Aktualisiert 13.01.2006 10:06

Schweizer Stauseen mit historisch tiefem Stand

Zu Jahresbeginn haben die Schweizer Stauseen so wenig Wasser gehabt wie seit langem nicht mehr. Ihr Füllungsgrad betrug noch 50,2 Prozent. Die Stromwirtschaft setzt das wenige Wasser aber zielgerichtet ein: sie vergoldet das Nass und verkauft es teuer wie nie.

Der Füllungsgrad lag Ende 2005 deutlich tiefer als Ende 2004, als die Stauseen zu 67,2 Prozent ihrer Kapazität gefüllt waren. Am Ende des hydrologischen Jahrs (1. Oktober) nach dem Hitzesommer 2003 hatten die Speicherseen einen Füllgrad von 83 Prozent aufgewiesen.

Stromhandel lässt Pegel sinken

Stauseen weisen im Winter normalerweise wenig Wasser auf. Ihr Inhalt wird für den saisonal erhöhten Strombedarf gebraucht, Niederschläge fallen als Schnee und bleiben liegen, statt abzufliessen. Die Stauseen waren aber bereits im Herbst mit tiefen Pegelständen ins neue hydrologische Jahr gestartet.

Der Füllgrad betrug dann historisch tiefe 77,6 Prozent. Mit ein Grund für den tiefen Wasserstand war der Ausfall des Atomkraftwerks Leibstadt von April bis September 2005. Leibstadt liefert gewöhnlich 17 Prozent des schweizerischen Stroms.

Ein anderer Grund ist der liberalisierte Stromhandel. Bei guten Preisen an den Strombörsen können die Schweizer Wasserkraftwerke ihren Spitzenstrom vorteilhaft verkaufen.

Walter Hauenstein, Geschäfsleiter des Schweizerischen Wasserwirtschaftsverbands, erwartet von der herrschenden Wasserknappheit keinen Einfluss auf dieses Geschäft. Im Export lasse sich mit dem Spitzenstrom viel verdienen. Für die Grundversorgung im Inland werde dann einfach mehr Strom zu billigen Preisen importiert.

Die Elektrizitätsunternehmen würden ihre Wasserkraftturbinen bei tieferen Preisen nicht mehr laufen lassen und ihr Wasser für die hochpreisigen «Rosinen» bei Spitzenbedarf sparen.

Tiefe Flusspegel als Problem

Probleme für die Elektrizitätswirtschaft könnten laut Hauenstein weniger durch die Stausee-Pegel entstehen, als viel mehr durch die tiefen Flusspegel. Denkbar sei, dass thermische Kraftwerke wegen mangelnden Kühlwassers heruntergefahren werden müssten, sagte Hauenstein.

In Frankreich sei dies in besonders kalten und wasserarmen Wintern schon geschehen. Auch Flusskraftwerke könnten leiden. Für Wasserkraftwerke in den Bergen wäre das aber wieder ein Vorteil: Sie könnten mit - teurem - Spitzenstrom die Lücken stopfen.

Hoffen auf mehr Wasser

Giovanni Jochum, Geschäftsleitungsmitglied der Rätia Energie und dort zuständig für das Energiegeschäft, bestätigt den Trend zum Import billigen Grundversorgungsstroms und zum Export des teuren Spitzenprodukts.

Die Stauseen würden nicht mehr wie in der Vergangenheit primär zur Grundversorgung im Winter herangezogen, sondern auch im Sommer für die Spitzenproduktion. Das werde auch so bleiben. Sei das Wasser einmal bis auf die vorgeschriebene Minimalmenge fort, sei das Geschäft gelaufen. Die Branche hoffe aber auf ein wieder ausgiebigeres hydrologisches Jahr.

Stromimporte gestiegen

Der Landesverbrauch an Elektrizität stieg im vergangenen hydrologischen Jahr gegenüber der Vorjahresperiode um 2,1 Prozent auf einen neuen Höchstwert. 7,3 Prozent des Stroms oder 4500 Millionen Kilowattstunden wurden importiert. In der Vorperiode waren es noch 28 Mio. Kilowattstunden gewesen.

Die Schweizer gehören zu den grössten Stromverbrauchern Europas. Im Jahr 2003 verbrauchte ein Haushalt 5220 Kilowattstunden. Damit liegt die Schweiz auf Platz 6 der bewerteten Länder und deutlich über dem EU-Durchschnitt von 4040 Kilowattstunden.

(sda)

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