monaten stark steigen wird. Auch die Sicherheit des Arbeitsplatzes wird schlechter eingestuft. Kaum verändert haben sich demgegenüber die Beurteilung der persönlichen finanziellen Lage der Haushalte und die Einstellung über den Zeitpunkt für grössere Anschaffungen. Auch die Sparmöglichkeiten werden nach wie vor positiv beurteilt. Fallende Preise, steigende Löhne und anhaltend tiefe Zinsen sollten den privaten Konsum weiterhin begünstigen, erklärt Credit-Suisse-Ökonom Maxime Botteron.

Dass die Stimmung trotz des Knicks im Juli nicht völlig im Eimer ist, macht auch die langfristige Entwicklung deutlich. So sackte der Index im Krisenjahr 2009 bis auf minus 49 Punkte ab, verglichen mit derzeit minus 17 Punkten. Die bis 1972 zurückführenden Daten zeigen zudem, dass die aktuelle Stimmung bloss vier Punkte unter dem langfristigen Durchschnitt liegt.

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